Eine solche Schimpftirade hatte es lange nicht gegeben bei einem großen Handballturnier. Kroatiens Trainer Dagur Sigurdsson saß bei der offiziellen Pressekonferenz der vier Halbfinalisten und ließ mit zornesrotem Gesicht seinem Furor freien Lauf. Es ging um die Terminplanung der Europäische Handballföderation (EHF), die das kroatische Team nach Sigurdssons Meinung vor dem Halbfinale am Freitag gegen Deutschland (17.45 Uhr/ARD) klar benachteilige. Um es vorwegzunehmen: Unrecht hatte Sigurdsson mit seiner Einlassung sicher nicht.
Während das deutsche Team in der Hauptrundengruppe 1 regulär am Montag und Mittwoch spielte und am Donnerstag vor dem Halbfinale die Vorzüge eines freien Tages genoss, mussten die Kroaten in Gruppe 2 am Dienstag und Mittwoch zunächst einen kräftezehrenden Doppelspieltag absolvieren. „Wir hatten sieben Spiele in zwölf Tagen, die letzten beiden innerhalb von 24 Stunden. Das ist verdammt viel und jeder weiß, was das im Handball bedeutet“, klagte der Trainer. Für die Kroaten und die ebenfalls fürs Halbfinale qualifizierten Isländer kam am Donnerstag außerdem eine mehrstündige Busfahrt vom vorherigen Spielort Malmö in Schweden ins dänische Herning hinzu. Dies sei für die Deutschen ein „echter Wettbewerbsvorteil“, gestand Nationalteammanager Benjamin Chatton.

:„Ich kam mir fast verarscht vor“
Nach Tagen des Haderns und Zweifelns meldet sich Juri Knorr beim 38:34 gegen Frankreich zurück – und zeigt eine seiner besten Leistungen im Nationaltrikot. Doch im Halbfinale wartet der nächste große Gegner.
Sigurdsson fand deutlichere Worte: Diese Terminplanung sei „nicht zu akzeptieren, das ist unfair und respektlos für die Spieler“, sagte der Isländer. Anstatt der dringend benötigten Regeneration nach dem letzten Hauptrundenspiel, das die Kroaten knapp gegen Ungarn gewannen, sei sein Team „vier Stunden mit dem Bus von Malmö gefahren“, erst um 14.30 Uhr angekommen „und unser Hotel ist nicht mal am Spielort Herning“. Sigurdsson musste dennoch zusammen mit einem Spieler sofort nach der Ankunft zur EHF-Pressekonferenz erscheinen, wie er schimpfte: „Jetzt fahren wir 35 Minuten vom Hotel zur Halle und wieder zurück. Es ist sechs Uhr, wenn ich zurückkomme. Wir hatten kein Training, wir hatten kein Treffen mit dem Team.“ Ein „Zirkus“ sei all das, „es ist eine absolute Schande“.
Der EHF gehe es bei der Europameisterschaft nur um eine „großartige Show“, echauffierte sich Sigurdsson: „Sie wollen einfach nur verkaufen. Sie bestellen Artisten, alles andere ist ihnen egal.“ Er bezeichnete die EHF als „Fast-Food-Firma“, man hätte die kroatische Delegation „in einen kalten Bus gepackt wie gefrorenes Hühnchen“. Der deutsche Bundestrainer Alfred Gislason bestätigte die Sichtweise seines Landsmannes in allen Punkten: „Er hat vollkommen recht und es tut mir leid.“
Die EHF reagierte am Donnerstag. Man nehme die Protestnote zur Kenntnis, allerdings sei der Zeitplan „allen Mannschaften spätestens bei der Auslosung der Endrunde mehr als sechs Monate vor Beginn der Meisterschaft bekannt“ gewesen. Auch seien „etwas längere Anreisen“ bei großen Turnieren üblich. Man werde die Organisation im Nachgang des Turniers „sorgfältig“ evaluieren.
Im zweiten Halbfinale trifft Gastgeber Dänemark auf Island, die Schweden dagegen sind raus
Ähnlich kurzweilig war es zuvor in der kroatischen Hauptrundengruppe zugegangen, fast jedes Team verlor in Malmö unerwartet Punkte. Am härtesten erwischte es die hoch gehandelten Schweden, die gegen Island verloren und sich gegen Ungarn ein verhängnisvolles Unentschieden leisteten. Das kostete die Schweden beim Heimturnier die Halbfinalteilnahme, ihnen bleibt das Trostspiel um Platz fünf gegen Portugal.
Das kroatische Team dagegen verlor nur einmal in der Vorrunde; belastbar einzuschätzen ist das Leistungsvermögen trotzdem nicht. Einerseits wirkt Kroatien leichter zu verwunden als noch bei der WM 2025, als die Mannschaft Silber gewann. Zu Turnierbeginn gegen Schweden präsentierten man sich noch chancenlos; gegen die zweitklassigen Ungarn lag das Team am Mittwoch mit vier Toren zurück. Als es darauf ankam, schlugen die Kroaten jedoch zu. In der 46. Minute gingen sie erstmals in Führung und gewannen knapp.
Eines der ausgebufftesten Teams im Welthandball stellt Kroatien ohnehin. Zahlreiche Spieler sind bei den großen Champions-League-Klubs aktiv – in Veszprem, Szeged und Paris. Gute Bekannte aus der Bundesliga sind dabei, wie Torwart Dominik Kuzmanovic (VfL Gummersbach), Kreisläufer Veron Nacinovic (THW Kiel) oder die Cousins dritten Grades David und Matej Mandic (MT Melsungen, SC Magdeburg). In Luka Cindric verfügt das Team über einen extrem erfahrenen Mittelmann, auch wenn er bei dieser EM bislang dosiert eingesetzt wird. Und dann ist da noch Sigurdsson, der Coach, der verbal mächtig austeilen kann und den stets der Ruf eines gewieften Taktikers umweht.
Dass Kroatien in der Vorbereitung vor dem EM-Start zweimal gegen Deutschland verloren hat (29:32 in Zagreb, dann 27:33 im Rückspiel in Hannover), muss in dieser Hinsicht kein Nachteil sein. Sigurdsson probierte in beiden Spielen viel aus, er hat gesehen, was er sehen musste. Die Favoritenrolle liegt seitdem klar bei den Deutschen. Es wäre Sigurdsson ein Fest, sein früheres Team (er gewann 2016 mit Deutschland die EM) und seinen Landsmann Gislason im Halbfinale auszucoachen. Erst recht mit dem Gefühl der Benachteiligung seitens der EHF.
Das deutsche Team ist somit gewarnt. Wie immer, wenn es gegen die Kroaten geht, dürfte auch diese Halbfinalpartie hitzig und ein bisschen nicklig werden. „Dafür sind sie bekannt, das ist ihr Spiel“, sagt Rechtsaußen Lukas Zerbe. Auch Torwart Andreas Wolff spricht voller Respekt vom kommenden Gegner: „Die sind immer dann am stärksten, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen.“
