

Gastgeschenke können heikel sein, gerade in geopolitisch angespannten Zeiten. Da traf es sich gut, dass Xi Jinpings kriselnder Lieblingsclub Manchester United kürzlich doch mal gewonnen hat. Und zwar gegen Arsenal London, den Lieblingsclub von Keir Starmer. Der britische Premier brachte Chinas Machthaber deshalb einen Spielball mit, von allen United-Spielern unterzeichnet.
Als Fußballfan hat Xi schon bessere Jahre gesehen, in der Geopolitik aber ist er der Gewinner der Stunde. Die Regierungschefs aus Ländern, die traditionell US-Partner sind und China jahrelang gemieden hatten, geben sich in Peking die Klinke in die Hand und schlagen dort bemerkenswert freundliche Töne an. „Alle pilgern in das Mekka unserer Tage, nach Peking“, sagt Alicia Garcia Herrero, Asien-Chefökonomin der französischen Investmentbank Natixis.
Vor Starmer kam im Dezember Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, mit dem Xi sogar einen seltenen Trip außerhalb Pekings machte. Macron dankte es, indem er wie ein Popstar in der ihm zujubelnden chinesischen Menge badete. Im Januar kam erst der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung und brachte eine 400 Teilnehmer zählende Wirtschaftsdelegation mit. Dann folgten Kanadas Mark Carney, der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo und nun Starmer, ebenfalls mit großer Wirtschaftsdelegation. Für Ende Februar, unmittelbar nach Chinas Neujahrsfest, wird der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erwartet.
Umschwung in der China-Politik
Starmers Reise illustriert den Umschwung in der China-Politik gut. „Die Regierungschefs gehen nach Peking, um sich strategisch abzusichern“, sagt Garcia Herrero. Sie meint eine Absicherung von US-Präsident Donald Trump, der mit seinen Zolldrohungen auch vor Partnerländern nicht halt macht. Es sei ein Fehler, die Beziehung zu China nicht gut zu managen, sagte Kanadas Regierungschef Carney in seiner vielbeachteten Rede in Davos. „Die hohen Zölle der USA produzieren Turbulenzen. Und es gibt nicht so viele andere große Märkte“, sagt George Chen, Partner der Denkfabrik The Asia Group in Hongkong. „Wohin kann man sonst gehen? Nach Indien oder nach China.“ Zudem beobachteten die Länder, dass Trump selbst China freundlicher behandle. „Warum sollten diese Länder dann nicht auch freundlicher gegenüber China auftreten?“
Die US-Regierung verfolgt die Bemühungen dennoch mit Argwohn. Schon an Carneys China-Reise hatte Trump Anstoß genommen und mit hohen Zöllen gedroht. Starmers Besuch und China-Neuausrichtung kommentierte Trump nun mit den Worten: „Das ist richtig gefährlich für sie, das zu tun.“ Unausgesprochen schwang dabei eine Drohung mit, denn Trump hatte mit Starmer voriges Jahr ein exklusives Handelsabkommen geschlossen.
Eine Rolle könnte spielen, dass die Regierungschefs mit ihren eigenen Reisen und Wirtschaftsdelegationen dem Dealmaker Trump zuvorkommen. Dieser plant selbst eine China-Reise. „Trump wird im April fast schon der Letzte sein. Wahrscheinlich ist er neidisch“, sagt Chen, der in früherer Funktion als Lobbyist für den Facebook-Konzern Meta tätig war. „Wenn Starmer 50 Vorstandschefs hat, will Trump mindestens 100.“
Doch Starmers Besuch zeigt auch, dass die Gründe für die Neuausrichtung nicht nur in der Geopolitik liegen. Der Sozialdemokrat Starmer versucht seit seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren, die Frostperiode zwischen London und Peking aufzutauen. Labour verspricht sich davon mehr Handel, mehr Investitionen und letztlich mehr Wirtschaftswachstum. Das kann der angeschlagene britische Premier dringend gebrauchen.
Starmer: „Warme und konstruktive“ Atmosphäre
In Peking schwärmte Starmer nach seinem fast dreistündigen Treffen mit Xi von der „warmen und konstruktiven“ Atmosphäre. Beim Mittagessen sprach Xi angeblich über Shakespeare, den er so schätze. Menschenrechtsthemen oder die Inhaftierung des Hongkonger Verlegers, Demokratieaktivisten und Peking-Kritikers Jimmy Lai habe Starmer hinter verschlossenen Türen angesprochen, hieß es.
Gerade der Fall Lais in der ehemaligen britischen Kronkolonie zeigt, wie groß die Wende in den Beziehungen ist. Vor zehn Jahren hatte der damalige Premier David Cameron in einem Pub von einer „goldenen Ära“ der Beziehungen geschwärmt, bevor er seinem Gast Xi zuprostete. Stattdessen wurde es eine eisige Ära.
Die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong war eine Station der Entfremdung; der britische Beschluss im Jahr 2020, alle Huawei-Bauteile aus dem 5G-Mobiltelefonnetz wieder auszubauen, eine weitere. Hinzu kam ein Spionageskandal in Westminster. Zwei Parlamentsassistenten sollen vertrauliche Papiere an China weitergereicht haben. Peking verhängte derweil Einreiseverbote gegen neun britische Abgeordnete. Auch um Chinas neue Botschaft in London wurde jahrelang gerungen.
Auch deshalb ist die Reise in Großbritannien umstritten, die Opposition und ein Teil der Medien tobten. Die Konservativen schimpfen, Labour-Premier Starmer habe „gekatzbuckelt“ vor den KP-Machthabern. China sei eine Gefahr für die nationale Sicherheit, kritisierte Tory-Chefin Kemi Badenoch. Starmer hätte besser nicht hinfahren sollen. Der Premier legte den Schalter dennoch um.
Peking bietet vor allem Symbolik
Peking sieht den Stimmungsumschwung gern, bietet seinen Gästen bisher aber vor allem Symbolik. Carney und Lee brachten einzelne Vereinbarungen mit, keine davon aber war geeignet, die Sorgen um die heimische Industrie zu zerstreuen, die Chinas Exportüberschuss in der ganzen Welt verursacht. Stattdessen öffnete Carney den kanadischen Markt einen Spalt weit für chinesische Autos und ermöglicht so noch höhere Ausfuhren.
Starmer hat nun etwa gelockerte Visa-Regeln ausgehandelt. Für Aufenthalte von bis zu 30 Tagen können Briten künftig ohne Visa einreisen. Die Regelung gilt schon für Dutzende Länder und ist im Interesse Chinas. Peking will damit ausländische Touristen ins Land locken, den Konsum ankurbeln und das China-Bild verbessern. Vereinbart wurde auch eine Senkung der Zölle auf schottischen Whisky, sie werden auf fünf Prozent halbiert.
Umgekehrt versprechen britische Unternehmen mehr Engagement in China. Der Chef des Pharmakonzerns Astra-Zeneca kündigte Investitionen von gut zehn Milliarden Pfund (etwa zwölf Milliarden Euro) an. „Die Regierungschefs bekommen fast gar nichts“, sagt Garcia Herrero. Oder anders ausgedrückt: China lässt sich die strategische Absicherung, nach der westliche Länder suchen, bezahlen.
Die Wirtschaft in Großbritannien zeigte sich dennoch erfreut über Starmers Neuausrichtung. „In einer zunehmend turbulenten Welt ist konstruktive Zusammenarbeit wichtiger als je zuvor“, meinte Jonathan Geldart, Direktor des Unternehmerverbandes Institute of Directors. China schreite schnell voran in Bereichen wie Windkraft, Solar, Elektrofahrzeuge und grüne Technologien. „Da ist es richtig, dass Großbritannien nach einer vertieften Kooperation strebt.“
