Für sie: Federvieh
Eigentlich würde man ja gerne nur noch über Lauren Bezos lästern, die das Meme der Woche ist, weil sie es schaffte, ein Dior-Outfit wie einen Amazon-Look aussehen zu lassen. Aber es gab ja noch andere Tuschelgründe bei den Haute-Couture-Schauen in Paris, zum Beispiel Nicole Kidman. Der Markenbotschafterin von Chanel wird vorgeworfen, in der Front Row eine Perücke getragen zu haben. Wir verstehen die Aufregung nicht, denn das ist erlaubt, weil es niemandem wehtut. Was hingegen nicht erlaubt ist: offene Haare auf Federn tragen. Da verheddert sich alles, und die Federn können die Frau nicht mehr sanft umwehen.

Eine Chignon-Frisur wäre hier also besser, aber eben nicht perückentauglich gewesen. Und was leider wirklich wehtut: sich mit fremden Federn schmücken. „Ich interessierte mich für Vögel, weil sie frei sind, reisen, von jedem Ort kommen. Ich dachte, das sei eine schöne Metapher für Frauen heute“, sagte Chanel-Designer Matthieu Blazy der Vogue. Klar, es gibt nichts Schöneres als wippende Federn! Vor ein paar Wochen allerdings postete die Modedesignerin Stella McCartney ein blutiges Video über die Millionen Straußenvögel, die jedes Jahr für Leder und ihre Federn sterben. Daran musste man leider denken, als Modenschauengäste, noch ganz benommen von ihrem Glück über ihre Einladungen, die Vogel-Metapher nachplapperten. Als Stella McCartney im vorigen Jahr eine vegane Federalternative namens „Fevvers“ präsentierte, plapperte das kein Modepapagei ins Netz. Dabei könnte man daraus sogar schöne Perücken machen.
Für ihn: Paradiesvogel
Dieser fantastisch gekleidete Mann ist Law Roach, und dass er so souverän extravagant aussehen kann, ist bei ihm gewissermaßen eine Berufskrankheit: Roach ist einer der prägendsten Stylisten der vergangenen zehn Jahre, viele strahlende Auftritte von Zendaya, Céline Dion oder Ariana Grande und Dutzende Met-Gala-Looks gehen auf sein Konto. Bei Menschen, die derart für Mode und den ersten Eindruck leben, gibt es beim eigenen Auftreten zwei Möglichkeiten. Entweder sie selbst tragen völlig zeitlose, schwarze Ewigkeitslooks und bleiben immer im Hintergrund, damit nichts von ihrem Werk ablenkt.

Oder aber sie zeigen ihr Talent auch an sich selbst und machen, wie hier Law Roach vor der Schiaparelli-Show, mühelos klar, wie gut und vielschichtig Männer eigentlich aussehen könnten. Diese Kombination aus dramatisch schwingendem Gehrock mit schönem Revers, einer raffiniert gerafften Ballonhose und dem blendenden weißen Hemd wirkt jedenfalls wie das Attire eines flamboyanten Kommandanten der britischen Marine im 17. Jahrhundert. Es balanciert vordergründige männliche und weibliche Aspekte so gut aus, wie es Roach schon mit seinen langen Haaren und dem Dreitagebart vorgibt – kann alles zusammen funktionieren und sich dann jeglicher Schubladisierung entheben. Ein weiterer interessanter Aspekt bei dieser Personalie – Roach ordnet sich selbst ins Lager der Aromantiker ein. Das bezeichnet eine Gruppe Menschen, die keine romantischen Gefühle für andere Menschen entwickeln können. Für die Eigenliebe gilt das aber offenbar nicht, sonst könnte man sich selbst wohl kaum so romantisch kleiden.
