Neue Staffel von Netflix-Serie „Bridgerton“ erinnert an Aschenputtel

Benedict Bridgerton (Luke Thompson) ist das, wofür der Fachterminus „Rake“ eingeführt wurde. Er ist der zweitälteste Sohn der Familie Bridgerton, was in der höheren englischen Gesellschaft bedeutet, dass Titel, Grundbesitz und Verpflichtungen an den Ältesten gehen und der Nachgeborene je nach Veranlagung eine Karriere als Mann der Kirche oder eben als Freund der losen Sitten anstrebt. Ganz hoffnungslose Fälle begeben sich gar in die Niederungen der Erwerbsarbeit und schachern mit Immobilien herum.

Heiraten wäre im Übrigen auch gut

Das hat Benedict nicht vor, gottbewahre, aber ein wirkliches Ziel im Leben hat er auch nicht. Seine Neigung zur Kunst verfolgt er nach einigen Rückschlägen nur noch halbherzig, die Frauen laufen ihm mehr zu, als dass er sie erobern müsste. Dann steht eines Morgens seine Frau Mutter im verlotterten Schlafzimmer, reißt die Vorhänge auf und bittet den Filius im Beisein zweier unversehens in die Szenerie geratener Damen dringend, sich jetzt endlich einmal zusammenzureißen. Und heiraten wäre im Übrigen auch gut.

Halbherzig stimmt Benedict zu, auch wenn er, ebenso wie sein blaustrümpfiges Schwesterherz Eloise (Claudia Jessie), nicht vorhat, sich bald mit Familienpflichten zu belasten. Bei einem Maskenball im elterlichen Haus, der die Saison eröffnet, wimmelt es natürlich vor heiratswilligem Nachwuchs aus gutem Hause. Doch für niemanden kann sich Benedict erwärmen – bis eine geheimnisvolle Dame in Silber (Yerin Ha) auftaucht. Wer ist die Schöne mit der Larve? Wo kommt sie her? Schnell ist sie wieder fort und hinterlässt nichts als einen Handschuh und ein heftiges Verliebtheitsgefühl bei Benedict.

Nach und nach kommen die Kinder der Familie unter die Haube

Um diese beiden dreht sich die vierte Staffel der äußerst erfolgreichen Serie „Bridgerton“. Nach und nach werden die Kinder der Familie unter die Haube gebracht, und weil es eine Menge Kinder sind, besteht auch Potential für eine Menge Staffeln. Dazu kommen haufenweise Nebenfiguren mit Nebenhandlungen. Das ist gut, denn was sonst soll einen in diesen Zeiten schon aufheitern, wenn nicht gut gemachter, opulenter Eskapismus mit Herz? Historische Genauigkeit verbietet sich ohnehin, längst hat sich das Bridgerton-Universum der Produzentin Shonda Rhimes als ganz eigenes Konstrukt mit eigenen Regeln eta­bliert. Darin ist es nicht einmal abwegig, dass Queen Charlotte (Golda Rosheuvel) regelmäßig die Verfasserin einer Klatschkolumne zu sich zitiert, um sich die saftigsten Geschichten persönlich vortragen zu lassen.

DSGVO Platzhalter

Doch zurück zu dem Aschenputtel mit dem Handschuh, denn ihre Geschichte bestimmt die vierte Staffel. Diese Sophie Baek, so heißt sie, lebt märchengemäß im Haus ihrer Stiefmutter samt Stiefschwestern und wird als Dienstmädchen ausgenutzt. Nachdem herauskommt, dass sie sich verbotenerweise auf den Ball geschlichen hat, nimmt sie eine Stelle auf dem Land an. Dort wird sie von jungen Rüpeln bedrängt, doch der ebenfalls als Gast anwesende Benedict Bridgerton setzt sich für sie ein. Er ist vielleicht ein Taugenichts, aber einer mit Anstand. Das Handgemenge verschafft ihm eine Fleischwunde, die Sophie dann erst einmal ausführlich gesund pflegen kann. Sophie weiß natürlich, wen sie vor sich hat, doch Benedict ist nicht sonderlich begabt darin, sich die Mundpartien junger Damen zu merken, und erkennt sie nicht.

Und nun entspinnt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die so dick aufgetragen ist wie gewohnt. Die Geschichte Sophies jedoch ist mit anrührender Zartheit erzählt, auch deshalb, weil die Stieffamilie keine Karikatur charakterlich verdorbener Niedertracht ist. Eine der Schwestern sympathisiert heimlich mit der vermeintlichen Dienstbotin, die Stiefmutter fühlte sich vom Vater hintergangen, die Lage und die Gefühle der Beteiligten sind durchaus komplex. Und das gesamte Dienstbotengeschoss fiebert mit, ob Sophie es nicht doch schaffen sollte, ihren Prinzen zu erobern.

Das Ende kennen wir nicht, denn Netflix hat uns erst vier Folgen zur Vorschau bereitgestellt. Doch die reichen, um sich der Dienstbotenebene anzuschließen und Sophie und ihrem Angebeteten aus besserem Hause die Daumen zu drücken. Auch, wenn Benedict sie eigentlich nicht verdient hat. Das märchenhafte Ende, das die Staffel garantiert nimmt, sieht aber sicherlich auch vor, dass der einstige Wüstling geläutert in den Hafen der Ehe einläuft, weil er endlich die Richtige gefunden hat. Auch das ist anders als im echten Leben, aber durchaus genrekonform – und genau das, was man von ein paar bunten Stunden guter Unterhaltung erwartet.

Die vierte Staffel von Bridgerton startet am Donnerstag bei Netflix.