Modebilder aus Italien in Berlin zu zeigen – das könnte man als Provokation der deutschen Modehauptstadt verstehen oder auch einfach nur als Anregung. Die Gäste des F.A.Z.-Modeempfangs am Donnerstagabend verstanden die großformatigen Fotos Helmut Frickes von Modenschauen in Mailand und Florenz richtig als großartige Inspiration. Und doch wünschten sich einige, dass der Fotograf, der jahrzehntelang für die F.A.Z. arbeitete und es im Rentenalter auf freier Basis weiter tut, mal wieder Bilder von deutschen Laufstegen zeigt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn am Freitag begann die Berlin Fashion Week – und Fricke wartet wieder am Ende des Laufstegs auf gute Entwürfe.
Spektakuläre Ansichten und Aussichten
Auf dem traditionell im Januar stattfindenden Empfang am Vorabend der Modewoche feierten mehr als 250 Gäste im Atrium des Hauptstadthauses der Zeitung bei VDP-Weinen und alkoholfreien Getränken der Marke Franz von Fein. Designer, Manager, Stylisten, Fotografen, Kuratoren, Models und Schauspieler sahen spektakuläre Ansichten und Aussichten – eine Kollektion von Marine Serre über den Dächern von Florenz, einen goldenen Laufsteg von Dolce & Gabbana, Tod’s-Mode im Depot der Mailänder Straßenbahnen und Mads Mikkelsen als Männermodel für Zegna. Auf dem Podium erzählte Fricke, dass er schon seit 1993 an den großen Laufstegen sitze – da waren viele der Gäste des Abends noch gar nicht geboren.

Die Berliner Mode hat die F.A.Z. aber nicht vergessen. Auf dem Podium präsentierte Designerin Mira von der Osten mit zwei Models neue Entwürfe ihrer Marke Cruba. Sie macht dort weiter, wo sie vor zwei Jahren begann, als Donata Wenders zur Oscar-Feier in Los Angeles in einem handgestrickten Kleid aus den Tapes von drei alten VHS-Kassetten auftrat, nämlich den Magnetbändern der Filme „Paris, Texas“, „Himmel über Berlin“ und „Tokyo-Ga“ ihres Mannes Wim Wenders.
Magnetbänder als Blütenapplikationen
Auch am Donnerstagabend schimmerten die Bänder – als Oberteil und in Form kleiner Blütenapplikationen. „Mich begeistert immer wieder, wie dieses Material mit dem Licht spielt – einfach Glamour pur“, sagt von der Osten über die abendtauglich schillernden Bänder. Dafür braucht es nicht gleich einen ganzen Look: An die Enden eines Schals hat die Designerin Bänder geknüpft, die wie Fransen flattern.

Mira von der Osten hat an der Parsons School in New York Mode studiert und danach bei Tommy Hilfiger, Donna Karan und Zero Maria Cornejo gearbeitet. „Wenn Frauen in dieser Branche Mutter werden, machen sie sich oft selbständig, weil sie dann flexibler arbeiten können“, sagt von der Osten, die fünf Kinder hat, die nun alle erwachsen sind. Also gründete sie nach dem Umzug nach Berlin im Jahr 2009 die Marke Cruba, samt eigenem Laden mit Studio und Atelier an der Auguststraße.
Ihre Marke hat sich seitdem weiterentwickelt. Unter anderem entwirft sie Bademäntel für Hotels, die nicht aus Polyester sind, sondern aus Baumwolle mit Zero-Waste-Schnitt, die wiederum recycelt werden kann; so hat sie gerade für das neue The Florentin in Frankfurt den Bademantel entworfen. Außerdem hat sie sich dafür beworben, bei einer in Berlin gedrehten Netflix-Serie im Kostümdesign mitzuwirken. Und schließlich eröffnet sie im März einen Pop-up-Store in einer Galerie in München, auch Frankfurt kann sie sich vorstellen.
Die Klagen über die Berliner Mode hält von der Osten für übertrieben: „Wir haben wirklich relevante und international anerkannte unabhängige Designer in Berlin. Das ist ein Schatz, den wir hier haben.“ Soll niemand sagen, dass es in der Berliner Mode keine Hoffnung gibt.
