Herzlich willkommen zu Tag 5 des Forschungsprojekts „Die ritualisierte Wiederkehr der Bedeutungslosigkeit“. Jeden Januar rettet der Resozialisierungsbeauftragte von RTL zwölf kurz vor der Relevanzinsolvenz stehende Teilzeitgenies im australischen Busch vor dem totalen Absturz in die Abgründe der Trivialitätsgrausamkeit. Umringt von allerlei Tierchen, Feldbetten und Kameras werden sie dort vom Rest der Welt isoliert und mit Nahrungsminimierung, Hygienevorenthaltung und Nikotinentzug zur quotenforcierenden Selbstaufgabe getrieben.
In schöner Regelmäßigkeit entblößen sich unter diesen Extrembedingungen Charakterdetails, Boshaftigkeitslevel und Diffamierungstalent der Testgruppe D(-Promi). Wer dem selbstverständlich stets nur rein ironisch zuschauenden Millionenpublikum das kompakteste Drama-Gesamtpaket liefert, profitiert: Er wird am häufigsten in die Prüfungen gewählt und am häufigsten in der Begleitpresse rezensiert. Das bringt viel Sendezeit, viel Aufmerksamkeit und viele Follower. Und in Zeiten, in denen Follower mehr zählen als Talent, ist social-media-basierte Reichweite der Bitcoin der Unterhaltungsindustrie. Also mehr Drama, mehr TV-Präsenz, mehr Follower, mehr Einnahmen durch Instagram-Kooperationen für rabattcodebasierte Wegwerfprodukte. In einem solchen System wird der orchestrierte Sittenverfall zu einer Art vermögenswirksamer Leistung.
Der Schweizer Kreisch-Import Ariel
Das filigranste Niveau-Filetiermesser der Hunger Games für Bildungsallergiker schwingt eindeutig der Schweizer Kreisch-Import Ariel. Nachdem sie durch anhaltende Dauerdiskussionswut eine Schneise der Spaltung durch das Camp der mittelguten Hoffnung geschlagen hatte, fragt sie sich unschuldiger als die Jungfrau Maria: „Bin ich die einzige Normale hier?“ Das macht so sprachlos, da fällt selbst einer Synapsenkirmes erprobten IBES-Chronistin wie mir nur noch ein müder Gag ein, der schon alt war, als der Ur-Opa von Nicole Belstler-Boettcher noch gestillt wurde:
Ariel fährt auf der A24 Richtung Berlin. Plötzlich hört sie im Radio: „Achtung auf der A24! In Fahrtrichtung Berlin befindet sich ein Geisterfahrer!“ Ruft Ariel: „Einer? Tausende!“
Ja, Entschuldigung. Die Entbehrungen der letzten Tage gehen auch an mir nicht spurlos vorbei. Denn selbstverständlich bevorzuge ich Method Writing und habe mich daher aus Solidarität mit der Camp-Belegschaft seit Samstag ausschließlich von einer Handvoll Reis ernährt und mich 21 Stunden am Tag von einem auf 430-Euro-Basis engagierten Ariel-Double anschreien lassen, ich wäre eine Ehebrecherin.

Kein Essen, das bedeutet: Statt Süppchenbildung nur Grüppchenbildung. Das treibt auch die intellektuelle Vorhut karrieremüder Dromedar-Anus-Genießer, Simone Ballack, Hardy Krüger Junior und Patrick Romer, in unerwartet drastische Läster-Routinen. Stundenlang gruppenmobben sie ihr gemeinsames Lieblingsopfer Ariel, als gäbe es Karma-Extrapunkte für das Herabsetzen 22-jähriger Influencerinnen. In den Kommentarspalten findet man das größtenteils peinlich. Das Zeter-Trio selbst nennt es: Temperament. Durchaus faszinierend, dass sich passionierte Trash-TV-Diskreditierungsweltmeister stets mit Vokabeln schmücken, an denen sie in jedem Buchstabierwettbewerb scheitern würden. An Tag 5 wird jedenfalls mehr schmutzige Wäsche gewaschen als in vier Staffeln „Promis unter Palmen“ mit Désirée Nick. Kein Wunder, dass Ariel nach einem Waschmittel benannt ist.
Wonach Stephen Dürr benannt ist, weiß niemand so genau. Die meisten Camp-Insassen haben nicht mal bemerkt, dass er da ist. Das liegt vornehmlich daran, dass bislang sogar das mit Evas Instagram-Skandalnachricht bedruckte Kissen von Samira mehr Sendezeit hatte als Dürr. Wobei Popularität und Beliebtheit Währungen sind, die keiner mathematischen Logik folgen. Ginge es ausschließlich um Gesprächspräsenz, würde dieses Jahr mit Serkan, dem Ex-Mann von Samira, erstmals ein Kandidat Dschungelkönig, der gar nicht physisch dabei war.
„Mit Frauen ist es immer schwer, wenn man berühmt ist“
Um sein Wahrnehmungsdelta zu korrigieren, wagt Dürr heute endlich einen ersten Vorstoß auf die Bildung einer romantischen Bro-Freundschaft mit Umut Tekin. Das beschert uns den ersten Weltklasse-Gag der Staffel: Umut Tekin erläutert Stephen Dürr, dass es „mit Frauen immer schwierig ist, wenn man berühmt ist!“ Umut Tekin hält sich offenbar für einen Superpromi, dem die Frauen vornehmlich aufgrund seiner Popularität nachlaufen. Damit er in der Post-Dschungel-Zeit trotzdem irgendwann die Richtige findet, empfiehlt Dürr: „Du musst reifen!“ Ein Ratschlag, zu dem Umut Tekin allerdings der kognitive Zugang fehlt. Er guckt jedenfalls so, als würde er denken: „Sommer- oder Winterreifen?“
Eine weitere Erkenntnis des Dürr/Tekin-Deeptalks: Umut kennt 34 Varianten, wie man „weird“ ausspricht. Um dieses Talent quotenstabil auszuwerten, schlage ich vor, RTL könnte Umut in der nächsten Dschungelprüfung die Aufgabe stellen, in zwei Minuten 30-mal „Wer nichts wird, wird weird“ zu sagen und anschließend zu erklären, was das bedeuten soll.
Aber man kann nicht alles haben. Dafür aber Umut, der mit mangelnder Kalorienversorgung im Camp hadert: „Ich verbrenne am Tag 400 Kalorien, aber ich bekomme hier nur so 300!“ Spontaner Faktencheck: Männer mit Umut Tekins Gewicht benötigen zwischen 2100 und 3100 Kilokalorien pro Tag. Umut hat also entweder:
a) den Stoffwechsel einer Wüstenrennmaus
b) den Bildungsgrad einer Wüstenrennmaus
Und wenn es ganz schlecht läuft, beides. Außerdem hat er großflächig die Zahl 1997 auf den Körper tätowiert. Zunächst hatte ich angenommen, es handle sich dabei um sein Geburtsjahr. Nach intensiver „Weird & Kalorien“-Gesprächstherapie bin ich inzwischen aber sicher: Es ist die Anzahl von Menschen, die sich nach jedem TV-Auftritt von Tekin mit kollabiertem Sprachzentrum in logopädische Notfallbehandlung begeben müssen. Um diese unangenehme Auswirkung bei uns allen zu vermeiden, überlegen wir jetzt den Rest des Tages, warum ein Anagramm von „Stephen Duerr“ wohl „Hupender Rest“ lautet – und dann treffen wir uns alle morgen früh hier wieder!
