In der „Hölle von Herning“, wie die Riesenhalle in der dänischen Stadt genannt wird, fühlten sich die deutschen Nationalspieler am Freitag wie im siebten Himmel. Die Handballer hüpften, tanzten im Kreis, lachten und hatten allen Grund zur Ausgelassenheit. Hatten sie doch den langjährigen Angstgegner Kroatien 31:28 (17:15) geschlagen und erreichten damit als vierte Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ein Europameisterschaftsfinale.
2004 sowie 2016 unter dem jetzigen Kroatien-Coach Dagur Sigurdsson durfte am Ende sogar der Titelgewinn gefeiert werden. Sollte das Team des heutigen Bundestrainers Alfred Gislason am Sonntag (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei Dyn) im Endspiel gegen Gastgeber Dänemark – das sich im zweiten Halbfinale ebenfalls mit 31:28 gegen Island durch setzte – ähnlich geschlossen in Abwehr und Angriff auftreten wie beim ersten Pflichtspielsieg gegen Kroatien seit sechs Jahren, muss ihm nicht bange sein.
„Ich bin extrem stolz auf die Jungs, durch diese Todesgruppe durchgekommen und nun im Finale zu sein. Das ist eine phänomenale Leistung von allen“, sagte Gislason in der ARD. „Wieder eine grandiose Teamleistung“, betonte Julian Köster, nachdem er noch das Sieger-Selfie mit seinen Mitspielern gemacht hatte. „Das Foto wird jetzt in viele Familienchats gestellt“, sagte der Mann mit den längsten Armen im DHB-Team.
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratulierte der Mannschaft: „Herzlichen Glückwunsch zum Einzug ins Finale. Wir sind stolz auf Sie und drücken weiter die Daumen“, wurde Steinmeier nach dem Sieg gegen Kroatien auf seinem Instagram-Account zitiert.
Für den aktuellen, recht jungen DHB-Kader wird es das zweite große Finale binnen eineinhalb Jahren nach der olympischen Silbermedaille von Lille sein. In Herning werden sie abermals auf Weltmeister, Olympiasieger und Gastgeber Dänemark treffen. Torhüter Andreas Wolff, Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke wissen seit zehn Jahren, wie man sich als Europameister fühlt. Sie gehörten damals zu den „Bad Boys“, die überraschend den Titel gewannen.
Knorr zeigt Verständnis für die Kritik der Kroaten
Die Fragen vom Freitag, wie es wohl um die Abwehrkräfte hüben wie drüben bestellt sein würde, waren zum Teil schon vor der Partie beantwortet. Tom Kiesler, der bei seiner ersten EM-Teilnahme abblockt und zupackt wie kaum ein Zweiter im DHB-Team, erholte sich nicht rechtzeitig von seinem Magen-Darm-Infekt. Wie zwei Tage zuvor beim Sieg gegen Frankreich konnte der Abwehrkoloss von Gummersbach nicht eingreifen. Somit begann neben Julian Köster und Kapitän Johannes Golla im Innenblock Jannik Kohlbacher, teilte sich die Arbeit wie gewohnt abwechselnd und überzeugend mit Matthes Langhoff und Julius Fischer.

Die Kroaten dagegen zeigten, dass ihre Kräfte durch den Ortswechsel von Malmö nach Herning doch im Laufe der Begegnung etwas schwanden. Anfangs schien es so, als ob die Energie nicht so auf der Strecke geblieben wäre, wie von Sigurdsson in seiner Wutrede am Vortag befürchtet. Doch in der zweiten Halbzeit zeigten sie zwar viel Herz, aber Kraft und Konzentration ließen ersichtlich doch etwas nach.
Juri Knorr zeigte nach dem Spiel Verständnis für Sigurdssons Kritik. „Ich stehe voll hinter Dagur“, sagte der deutsche Spielmacher: „Er hat viele Punkte angesprochen, in denen ich ihm nur zustimmen würde“. Seiner Meinung nach hatten die Kroaten durch den Spielplan einen Nachteil. „Klar spielen die Kräfte eine Rolle“, so Knorr.
Wolff abermals bärenstark
Die deutsche Wand dagegen bröckelte anfangs gelegentlich, was die Kroaten nutzten, und die ersten 22 Minuten bis zum 13:12 lagen sie meistens in Führung. Doch weil Wolff wieder bärenstark agierte und Hand oder Fuß an den Ball brachte und sich vorne immer wieder ein neuer Angreifer fand, ging die DHB-Auswahl mit einer 17:15-Führung in die Pause. Die oft gerühmte Breite im DHB-Kader zeigte sich im Halbfinale, an dem anders als in einigen EM-Spielen zuvor kein Einzelner herausragte, sondern das stärkere Kollektiv entschied.
„Es war über 60 Minuten eine super Mannschaftsleistung“, sagte Lukas Zerbe, der mit sechs Treffern bester Werfer des DHB-Teams war: „Wir freuen uns jetzt heute, regenerieren gut und freuen uns dann aufs Finale.“ So wie sie heute verteidigt hätten, könnten sie jede Mannschaft schlagen.
Die Deutschen hatten sich, wie bei den beiden Testspielsiegen in Zagreb und Hannover kurz vor der EM, auf einen Gegner eingestellt, der sie vor unangenehme Aufgaben stellt. Und so kam es anfangs auch: Die Kroaten verrichteten ihre Abwehraufgaben zunächst auf offensive Weise. Marko Mamic versuchte, die Kreise von Juri Knorr früh zu stören. Mit so etwas kam Deutschland früher mehr schlecht als recht zurecht, aber am Freitag ziemlich gut: Sie zwangen die Kroaten, den Versuch abzubrechen.

Wenn Knorr keinen Durchschlupf für sich oder einen Mitspieler zum Anspielen fand, übernahm Fischer am Kreis, Köster und Co. im Rückraum den Abschluss. Auffällig zudem, dass die Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe öfter ins Spiel gebracht werden konnten als bei vorherigen EM-Partien. Mit Erfolg: Sie kamen zusammen auf zehn Treffer bei nur einem Fehlversuch.
Zwei Treffer ins leere kroatische Tor
Unfreiwillig entgegenkommend zeigten sich die Kroaten, wenn sie Überzahl herstellen wollten und Torwart Dominik Kuzmanovic zugunsten eines siebten Feldspielers herausnahmen. Das ermöglichte der DHB-Auswahl zwei Treffer ins leere Tor. Zweimal ließen sie Chancen ungenutzt, auch weil Wolff vom eigenen Tor aus nur den kroatischen Pfosten traf. Darüber ärgerte sich der Kieler aber weniger als über seine Vorderleute, als sie nach Lattentreffern zweimal langsamer reagierten als die Kroaten und ihnen damit Abschlüsse ermöglichten.
Als Golla nach 38 Minuten Knorr zu einer Sechstoreführung traf (22:16), schien das Halbfinale eine klare Richtung zu nehmen. Die deutschen Abwehrkämpen oder Keeper Wolff entschärften die Würfe der Kroaten, die in den ersten acht Minuten der zweiten Halbzeit nur einen Treffer erzielten. Im Angriff entfachte die DHB-Auswahl zwar kein Feuerwerk wie zwei Tage zuvor gegen Frankreich. Doch die von Gislason gut auf- und eingestellte Mannschaft spielte recht solide aus einem Guss und zog ein Stückchen davon.
Dass gegen Ende nicht alle technischen Fehler postwendend mit einem Gegentor bestraft wurden und die Kroaten höchstens auf drei Tore herankamen, lag vor allem am famosen Wolff, der auch zum „Player of the Match“ gewählt wurde. Am Ende schwebte der Torhüter in der „Hölle von Herning“ wie auf Wolke sieben.
Ganz nebenbei hatte der Vierunddreißigjährige zu feiern, dass er mit seinem 41. EM-Spiel zum bisher alleinigen Rekordhalter Klaus-Dieter Pedersen aufgeschlossen hat. Im Finale wird er ihn sogar übertrumpfen – im besten Fall mit seinem zweiten EM-Titel nach 2016.
