Gut möglich, dass Dagur Sigurdsson die Wutrede des früheren Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni kennt: Der Isländer spielte im „Was-erlauben-Strunz“-Jahr 1998 als Handballprofi beim Bundesligaklub LTV Wuppertal.
Mit seiner Tirade vor dem EM-Halbfinale gegen Deutschland (17.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, in der ARD und bei Dyn) stand Sigurdsson dem italienischen „Flasche-leer“-Schöpfer aus dem Fußball um nichts nach. Erzürnt hatte Kroatiens Nationaltrainer, dass sein Team am Dienstag und Mittwoch in Malmö spielen musste und am nächsten Morgen vier Stunden aus Südschweden hinüber zum dänischen Spielort Herning gekarrt wurde – „wie Tiefkühlhähnchen in einem Bus“.
Vor allem die Europäische Handballföderation (EHF), die für das Turnier und seine Bedingungen verantwortlich ist, nahm Sigurdsson aufs Korn. Der Verband sei wie ein „Fast-Food-Laden“: „Er schert sich nicht um Qualität, sondern verkauft nur.“
Sigurdsson: Das ist „unfair“ und „schockierend“
Wie es seinen Spielern gehe, kümmere die Funktionäre ebenso wenig wie die Tatsache, dass er bis zum Donnerstagabend keine Zeit für Training oder Teambesprechung gehabt habe. Dies sei „unfair“ und „schockierend“ und lasse das EM-Motto „Pure Greatness“ („wahre Größe“) wie Hohn erscheinen.
Ob die fehlende Regeneration der kroatischen Spieler mit Mentalität wettzumachen ist? Das junge Team, das an die Auftritte der im Vorjahr zurückgetretenen Stars Domagoj Duvnjak, Igor Karačić und Ivan Pešić anknüpft, deckt gerne offensiv, was den Deutschen nicht sehr behagt. „Das Wichtige ist, dass man denen nicht das Gefühl gibt, dass wir uns davon beeindrucken lassen“, sagte Renars Uscins, bester deutscher Turniertorschütze.
Seit einer kleinen Handballewigkeit sind die Kroaten bekannt für ihre Kraftakte. Dafür, dass sie bis zur letzten Spielsekunde mit enormer Energie und Emotion zu Werke gehen. Die Ungarn bekamen am Mittwoch beim 25:27 als Letzte zu spüren, dass ein schöner Vorsprung gegen den WM-Zweiten des Vorjahres nicht unbedingt reicht.
Bei bisher allen 17 Europameisterschaften am Start, steht Kroatien zum zehnten (!) Mal im Halbfinale. Für den ganz großen EM-Wurf hat es bisher nicht gereicht: Kroatien gewann dreimal Silber und Bronze. Bei Olympischen Spielen (1996 und 2004) und der WM (2003) gab’s jeweils Gold. „Wir sind mit großen Träumen hierhergekommen – jetzt leben wir diese Träume“, sagte Spielmacher Luka Cindrić vor dem Duell gegen Deutschland.
„Ich verstehe, dass die Planung nicht ideal war“
Es stellen sich zwei Fragen: Wie viel Kraft bleibt den Kroaten? Und wie kalkuliert war Sigurdssons Wutausbruch? Sollte er womöglich den letzten Motivationskick verleihen, weil die „Wir-gegen-alle-anderen“-Außenseiterrolle den Kroaten so sehr liegt?
Bundestrainer Alfred Gislason sah die Strapazen der Kroaten. „Ich verstehe, dass die Planung nicht ideal war.“ Doch war der Isländer zunehmend von den Nachfragen zum Ausbruch seines Landsmannes genervt.
Am Abend nahm die EHF Stellung zu Sigurdssons Angriff auf sie. Der Terminplan sei lange im Voraus bekannt und mit den maßgeblichen Beteiligten, inklusive der nationalen Handballverbände, abgestimmt gewesen. Die Föderation konnte sich auch die Spitze nicht verkneifen, auf die ähnlichen EM-Spielpläne in den vergangenen Jahren zu verweisen – „zum Beispiel die EM 2018 in Kroatien“.
Die EHF gestand aber indirekt ein, dass es die Halbfinalteilnehmer aus Herning (Deutschland und Dänemark) zuletzt leichter gehabt haben als die Kroaten und die Isländer, die am Mittwoch spielten und am Donnerstag anreisen mussten. „Es war bekannt, dass die Mannschaften aus Malmö einer herausfordernderen Situation ausgesetzt sind“, hieß es von der Föderation.
Erwähnt sei noch, dass sich der isländische Nationaltrainer Snorri Steinn Guðjónsson am Donnerstag nicht über irgendwelchen Stress beschwerte.
