Zwei männliche Riesenpandas sollen sich in freier Wildbahn erfolgreich gepaart haben. So behauptete es Anfang Januar eine Nachricht mit Foto, die in chinesischen Netzwerken kursierte. Man hätte es als Witz abtun können. Satire. Das Sexleben der gefährdeten Art liefert ohnehin reichlich Stoff für Pointen: Weibliche Pandas sind selten fruchtbar. Die Männchen anatomisch eher ungünstig ausgestattet. Und selbst Videos paarender Artgenossen, die unerfahrenen Tieren in Aufzuchtstationen gezeigt werden, bringen die faulen Geschöpfe nicht zwingend in Stimmung.
Doch die Geschichte blieb kein Spaß. Wenige Tage später stellte die Polizei in Chengdu in Südwestchina klar: Die Nachricht der zwei vermeintlich liebenden Tiere war frei erfunden, der Screenshot mithilfe von künstlicher Intelligenz manipuliert. Zwei Männer wurden festgenommen.
Die Tat habe „einen negativen Einfluss auf die Gesellschaft“ gehabt
Die Behörden in Chengdu warfen den zwei Verdächtigen vor, „absichtlich Fakten gefälscht“ und dabei „technische Mittel“ genutzt zu haben, um den Screenshot zu verbreiten. Die Tat habe „einen negativen Einfluss auf die Gesellschaft“ gehabt und die öffentliche Ordnung gestört. Beide Männer wurden in administrativen Gewahrsam genommen. Dabei darf die Polizei Verdächtige ohne Gerichtsverfahren für bis zu 15 Tage festhalten. Zudem wurden ihre Onlinekonten gesperrt.
Warum reagiert Chinas Regierung auf einen scheinbar harmlosen Scherz mit Polizeigewahrsam?
Probleme mit gefälschten Nachrichten gibt es weltweit. In China gibt es strikte Gesetze gegen die Verbreitung, seit September 2025 müssen KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden. In vielen sozialen Netzwerken finden sich dennoch weiterhin nicht kenntlich gemachte KI-Inhalte, die weder gelöscht werden noch zu Festnahmen führen. Eingeschritten wird allerdings vor allem bei politisch sensiblen Inhalten.
Homosexualität ist in China nicht strafbar
Homosexualität ist in China zwar nicht strafbar, mehrere prominente LGBT-Organisationen mussten in den vergangenen Jahren jedoch schließen, Aktivisten stehen unter Druck der Polizei. Aufsichtsbehörden ließen zahlreiche Chatgruppen löschen, auch an Universitäten. Im November 2025 wurden zwei bei Homosexuellen beliebte Dating-Apps aus App-Stores entfernt. Veranstaltungen wie ShanghaiPRIDE wurden eingestellt, Filme und Serien mit queeren Themen sind aus den regulären Programmen weitgehend verschwunden.
Online werden entsprechende Inhalte gelöscht. Offenbar betrifft dies nun auch Satire. „Chengdu will offensiv sein Stadtimage verteidigen“, meldete ein populärer Weibo-Kanal. Die Polizei habe mehrere Personen bestraft, die Chengdu für Klicks diffamiert hätten. Darunter Inhalte, die die Stadt „böswillig“ mit Homosexualität verknüpften.
Die Internetaufsicht sanktionierte nach eigenen Angaben im Januar mehr als 30 Accounts, die in großem Umfang zur „Stigmatisierung“ des Stadtimages beigetragen hätten, zwei weitere Männer Anfang 20 wurden festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, in Videos die männliche Bevölkerung Chengdus gezielt stigmatisiert zu haben, laut Polizei, um Reichweite zu erzielen. Einer der beiden ist ein bekannter Influencer, der in seinen Videos auf der Straße mit Männern flirtet.
„Das kann richtig Ärger geben.“
Die westchinesische Stadt Chengdu gilt als Zufluchtsort für junge Menschen, die dem Leistungsdruck der Metropolen im Osten entkommen wollen. Die Stadt hat den Ruf, vergleichsweise offen zu sein, gleichzeitig lässt man andere in Ruhe. Das hat auch dazu beigetragen, dass sich eine sichtbare queere Szene entwickelt hat. Diese scheinen die Behörden nicht mehr hinnehmen zu wollen. Die Festnahmen sind auch als Warnung an andere zu verstehen, was zukünftig noch gesagt und worüber gelacht werden darf.
Unter den Polizeimeldungen wurde viel kommentiert. Scherze über das gute Aussehen der Menschen aus Chengdu. Oder homophobe Kommentare, dass der „LGBT-Unfug“ aufgeräumt gehöre, dass Homosexualität eine „Altlast“ des inzwischen geschlossenen US-Konsulats in Chengdu sei. Einer mahnt: Macht keine solchen „Mann mit Mann“-Witze mehr, vor allem nicht online. „Das kann richtig Ärger geben.“
