Nahrungsergänzungsmittel für Kinder: Sinnvoll oder schädlich?

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder

Stand: 27.01.2026 17:55 Uhr
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Nahrungsergänzungsmittel für Kinder boomen. Doch nach Meinung von Experten sind sie überflüssig, teuer und können sogar schaden. Leicht kann es zu Überdosierungen und gesundheitlichen Risiken kommen.

von Bernd Thomas

Viele Eltern kennen das Problem: Quengelnde Kinder und nörgelnde Heranwachsende, die über Vollkornprodukte, Obst und Gemüse nur die Nase rümpfen. Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts bekommt jedes zwölfte Kind zwischen sechs und elf Jahren bereits Nahrungsergänzungsmittel, bei den Zwölf- bis Siebzehnjährigen ist es jedes fünfte. Von den siebzehnjährigen Jungen nutzt sie sogar jeder dritte.

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln nutzen geschickt das schlechte Gewissen besorgter Eltern aus. Ihre Produkte für Kinder suggerieren Mangelzustände. Sie präsentieren sich als perfekte Lösung, um Gesundheit, Wachstum und Entwicklung zu fördern, das Immunsystem zu stärken oder Kinder leistungsfähiger zu machen. Doch stimmt das?

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder: Überflüssig und riskant

Gesunde Kinder brauchen in der Regel keine Nahrungsergänzung, das ist wissenschaftlicher Konsens. Mangelerscheinungen, die zu Erkrankungen führen, gibt es hierzulande nur in Einzelfällen. Diese Kinder müssen untersucht und gezielt behandelt werden – zum Beispiel mit pharmakologisch wirksamen Medikamenten.

Versorgung mit Nährstoffen ausreichend

Daten dazu kommen aus unterschiedlichen Studien, wie der KiESEL-Studie oder der EsKiMo-II-Studie des Robert Koch-Instituts. Darin wurde das Ernährungsverhalten und die Nährstoffversorgung von Kindern und Jugendlichen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Versorgung mit Mikronährstoffen, also Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen, bei Kindern zwischen sechs und siebzehn Jahren grundsätzlich ausreichend ist.

Ausnahmen sind die Calcium-, Vitamin-D– und Jodzufuhr. Bei Mädchen ab zwölf Jahren liegt auch die Zufuhr von Eisen im Mittel unter der empfohlenen Menge. Da die Werte sich jedoch individuell stark unterscheiden können, hat auch ein niedrigerer Spiegel im Einzelfall nicht zwingend gesundheitliche Folgen.

Durch angepasste Ernährungs- und Verhaltensweisen lässt sich die Zufuhr von Mikronährstoffen oft verbessern. So wird beispielsweise Vitamin D nur in geringen Mengen über die Nahrung aufgenommen. Der überwiegende Teil wird im Freien durch Sonnenlicht in der Haut gebildet. Mehr Bewegung im Freien mit entsprechendem Sonnenschutz kann wirksam helfen.

Empfohlene Ergänzung bei Säuglingen: Vitamin D, K und Fluorid

Medizinisch empfohlen wird eine zusätzliche Nahrungsergänzung nur bei Säuglingen für Vitamin D zum Schutz vor Rachitis, für Fluorid bis zum Zahndurchbruch zur Vorbeugung vor Karies und einer zweimaligen Gabe für Vitamin K bei Vorsorgeuntersuchungen zum Schutz vor Vitamin-K-Mangelblutungen.

Verdacht auf Mangelerscheinungen bei Kindern abklären lassen

Wenn Eltern ernährungsbedingte Mangelerscheinungen bei ihren Kindern befürchten, sollten sie das immer ärztlich abklären lassen. Nur gezielte Untersuchungen belegen einen medizinisch relevanten Nährstoffmangel und ermöglichen Therapien, die gezielt und wirksam helfen. Nahrungsergänzungsmittel auf Verdacht einzusetzen, birgt dagegen gesundheitliche Risiken.

Keine verbindlichen Höchstmengen für Inhaltsstoffe

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder sind rechtlich Lebensmittel und frei verkäuflich. Es gibt sie als Pulver, Tabletten, Kapseln oder Saft, aber auch als Zusatz in speziell für Kinder designten und geschickt beworbenen Produkten wie Bonbons oder Fruchtgummis. Das ist nach Einschätzung vieler Experten bedenklich. Denn sie enthalten ernährungsphysiologisch wirksame Stoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren oder Pflanzenextrakte. Gesetzlich verbindliche Höchstmengen der Inhaltsstoffe für Kinder gibt es trotz Forderungen vieler Institutionen bisher nicht.

Kinder sind außerdem keine kleinen Erwachsenen. Das gilt besonders, was ihren Stoffwechsel betrifft. Zufuhrmengen von Nährstoffen und deren Wirkung im Körper können deshalb nicht einfach von Erwachsenen auf die vermeintlich geringere Menge und Wirkung bei Kindern heruntergerechnet werden.

Lebensmittel: Keine Zulassungspflicht

Was viele Eltern nicht wissen: Als Lebensmittel unterliegen Nahrungsergänzungsmittel im Gegensatz zu Medikamenten keiner Zulassungspflicht. Sie werden vor der Markteinführung nur angezeigt, aber nicht geprüft und genehmigt. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) fehlen für bestimmte Inhaltsstoffe teilweise sogar verlässliche Daten zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit.

Risiken durch Überdosierung und unkontrollierten Verzehr

Obwohl Nahrungsergänzungsmittel keine pharmakologische Wirkung haben dürfen, kann es leicht zu Überdosierungen und damit auf mittlere und längere Sicht zu erheblichen gesundheitlichen Risiken besonders für Kinder und Jugendliche kommen. Unkontrollierter Verzehr von Nahrungsergänzungsmitteln – beispielsweise in Form von Bonbons – kann das Risiko der Überdosierung zusätzlich erhöhen.

Gesundheitsrisiko Kupfer, Vitamin A, D und Melatonin

Langfristig kann zum Beispiel eine hohe Gabe an Vitamin D bei Kindern in schweren Fällen die Nieren schädigen. Zu viel Vitamin A kann langfristig angereichert werden und zu Leberschäden führen. Vitamin A kann außerdem Bauch-, Kopfweh und Durchfall bei Kindern verursachen. Das Spurenelement Kupfer sollten Kinder und Jugendliche überhaupt nicht als Zusatz bekommen. Eine Überdosierung kann giftig sein für Organe. Es kann sich in Leber und Gehirn anreichern und sie schädigen.

Auch Melatonin ist als Nahrungsergänzungsmittel für Kinder erhältlich. Kinderärzte raten vom Gebrauch allerdings ebenso ab wie das BfR. In seiner Begründung schreibt das BfR, dass „… noch vollkommen unklar sei, inwiefern Melatonin hormonell gesteuerte Prozesse, wie das Längenwachstum oder die pubertäre Entwicklung beeinflussen könnte“.

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder: Beunruhigende Testergebnisse

Tests von Nahrungsergänzungsmitteln speziell für Kinder, wie zum Beispiel die der Stiftung Warentest, zeigen, dass viele Produkte immer wieder als kritisch und sogar als nicht verkehrsfähig beurteilt werden müssen. Häufig enthalten sie überdosierte Inhaltsstoffe und überschreiten die vom BfR ermittelten und empfohlenen Höchstmengen deutlich. In einzelnen Produkten fanden sich doppelte Mengen der empfohlenen Dosis für Erwachsene. Zusätzlich sind viele Produkte sehr teuer. Das Marketing nutzt dabei geschickt Sorgen und Wünsche besorgter Eltern.

Verbraucherschützer: Fragwürdige Werbung durch Influencer

Die Verbraucherzentralen fordern in ihren Marktchecks zu Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder seit Jahren gesetzlich festgelegte Höchstmengen und mehr Kontrolle. Besonders kritisch bewerten sie außerdem die Werbung von Influencern in sozialen Netzwerken. Diese ist oft nicht als Werbung zu erkennen und arbeitet mit teilweise übertriebenen und unzulässigen Versprechungen.

Was tun bei viel Sport oder veganer Ernährung?

Auch Kinder, die viel Sport treiben, benötigen bei ausgewogener und angepasster Ernährung normalerweise keine Nahrungsergänzung. Wer befürchtet, dass eine vegetarische oder vegane Lebensweise der Kinder Mangelerscheinungen verursachen könnte, sollte sich von Kinderärzten beraten lassen, ob und welche gezielte Nahrungsergänzung im Einzelfall sinnvoll ist.

Monitoring soll Nährstoffversorgung verbessern

Die Versorgung mit wichtigen Mikronährstoffen von Kindern und Jugendlichen wird seit Kurzem durch ein kontinuierliches Ernährungsmonitoring des Max Rubner-Instituts überwacht und begleitet. Die Ergebnisse sollen Grundlage möglicher Empfehlungen sein, wie das allgemeine Ernährungsverhalten und die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen nachhaltig verbessert werden kann.

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