Weltreise mit Motorrad und Katze – Gesellschaft

Dass Mogli auf Kommando zu ihm kommt, hat ihr der Katzenbesitzer schon früh beigebracht, vor seiner großen Reise. Von August 2017 bis November 2022 ist der 39-Jährige mit seinem Motorrad um die halbe Welt gefahren, von Bayern nach Indien, auf dem sogenannten „Hippie Trail“, über den Balkan, die Arabische Halbinsel und Pakistan. Eigentlich wollte Klauka alleine fahren – doch dann war ihm wenige Monate vor der geplanten Abreise das schwarz-weiße Kätzchen zugelaufen, abgemagert, große Augen, glänzendes Fell. „Da habe ich mich natürlich sofort verliebt.“ Klauka beschloss, den Tankrucksack auf seiner Honda Africa Twin auszupolstern und die Katze einfach mitzunehmen.

Über seine Reise hat Klauka im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, „Mit der Katze weiter um die Welt“ (erschienen bei Malik), es ist sein zweiter Reisebericht. An diesem Nachmittag in Oberbayern ist der Autor gerade von einer Lesereise zurück, mit großer Verspätung, weil wegen dichter Schneefälle auf den Autobahnen nichts voranging. In seiner Wohnung bei Rosenheim sitzt Klauka dennoch entspannt am Kaffeetisch. Er spricht ruhig, darüber, dass er für sich den Taoismus entdeckt habe – Schneefall in Mittelfranken bringt ihn nicht aus der Fassung. „Die Dinge passieren lassen und gelassen bleiben“, sagt Klauka, „don’t struggle.“

Wie schafft man es, dass einem ein so freiheitsliebendes Tier wie eine Katze nicht verloren geht?

Für eine jahrelange Reise mit einer Katze ist eine Lehre der Gelassenheit sicher keine schlechte Voraussetzung, und man könnte Klauka jetzt natürlich philosophische Fragen stellen oder ihn von den Routen in Pakistan erzählen lassen, der Gastfreundschaft in der Türkei. Und doch drängt sich eine Frage so sehr in den Vordergrund, dass sie einfach am Anfang raus muss: Wie schafft man es in fünf Jahren und zwei Monaten, auf einer 84 000 Kilometer langen Reise durch 22 Länder, bei Touren durch Gebirge, Steppen und schwirrende Metropolen, wie schafft man es, dass einem da ein so freiheitsliebendes Tier wie eine Katze nicht verloren geht? Klauka muss nicht lange überlegen. Der Leckerli-Ruf sei natürlich sehr praktisch. „Das Wichtigste aber überhaupt war, dass sich Mogli nie an ein Revier, sondern an mich gewöhnt hat.“

Alles im Blick: Die Schulter von Martin Klauka ist Moglis Lieblingsplatz.
Alles im Blick: Die Schulter von Martin Klauka ist Moglis Lieblingsplatz. (Foto: Martin Klauka)

Schon vor der Abreise hatte Klauka mit dem Katzen-Training begonnen, mit dem Ziel, dass er selbst und nicht seine Erdgeschosswohnung Moglis Bezugspunkt sein sollte. Klauka nahm sein „Findelkind“ daher überallhin mit: zum Einkaufen, mit dem Fahrrad an den Badesee, zu Fuß in die Stadt. Er packte sie in seine Jackentasche, legte ihr ein Geschirr mit Leine an oder ließ sie auf seiner Schulter sitzen, ihrem Lieblingsplatz. Schon nach den ersten Tagen seiner Reise bemerkte Klauka, dass ihm die Konditionierung auf den Menschen offensichtlich recht gut gelungen war. Während manche Hauskatzen schon gestresst sind, wenn in der Wohnung ein neuer Schrank steht, hatte Mogli den nomadischen Alltag schnell verinnerlicht. Und der war, Weltenbummler-typisch, oft spontan und selten luxuriös: Zelten in der Natur oder auf günstigen Camping-Plätzen, Übernachten in billigen Hostels oder Couchsurfen bei Fremden.

Um sich seine Weltreise leisten zu können, hatte Klauka in Deutschland mühsam Geld gespart, ist am Wochenende nicht mehr ausgegangen, war zum Essen bei seiner Mutter und fuhr mit dem Fahrrad statt mit dem Auto. Während seiner Tour arbeitete er in Dubai mehrere Monate bei einem Logistikunternehmen, um genug Geld für die Weiterfahrt zu haben. Für Einzelzimmer in Hotels war sein Budget zu klein. „Ganz klar, die Suche nach einer Unterkunft ist mit Katze die größte Herausforderung“, sagt Klauka. In manchen Ländern wie Iran laufen Katzen nur wild herum und dürfen gar nicht in Häuser, erst recht nicht in Herbergen.

So blieb Klauka nichts anderes übrig, als oft in freier Natur zu zelten,  „ich liebe das“. Mogli allerdings eher nicht. Campen mit Katze, das zeigte sich schnell, ist nicht gerade einfach. Nachdem Mogli einmal die ganze Nacht versucht hatte, einen Ausgang aus dem Zelt zu kratzen, wurde Klauka schnell klar, dass er das Tier rauslassen musste. Bei der Wahl eines Platzes musste er also immer auch darauf achten, wie Katzen-kompatibel die Umgebung war. Als grundsätzlich schlecht erwiesen sich: offene Wiesen und Felder, Strände. Ganz schlecht: Hunde. „Da hat Mogli einfach Angst.“ Gut war es, einen Steinhaufen, Holzstapel oder einen Baum – aber bitte keinen Wald – in der Nähe zu haben, wo sich die Katze verstecken und schnell fliehen konnte.

Die schwarz-weiße Katze mag Strände - allerdings nur für Spaziergänge. Übernachten auf offenen Flächen ist Mogli zu heikel.
Die schwarz-weiße Katze mag Strände – allerdings nur für Spaziergänge. Übernachten auf offenen Flächen ist Mogli zu heikel. (Foto: Martin Klauka)

„Am liebsten hätte ich sie natürlich nie alleine rausgelassen“, sagt der Katzenbesitzer, „aber Mogli ist einfach unglaublich neugierig.“ Nach langen Etappen auf dem Motorrad habe sie sich außerdem bewegen müssen, „da hatte ich gar keine andere Wahl“.

An jedem neuen Ort habe Mogli erst einmal die neue Umgebung erkundet. Sehr weit ist sie meist nicht gelaufen – und nach einiger Zeit von alleine zurückgekommen. „Es ist fast immer gutgegangen“, sagt Klauka. Fast? Mogli ist natürlich trotzdem verloren gegangen, und nicht nur einmal. In Griechenland etwa fand Klauka seine Katze nach vielen Stunden auf einer Damentoilette, im Himalaja unter der Straße in einem Wasserrohr, auf einer Fähre in einem schmalen Gang. In Iran war Mogli mal den ganzen Tag verschwunden, stand am Abend dann plötzlich wieder im Zimmer, „wie aus dem Nichts“. Die dauernde Sequenz aus steigender Nervosität, wachsender Sorge und großer Erleichterung führte schließlich dazu, dass sich der Weltenbummler einen Katzen-Tracker besorgte.

Da Klauka an diesem Winternachmittag Mogli ohnehin mit seinem Leckerli-Ruf aufgeweckt hat, demonstriert er gerne auch das kleine Plastikteil, das etwa so funktioniert wie ein Metallsuchgerät: Je näher die Katze, desto lauter das Piep-Geräusch. Auch der Sender an Moglis Hals piept leise, „dann weiß sie, dass sie gesucht wird“. Die Katze lässt die Demonstration ohne jede Regung über sich ergehen. Sie ist es offensichtlich gewohnt, gesucht und gefunden zu werden.

Die Gefahr, getrennt zu werden, hatten Klauka mit dem Tracker und Mogli mit ihrer Treue und ihrem Orientierungssinn gut im Griff. „Wir haben aber auch Glück gehabt“, sagt er. Vor allem bei Gefahren, von denen beide vorher gar nicht so genau wussten, dass es sie gibt. Als Klauka etwa in Indien gerade eingeschlafen war, weckte ihn ein großer Knall. „Da bin ich vor Schreck aufgesprungen, und da saß dann halt ein Affe in unserer Hütte.“ Beim nächsten Knall war es nicht ein Affe, sondern ein Leopard, der beim Versuch, Mogli zu schnappen, gegen das Fliegengitter gekracht war.

Gut gepolstert: Mogli im Tankrucksack auf der Honda Africa Twin.
Gut gepolstert: Mogli im Tankrucksack auf der Honda Africa Twin. (Foto: Martin Klauka)

Braunbären, Wölfe, Schakale, Luchse, Elefanten – auf ihrer Reise sind Klauka und Mogli noch auf viele andere Arten gestoßen, die in der Nahrungskette tendenziell über der Hauskatze stehen. Im europäischen Kulturkreis werden Katzen sieben Leben nachgesagt, im angelsächsischen sind es schon neun. Moglis Glückszahl dürfte eher im zweistelligen Bereich liegen, und auch eher im oberen.

Um das Risiko gering zu halten, hat Klauka seine Katze bei Tagesausflügen meist in seinen Hostel-Zimmern gelassen. Eine Stadttour durch Teheran etwa sei mit Katze „viel zu stressig“ – vor allem, wenn Mogli von der Kapuze auf die Schulter kletterte, um eine bessere Übersicht zu haben. In Indien entdeckte Klauka schließlich einen Katzenrucksack, mit Netz und Guckloch – „sehr praktisch, den hätte ich gerne früher gehabt“.

Pragmatisch hat Klauka auch andere Dinge gelöst. Gegen die Hitze in den Wüsten baute er eine kleine Klimaanlage in Moglis Tankrucksack. Als Katzenklo nutzte er mit Sand befüllte Kartons und einen aufgeschnittenen Kanister. Bis zum kurdischen Teil der Türkei war Klauka mit Mogli noch Gassi gegangen. „Aber da haben wir zu viel Aufmerksamkeit erregt.“

Bei 45 Grad hilft nur ein Schirm nicht weiter. Für Moglis Transporttasche baute Martin Klauka daher eine kleine Klimaanlage.
Bei 45 Grad hilft nur ein Schirm nicht weiter. Für Moglis Transporttasche baute Martin Klauka daher eine kleine Klimaanlage. (Foto: Martin Klauka)

Auch der verlässliche Appetit nach einfachem Industriefutter hat den Alltag des Duos erleichtert. Mogli esse immer „Royal Canin“, sagt Klauka, „das gibt’s eigentlich überall, selbst in Iran.“ An manchen Orten, wie in den Dörfern am Himalaja, war die Versorgungslage aber etwas dünn. Wenn es doch Dosen gab, waren sie sehr teuer – in Ländern wie Indien, wo die Katzenhaltung nicht üblich ist, gibt es nur eine sehr geringe Nachfrage. Wenn überhaupt jemand ein Haustier hat, dann meist reiche Haushalte, die Rassekatzen halten – das treibt die Preise. „Irgendjemand hat mich dann auf die Idee gebracht, das Futter einfach im Internet zu bestellen“, sagt Klauka, der sich fortan die Dosen in die Dörfer am Himalaja schicken ließ und sein Motorrad damit vollpackte. Sechs Kilo Katze und vier Kilo Royal Canin auf der Honda, „da war ich manchmal schon ziemlich überladen“.

In Deutschland bekommt Mogli auch anderes Futter, am liebsten Garnelen. Mehr Freiheiten hat die Katze aber nicht unbedingt. Vor seinen Balkon hat Klauka ein Netz gespannt, damit Mogli tagsüber nicht abhaut, jene Katze, die Leoparden und den Straßenverkehr in Indien überlebt hat. Das Urvertrauen in das Universum und die taoistische Gelassenheit finden ihre Grenzen in einer oberbayerischen Tempo-30-Zone. „Die Autofahrer“, sagt Klauka, „fahren hier immer so schnell.“