Shenja Lacher über Köche und Schauspieler

Der 22. Fall von „München Mord: Im Zweifel für den Zweifel“ nach einem Buch von Friedrich Ani wartet mit zwei Besonderheiten auf. Zum einen verabschiedet sich Christoph Süß als Kriminaloberrat Zangel ins Ministerium und hinterlässt eine große Lücke. Zum anderen zeigt er Shenja Lacher, der sich mit einem Interview vor zehn Jahren in der F.A.Z. vom Theater verabschiedete. Nun hat er eine Rolle, die er sich auch als Alternative zum Schauspiel hätte vorstellen können.

Herr Lacher, Ihre Rolle in „München Mord“ in drei Sätzen.

Der Koch ist völlig zerrissen. Er hat eine große Liebe verloren, war im Knast und versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Dann passiert wieder so ein Scheiß.

Ich steh auf so was. Ich mag das, in Untiefen zu wühlen und einen Menschen darzustellen, wie ich ihn auch kenne. Und dann das Kochen: Ich wollte früher immer Koch werden. Aber nicht in der Kantine. Ich wollte gleich High Class und auf Sterne­niveau kochen. Als ich in die Küche des Tantris bei den Dreharbeiten rein bin und den Herd gesehen habe, bin ich schon ausgeflippt. Dann konnte ich mit den Köchen dort kochen. Ein Traum.

Ich hab schon mit zehn meinem vier Jahre jüngeren Bruder Sachen kredenzt, die er dann essen musste. Das war aber zu DDR-Zeiten. Da gab es nicht viel. Für die Schauspielschule brauchte ich Abitur, und als ich nicht wusste, ob ich zugelassen werde, weil ich so schlecht in der Schule war – ich war mehr am Theater als an der Schule –, habe ich pro forma Bewerbungen geschrieben als Koch-, Restaurant- und Hotelfachmann. Dann hätte ich die klassische Laufbahn gesucht: Schweiz, Frankreich, mediterrane Küche. Das hätte mich interessiert. Wenn ein Essen im Restaurant richtig gut ist, kann ich eine halbe Stunde da sitzen und heulen, weil es so gut ist.

Was hat Sie zuletzt kulinarisch zum Weinen animiert?

Ich erinnere mich spontan an einen Pistazienkuchen in Italien. Dabei bin ich gar kein Kuchenfan. Wir saßen in einem Restaurant mit Blick auf die Natur. Dann kam dieser Kuchen von der Nonna. Eigentlich ess ich so was nicht. Aber diesen Kuchen kannst du nicht besser machen.

Was haben Sie aus einem Sternerestaurant wie dem Tantris mitgenommen?

Ich war Fan von denen. Habe sie gefragt: Was kostet so eine Kupferpfanne, und erfuhr: ab 200 Euro. Es gab eine Szene, wo ich am Herd irgendwas schmeißen musste, und das habe ich mich gar nicht getraut – denn der Herd ist deren Heiligtum, der wird gefühlt alle zwei Minuten geputzt. Das mache ich jetzt zu Hause auch. Oder wie sie das Gemüse machen – mit ganz wenig Wasser. Da ist fast kein Wasser drin, sondern Butter, Salz und Milch. Das bleibt mit Backpapier abgedeckt, bis es al dente ist. Allein der Fonds, der ewig lang köchelt, und wie schwarz die Zwiebeln teilweise sind mit Schale, damit sie Geschmack machen – was danach abgesiebt wird. Das hat mich fasziniert. Ich hab die Köche mit Fragen gelöchert. Ich bin auch selbst in der Küche pedantisch und genau. Manche Sachen habe ich übernommen: Allein, wie Brett und Messer da liegen. Das hat bei mir zu Hause auch eine absolute Ordnung.

Shenja Lacher (r.) mit Manuel Cortez in „München Mord“
Shenja Lacher (r.) mit Manuel Cortez in „München Mord“ZDF und Susanne Bernhard

Sie waren vorbereitet auf die Herausforderung, vor der Kamera zu kochen.

Das Tantris ist noch einmal eins drüber. Wie sie das Fleisch schneiden, das bearbeiten, wie Fasern und Sehnen weggeschnitten werden. Das Anrichten auf dem Teller. Das kommt im Film vor und ist eine echte Herausforderung. Wenn Bernadette Heerwagen so eine Bewegung macht (Lacher holt mit dem Arm aus), da muss ich – wenn die Kamera drauf ist – auf den Punkt schneiden oder flambieren – die Flamme muss auf den Punkt genau hochkommen. Ich liebe diese Herausforderungen und die technischen Vorgänge. Die Genauigkeit in der Küche finde ich toll. Und die sind so dermaßen genau in diesem Tantris. Das hat mir wahnsinnig imponiert. Ich finde inzwischen viele Übereinstimmungen zwischen Schauspielerei und Küche, wenn man es ernsthaft betreibt. Diese Akribie, wie die das machen. Ich arbeite auch nicht anders.

Sie meinen: ohne Fleiß kein Preis.

Ganz genau – auf jeden Fall. Die Vorbereitung, was darin steckt, wie akribisch die einzelnen Speisen und Produkte ausgesucht und vorbereitet werden. Wir haben ja in den freien Tagen gedreht. Da kamen Leute in ihren kleinen Autos. Die brachten zwei kleine Körbe mit den besten, wahrscheinlich an diesem Morgen gefundenen Steinpilzen. So perfekt, dass du sie gar nicht kochen, sondern gleich in den Mund stecken willst. Das wird dann genau überprüft. Die heiligen ihre Produkte, und so schmeckt das dann auch.

Ihr erster Kontakt zur Sterneküche?

Ich gehe schon öfter mal in ein Sternerestaurant und zelebriere das. Ich genieße die Weine dazu und das Erzählen darüber, wo alles herkommt und wie es aufeinander abgestimmt ist.

Wo ist die Parallele zur Schauspielerei?

Ich guck mir auch genau an, was ich arbeite. Wenn es nicht gut ist, kann ich es nicht machen. Dann sage ich ab. Ich kriege das nicht mehr überein. Wenn etwa das Buch schlecht ist, kriege ich Herzprobleme. Einmal kam das Drehbuch recht spät. Ich saß im Zug, hab’s gelesen, und auf Seite 10 habe ich angefangen zu heulen und gesagt: Ich kann das nicht machen, weil das Drehbuch so schlecht ist. Ich stehe da mit meinem Gesicht und muss versuchen, das zu retten – auch im Theater. Im Theater stand ich manchmal da und dachte: Das kann nicht wahr sein. Wie phantasielos kann man das machen, und wie dekadent kann man so viel Geld ausgeben für so wenig Ergebnis. Ich würde mich so langweilen mit so einer Larifari-Umsetzung. Du sollst nicht langweilen. Hey, das ist Entertainment, wir wollen unterhalten und eine spannende Geschichte erzählen. Ich vermisse in meinem Beruf oft Phantasie und Herzblut.

So weit, so wahr und eigentlich selbstverständlich. Gibt es da zwei Meinungen?

Für manche Kollegen sind nur die zwölf Drehtage wichtig. Dann fragst du: Und wie ist der Film? Dann kommt als Antwort: Na ja, aber es sind zwölf Drehtage. Darum geht es doch nicht. Die Frage ist: Ist es ein tolles Projekt, ein geiler Film?

Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?

Zur Vorbereitung laufe ich viel in der Gegend rum und mache mir meine Gedanken. Die schreibe ich mir auf, skizziere zu Hause, wie die Figur sein soll. Im besten Fall hat man einen Regisseur wie Anno Saul, der genauso akribisch arbeitet und im Fernsehgenre richtig Film macht. Der nimmt die Figuren ernst. Das tue ich auch. Egal, welches Genre das ist: Ich muss die Figuren ernst nehmen. Ich sage zu keinem Genre, nicht mal zu einer Soap: Das ist Mist. Wenn man sieht, wie die Leute sich anstrengen – da habe ich den allergrößten Respekt. Ich gucke auch „Sturm der Liebe“. Auch im „Traumschiff“ versuchen die Leute einen guten Job zu machen. Da findest du Kollegen, die Highlights setzen.

Die Stammbesetzung von „München Mord“: Marcus Mittermeier, Alexander Held und Bernadette Heerwagen.
Die Stammbesetzung von „München Mord“: Marcus Mittermeier, Alexander Held und Bernadette Heerwagen.ZDF und Jürgen Olczyk

Ich muss das ehrlich sagen und denke manchmal: Wow. Da sind echt gute Leute dabei. Zu Schauspielschulzeiten hieß es: Soap kannst du nicht machen, Serien kannst du nicht machen. Na ja, das ändert sich aber. Was die an Pensum wegschaffen. Die können sich abends gar nicht abschießen, weil sie funktionieren müssen. Mit dem vielen Text. Manche schaffen das richtig gut. Da ziehe ich meinen Hut.

Und das ist nicht normal?

Im Theater hast du riesengroße Aufbauten. Der Text wird rhythmisch skandiert, und das Einzige, was bei mir passiert, ist ein Lachanfall, weil ich denke, das ist ein Scherz. Für die ersten zehn Minuten hat das vielleicht seine Berechtigung – aber danach ist es tödlich langweilig. Mich berührt es null Komma null. Sauer werde ich, wenn auch in größeren Produktionen der Kollege keinen einzigen Satz Text kann. Da bin ich enttäuscht, wenn ich daran denke, dass der mehrere Tausend Euro pro Tag bekommt. Das macht mich ärgerlich. Denn dann bist du mehr mit den Nebenschauplätzen beschäftigt, wenn da mehr Allüre dabei ist. Mancher inszeniert sich als Schauspieler am Set – das hat mich nie interessiert. Ich finde das langweilig. Ich bin nur an der Sache interessiert. Deswegen finden Sie mich auch nicht auf irgendwelchen roten Teppichen. Ich bin da auch nicht gut drin. Ich guck mir das später gerne in der „Bunten“ an – die Leute in ihren Abendkleidern. Ich gehe aber selbst nicht hin. Mir ist das unangenehm. Ich arbeite lieber, halte mich im Hintergrund und ärgere mich, wenn ein Film Mist wird. Wenn das mal so ist, nagt das monatelang an mir.

Was für „München Mord“ nicht gilt?

Nein. Im Gegenteil. Meine Rolle in „München Mord“ kämpft um ihre große Liebe. Und die große Liebe ist ein Mann. Anno Saul (Regisseur) sagt: Es ist deine große Liebe, man sieht, wie du auf den Bock hast. Für den Take hat es sich allein gelohnt. Das, was er sehen will: die Liebe und den Verlust der großen Liebe.

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Was würden Sie gerne noch spielen?

Gerne mal Horror. So etwas wie „Open Water“, oder fünf Leute sind im Wald in einer Hütte, und von außen kommt eine Bedrohung, wie in „Blair Witch Project“. Ich kann mich nicht beschweren. Von den Besetzern werde ich vielfältig eingesetzt – vom Banker im feinen Anzug in der Deutschen Bank bis hin zum verlotterten Täter, der nachts sein Unwesen treibt. Da hat das Casting eine gute Phantasie zu mir. Es brauchte mehr Zutrauen von ganz oben. Klar wollen die Leute Krimis sehen – aber vielleicht könnte man auch mal andere Dinge entwickeln, Stoffe, die in einer anderen Zeit spielen.

Theater ist und bleibt meine große Liebe. Deswegen bin ich als Dozent an der Everding-Akademie und an der Falckenberg-Schule und freue mich, wenn ich junge Studierende vor mir habe, Leute, die unbedingt ans Theater wollen und spielen, spielen, spielen.

Ich würde alles in Bewegung setzen und Freunde von mir in Intendantenjobs aktivieren, wenn das Richtige kommt. Etwas, wo ich sage: Das muss ich spielen, etwas Kafkamäßiges, den ich noch nie gespielt habe, oder Shakespeare – für mich das A und O. Wenn du alles ironisierst, kannst du oftmals nicht berühren. Und das fehlt mir. Es muss berühren. Bei Shakespeare ist alles dabei: die Komödie, die Trumps, die Dealmaker, die Liebe, die fiesen Kirchenleute, die kleinen Leute. Aus einem Shakespearestück kannst du zehn machen, nur bitte mit Herzblut. Ich merk schon: Wenn es mir wehtut, muss ich wieder auf die Bühne. Vor Kurzem habe ich im Schauspielhaus Hamburg gelesen. Die Bühne hat mir sehr gefallen. Das gilt auch für Göttingen, wo ich im Deutschen Theater gelesen habe – ein guter Raum. Die Gänge, der Geruch. Da merke ich, dass ich ein absoluter Theaterfan bin.

Sie haben gerade die Single „Schweden“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Vor zwei Jahren bin ich mit dem Fahrrad durch Schweden gefahren immer an der Ostküste entlang. Drei Wochen allein, und habe dabei eine Trennung verarbeitet. Während ich fahre, kommen mir die ganzen Ideen. Also musste ich immer wieder anhalten und in einen Notizblock schreiben, was mir einfällt. Aus Schweden bin ich mit einem riesigen musikalischen Output zurückgekommen, was ich so nach und nach vertone mit Dominik Schiefner. So ist „Schweden“ entstanden. Vor Kurzem habe ich es einer Studentin vorgespielt die ein schwyzerdeutsches Lied gesungen hatte. Sie schreib zwei Strophen dazu und meinte: Wir brauchen noch ’n Bass. Das ist jetzt so ein Lied, das ich richtig mag.

München Mord – Im Zweifel für den Zweifel läuft am Samstag um 20.15 Uhr im ZDF.