Kulturszene in den USA: Sie dulden die Übergriffe ihres Präsidenten nicht mehr – Kultur

Als der Komponist Philip Glass am vergangenen Dienstag die Uraufführung seiner 15. Symphonie im Kennedy Center in Washington D.C. absagte, war das ein exemplarisches Signal der Kulturszene, dass sie die Übergriffe der Trump-Regierung nicht mehr duldet. Im Dezember erst hatte Trump das nationale Kulturzentrum in „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ umbenannt. Zum Vorstand hatte er sich schon im Februar vergangenen Jahres selbst berufen und seinen Mann für besondere Aufgaben, Richard Grenell, zum operativen Chef ernannt. Seinen Kulturbegriff illustrierte Trump mit der Auswahl für den Kulturpreis „Kennedy Center Honors“, den er 2025 unter anderem an die Band Kiss, den Countrysänger George Strait und den Filmstar Sylvester Stallone verlieh.

Absagen gab es seither viele. Die Sopranistin Renée Fleming, das Jazzquintett The Cookers und die Martha Graham Dance Company zum Beispiel. Die Washington Opera verlegte ihren Standort aus dem Center in einen Saal der George Washington University. Philip Glass aber sagte nicht nur ein Gastspiel ab, sondern die Premiere einer Auftragsarbeit für das National Symphony Orchestra.

Die Martha Graham Dance Company in der Berlin Staatsoper (Archivfoto).
Die Martha Graham Dance Company in der Berlin Staatsoper (Archivfoto). (Foto: BriganiArt/Bartill/imago images)

Vor sechs Jahren bekam Glass den Auftrag, eine Symphonie zum Andenken an Abraham Lincoln zu komponieren

Philip Glass ist einer der Giganten der zeitgenössischen Musik. Auf der Liste der meistgespielten noch lebenden Komponisten steht er auf Platz 3. Vor sechs Jahren hatte der heute 88-Jährige den Auftrag bekommen, eine Symphonie zum Andenken an den Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln zu komponieren. Als Grundlage nahm er die Lyceum-Rede, mit der Lincoln 1838 die Verteidigung der Demokratie gegen Feinde von außen und von innen beschwor, gegen die Macht der Horden und gegen politischen Furor. Glass schrieb: „Die Symphonie Nr. 15 ist ein Porträt von Abraham Lincoln, und die Werte des Kennedy Centers stehen heute in direktem Widerspruch zur Botschaft der Symphonie.“

Aufgewachsen als Sohn eines Schallplattenhändlers in Baltimore galt Philip Glass dort schon bald als Wunderkind. Mit zehn Jahren spielte er in lokalen Orchestern. Von 1952 bis 1956 studierte er an der University of Chicago Mathematik und Philosophie, von 1959 bis 1962 an der Juilliard School of Music in New York. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Steve Reich wurde er zu einem der Pioniere der Minimal Music. Das ist eine Musik, die – angelehnt an indische Ragas und afrikanische Polyrhythmik – mathematisch präzise Ton- und Akkordfolgen über- und gegeneinander schichtet. Wiederholungen und betont langsame Entwicklungen sind eines der Merkmale. Dabei entsteht ein Effekt, der eher die Trance asiatischer und afrikanischer Rituale erzeugt als die Emotionalität der europäischen Orchestermusik.

Die Trump-Regierung versuchte, die Absage sofort umzudeuten

1976 begann er mit seiner bislang erfolgreichsten Oper „Einstein on the Beach“ seine Trilogie der „Portrait Operas“, die er mit Werken über Mahatma Gandhi und König Echnaton fortsetzte. Beim breiten Publikum wurde er 1982 mit seiner Musik für Godfrey Reggios Filmcollage „Koyaanisqatsi“ bekannt. Hollywood wurde sein lukrativster Auftraggeber. Über 50 Film- und Fernsehmusiken schrieb er. Das reichte von Dokumentarfilmen über historische Dramen wie Martin Scorseses „Kundun“ oder Paul Schraders „Mishima“ bis zu Horrorfilmen oder dem Marvel-Comic-Epos „Fantastic Four“. Die Grenze zwischen Kunst und Kommerz blieb ihm fremd. Sein Gesamtwerk umfasst von der Kammer- und der Ballettmusik bis zu Klaviersonaten und Symphonien sämtliche Formen. Dabei wurde sein Klangbild aus repetitiven Mustern, Schleifen und Arpeggien zu einem akustischen Markenzeichen.

Die Trump-Regierung versuchte, seine Absage sofort umzudeuten. Eine Sprecherin des Zentrums wiederholte die Reaktion auf die meisten der Absagen: „Linke Aktivisten drängen Künstler dazu, ihre Auftritte abzusagen.“ Politik sollte in den Künsten keinen Platz haben. Ob und wenn ja wo die 15. Symphonie nun uraufgeführt wird, ist bisher noch unklar.