Haute Couture in Paris: Natur, Drama und Designer-Debüts

Die Haute-Couture-Woche in ­Paris – ein Naturspektakel. Mit rosa Alpenveilchen lädt Dior zum Defilee, im Schauenzelt am Musée Rodin hängen sie von der ­Decke und von den Ohren der Models. Chanel lässt meterhohe Pilze im Grand Palais sprießen, und bei Schiaparelli flaniert ein Clownfisch über den Laufsteg. Gilt auch in der hohen Schneiderkunst das Gesetz der Natur, das Recht des Stärkeren? Wer ­gewinnt den Kampf um Aufmerk­samkeit?

Dieser Saison wurde entgegengefiebert wie selten zuvor: Bei Chanel und Dior zeigen neue Chefdesigner ihre ersten Couture-Kollektionen. Matthieu Blazy und Jonathan Anderson sind beide erst 41 Jahre alt, tragen meist Jeans und verstehen Trends. Von ihnen wird erwartet, dass sie der Couture den Weg in die Zukunft weisen – in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Die Zukunft muss bei Dior eine Stunde lang warten. Doch auf Rihanna wartet man gerne. Strahlend spaziert sie gemächlich zu ihrem Platz nahe Brigitte Macron, Jennifer Lawrence, Jeff Bezos und dessen Ehefrau Lauren Sánchez Bezos.

Sowas gibt es nur in der Haute Couture

Haute Couture ist für die Luxusmarken Imagepflege. Hier sieht man mehr Stars als bei Filmpremieren. Demi Moore, Teyana Taylor und Carla Bruni sitzen bei Schiaparelli in der ersten Reihe, bei Chanel posieren Nicole Kidman, Dua Lipa und Tilda Swinton für die Kameras, und die Valentino-Show lassen sich Dakota Johnson und Elton John nicht entgehen.

Dass nach der Schau bei Dior in den sozialen Medien vor allem Fotos der Kleider kursieren, zeugt von Andersons Talent und dem Können der Petites Mains, der Schneiderinnen. Sie fertigen jedes Stück in vielen Arbeitsstunden per Hand. Solch feine Stickereien, einzeln applizierte Federn und aus Seide gefertigte Blütenblätter gibt es nur in der Haute Couture. Anderson, der mit der Couture zunächst fremdelte, fand so seinen Zugang: Er sieht sie als Handwerkskunst, die es zu bewahren gilt. Und zeigt, dass Couture cool sein kann.

Von Jonathan Anderson: Dior
Von Jonathan Anderson: DiorReuters

Drei Göttinnen-Kleider mit ballonartigen Röcken aus Seiden-Georgette in Schwarz, Weiß und Orange eröffnen das Defilee. Sie scheinen locker drapiert, wie vieles in der Kollektion. Die klaren Silhouetten er­innern an Andersons Vorvorgänger Raf Simons. Man sieht auch überraschend viel Strick. Anderson spielt mit Gegensätzen, kombiniert etwa einen orangefarbenen Woll­pullover zu einem Minirock aus grünen Federn über einer schwarzen Hose. Christian Diors ikonische Bar-Jacke wird zum glänzenden Ledermantel. Ein schulterfreies Kleid mit scheinbar steifem, ausgestelltem Rock mit rosa Seiden-Blüten ist eine Hommage an das „Miss Dior“-Kleid von 1949.

„Das war unglaublich!“

Überhaupt sind Blumen überall, auf Kleider gestickt, in Form von Ohrschmuck, oder sie zieren die Schuhe. Zur lässigen Romantik passt der Soundtrack. „Vier Jahreszeiten“, Nico und zuletzt ­Portisheads „Glory Box“. Seine Freude am Absurden zeigt Anderson bei den Taschen, etwa in Form eines Marienkäfers, einer Kopfstütze oder einer bodenlangen grünen Tasche – als ­hätte das Model gerade ein Stück Rasen aus der Reinigung geholt.

DSGVO Platzhalter

„Das war unglaublich!“, ruft Rihanna auf dem Weg in den Backstagebereich, wo das Gedränge groß ist. Modekritikerin ­Suzy Menkes, die mit ihren 82 Jahren wohl mehr Dior-Shows gesehen hat als alle anderen, findet die Kollektion „sehr stark“.

Doch was sagen die Frauen, die die Kleider vom Preis eines Kleinwagens letztlich kaufen sollen? Zwei braun gebrannte Damen aus Beverly Hills um die 50, von Kopf bis Fuß in Dior und auf der ­Suche nach einem Brautkleid, sind un­sicher. „Es war wunderschön, doch ich muss es erst mal sacken lassen.“

Das Savoir-faire scheint keine Grenzen zu haben

Auch die Kundinnen bei Chanel können sich auf Neues freuen. Die Gäste treten aus dem strömenden Regen in einen psychedelischen Märchenwald: Rosa Pilze, manche fast so groß wie Häuser, wachsen aus dem flauschigen Teppich. Für Blazys Couture­-Debüt hat man keinen Aufwand gescheut. Die leichte und tragbare Kollektion markiert ein neues Kapitel in der Geschichte des Hauses. Gabrielle „Coco“ Chanel befreite einst die Frauen von Korsett und aufgebauschten Röcken. Blazy treibt das auf die Spitze und macht das klassische Kostüm zur zweiten Haut: Es ist aus nahezu durchsichtigem Organza gefertigt, dessen Saum mit Perlen verziert ist. Wie bei Coco Chanel reichen die geraden Röcke bis zur Wade. Das Brautkleid ist ein locker geschnittenes Kostüm in Perlmutt, als ­Variation der für Chanel typischen Perlen. Blazy zeigt Farbe in Form roter Tweeds und zartgrüner Kleider.

Von Matthieu Blazy: Chanel
Von Matthieu Blazy: ChanelAP

Seinen Stil sieht man auch in einer Trompe-l’Œil-Hose: Bei Bottega Veneta hatte er eine Lederhose gestaltet, die von einer Jeans nicht zu unterscheiden war, nun lässt er semitransparenten Stoff zu Denim werden. Das ­Savoir-faire scheint keine Grenzen zu haben: Die Knöpfe sind winzige Vögelchen, ein Set aus hellblauem Top und Rock ist mit roten Pilzen bestickt, Tweed geht nahtlos in Federn über.

Treu bleibt man sich bei Armani

Mehr Fauna als Flora sieht man bei Schiaparelli. Das Highlight ist ein eng anliegendes Kostümkleid, das die Trägerin zum wandelnden Clownfisch macht. ­Das wirkt so dramatisch wie die opulenten Kleider in Schwarz und Beige mit kunstvoll plissierten Röcken. Rahul Mishra setzt ebenfalls auf die Dramatik der Natur und schickt die vier Elemente mit viel Glitzer über den Laufsteg. Alles wie gewohnt. Treu bleibt man sich auch bei Armani im stillsten Debüt der Saison: Nach Jahrzehnten an der Seite ihres kürzlich verstorbenen Onkels zeigt Silvana Armani eine elegante Kollektion, setzt dabei aber mehr auf fließende Stoffe in Rosa und Grün.

Silvana Armani setzt auf fließende Stoffe.
Silvana Armani setzt auf fließende Stoffe.Reuters

Alessandro Michele hat wohl geahnt, dass die Augen auf andere Laufstege gerichtet sind. Den Gästen wird zuvor eine Glocke geschickt: Zeit für Valentino! Zunächst bleibt es dunkel. Elton John wird ungeduldig. „Es fühlt sich an, als säße man bei einer Totenwache“, sagt er zu seinem Ehemann. Doch dann öffnen sich die Klappen in den Wänden, und wenig später johlt der Sänger begeistert. Man sitzt am Kaiserpanorama: Jeder schaut durch seine Luke auf den Laufsteg, ist ganz bei sich und den Kleidern. Das Defilee wird zur Peepshow. Ein klinischer Blick, ohne Ablenkung, sagt Michele später backstage: „Ich bin ein Voyeur!“

Von Alessandro Michele: Valentino
Von Alessandro Michele: ValentinoValentino

Für seine Kollektion blickt er auch in die Zwanziger: bestickte Umhänge, Kleider in Gold und Silber, Halskrausen und halterlose Strümpfe. Das Valentino-Rot leuchtet an einem Kleid mit tiefem Ausschnitt und lockerem Knoten. Vom Kostümierten geht Michele zum Glamour über. Valentino Garavani hätte es gefallen. Als er vor Kurzem starb, war die Kollektion längst fertig, dafür eröffnet seine Stimme die Schau: „Ich war immer ein Träumer.“ Alessandro Michele sagt: „Er wollte Frauen zu Göttinnen machen.“

Bei Viktor und Rolf lässt man die Frauen hingegen in den Himmel steigen. Die Modenschau wird zur Live-Performance. Die Niederländer umhüllen ein Model mit farbigen Halskrausen und Umhängen, bis sie als knallbunter Drache zur Decke schwebt. Da schaut man kaum auf die schwarzen Kleider der anderen Models. Dabei stehen auch bei diesem Spektakel die Kleider im Vordergrund.