„Ils chevauchaient le vent“: Michel Houllebecq präsentiert Chansons – Kultur

Von Michel Houellebecq hat die interessierte Öffentlichkeit das letzte Mal vor drei Jahren etwas gehört. Damals veröffentlichte er einen Text unter dem vielversprechenden Titel „Einige Monate in meinem Leben“. Darin erzählte er von einer üblen Erfahrung mit dem Künstlerkollektiv Kirac 27. Die hatten ihn beim Sex in einem Hotel in Amsterdam gefilmt, sich dann aber nicht an Absprachen gehalten. Die Künstler sahen es anders, es kam zum Rechtsstreit, den der Schriftsteller gewann. Aus Houellebecqs Text konnte man dennoch eine noch mal verstärkte, besondere Enttäuschung und Entmutigung durch diese Leute lesen, wo er doch ohnehin immer schon so ein Menschenskeptiker ist. Danach war es wieder mal recht still, aber es ist bei ihm wie in einer zwischen Komödie und Trauer changierenden Serie über viele Staffeln: Es geht weiter, nur wie und womit, weiß kein Mensch.

Gerüchteweise verfolgte er den Plan, den sterbenden Charles Baudelaire in einer Verfilmung von Bernard-Henri Lévys Roman über die letzten Tage des großen Dichters zu spielen, aber das Projekt verharrte im tagträumerischen Nessie-Stadium und tauchte nie auf.

„Ich kann eben ernste Dinge auf angenehme Weise vermitteln“, freut sich Houellebecq

Nun betritt Houellebecq die Bühne aus unvermuteter Richtung und erfreut die von den Januarnachrichten geplagte Öffentlichkeit mit einem Chanson. Es ist eine Auskopplung aus einem im März erscheinenden Album, das er in Zusammenarbeit mit dem Musiker Frédéric Lo produziert hat. Lo hat schon mit Peter Doherty gearbeitet und ist also Kummer gewohnt. Das nun veröffentlichte Lied heißt „Ils chevauchaient le vent“ – Sie ritten auf dem Wind – und ist das erste aus dem Album mit dem sehr Houellebecq’schen Titel „Souvenez-vous de l’homme“ – ein Appell zur Rückbesinnung auf den Menschen selbst. Er meint das nicht als liedermacherhaften Aufruf zu mehr Menschlichkeit in einer schnöden Welt, sondern in einer abgeklärten Vorfreude auf ein posthumanes Zeitalter, in dem man erst wertschätzen kann, was man endlich verloren hat. Der Text des vom Goncourt-Preisträger 2010 selbst dargebotenen Sprechgesangs beschreibt ein rätselhaftes Volk aus den Enden des Weltalls, die den Untergang der Menschheit betrachten. Man kann es auch als kosmische Hymne auf die Großeltern des Schriftstellers lesen, die ihn großgezogen haben.

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Auch in den anderen Stücken des Albums sind Krieg, Untergang und Verderben ein wichtiges Motiv, musikalisch und poetisch in tröstlicher Manier transportiert: „Ich kann eben ernste Dinge auf angenehme Weise vermitteln“, freut sich Houellebecq in einem Gespräch mit dem französischen Nachrichtensender BFM.

Für das Interview erschien er in einem schicken Jeanshemd, die Haare ordentlich gescheitelt und offenbarte sein Dilemma: Er liebt die Chansons, kann aber selbst gar nicht singen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, schon lange vor dem ersten Buch seine Texte selbst vorzutragen, in Cafés oder Bibliotheken. In dem Gespräch gesteht der manchmal auch als politischer Prophet beschriebene Autor sein ehrliches Unvermögen, sich einen Reim auf die Gegenwart zu machen: „Es passiert gerade etwas sehr Schlimmes, aber ich weiß nicht genau, was.“

Eine Tournee mit zehn Stationen ist geplant. Das Cover von „Souvenez-vous de l’homme“ zeigt eine Person in einem weißen Zottelkostüm vor Vulkanlandschaft. Man darf hoffen, dass der Autor selbst so gewandet auf der Bühne erscheint, um als Yeti von Paris sein Publikum zu warnen, zu trösten und vor allem zu unterhalten. Das nun veröffentlichte Stück ist schon mal sehr gelungen, die Konzerte werden mit Spannung erwartet.