Unter den Pointen, die einem die Weltgeschichte dieser Tage frei Haus liefert, ist diese immerhin mal bloß eine ausschließlich kuriose: Kanye „Ye“ West hat in einer langen Nachricht auf einer von ihm als Anzeige gebuchten, ganzen Seite des Wall Street Journal bei allen um Entschuldigung gebeten, die er verletzt hat. Überschrift: „To those I’ve hurt“. In der gedruckten Ausgabe! Nicht mal seine größten Verehrer dürften zuletzt noch Hoffnung gehabt haben, dass der Produzent, Rapper und Designer wieder zur Vernunft kommt. Im Gegenteil.
Das eine echte Pop-Genie, das das 21. Jahrhundert bislang hervorgebracht hat, erschien im vergangenen Jahr vollends verloren: Zuerst erklärte er sich da via Social Media explizit zum Nazi („Ich bin ein Nazi“), dann ließ er übelste antisemitische Ausfälle („Ich liebe es, wenn jüdische Menschen zu mir kommen und sagen, dass sie nicht mehr mit mir arbeiten können, das ist das Beste“) und Verschwörungserzählungen aller Art folgen, auch etwas autoritären Sexismus („Ich habe die Herrschaft über meine Frau“) nebst der Rechtfertigung von Gewalt gegen Frauen („Bitches deserve to get slapped sometimes“), brachte ein T-Shirt mit Hakenkreuz auf den Markt und servierte im Mai schließlich zum krönenden Abschluss noch eine neue Single mit dem Titel, yep: „Heil Hitler“. Man kam gar nicht mehr hinterher, und man wollte auch gar nicht mehr hinterherkommen.
Und nun die große Läuterung? Echt jetzt?
Seit 2016 hatte er sich der Weltöffentlichkeit immer wieder als stolzer Alt-Right-Sympathisant, Trump-Unterstützer und Hitler-Verehrer präsentiert. Schon 2022 verstieg er sich im Interview mit dem rechtsradikalen Onlineportal Infowars allen Ernstes sogar zu der Aussage, er möge Hitler („I like Hitler“), denn der sei schließlich der Typ, der die Autobahn und das Mikrofon erfunden habe: „This guy (…) invented highways, invented the very microphone that I use as a musician.“ Am Ende konnten und wollten sich sogar engste Freunde und Weggefährten nicht mehr auf die Tatsache herausreden, dass West seit jeher mit gravierenden psychischen Problemen kämpft. Und nun doch die große Läuterung? Echt jetzt?

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Tja, man hat jedenfalls den Eindruck, dass er wirklich nichts zurückhalten will, der Ton wirkt aufrichtig und betont sachlich, no bullshitting anymore. Gleich im ersten Satz erfährt man von einem Autounfall vor 25 Jahren, bei dem er am „rechten Frontallappen des Gehirns“ eine Verletzung erlitten habe, die erst 2023 diagnostiziert worden sei. Dieses ärztliche Versäumnis wiederum „hat meiner psychischen Gesundheit schweren Schaden zugefügt und zu meiner Diagnose einer bipolaren Störung Typ 1 geführt“.
Es folgen Erläuterungen zur Krankheit allgemein und zu seinen eigenen Erfahrungen: Das Erschreckendste an der Störung sei, wie überzeugend sie sei, wenn sie einem sage: „Du brauchst keine Hilfe.“ Sie mache einen blind, während man gleichzeitig sicher sei, vollkommen durchzublicken: „Man fühlt sich mächtig, sicher und unaufhaltbar.“ Er habe den Bezug zur Realität verloren und je länger er es ignorierte, umso schlimmer sei alles geworden: „Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich tief bedaure. Und am schlimmsten behandelt habe ich einige der Menschen, die ich am meisten liebe.“
In seinen „kaputten Zustand“ habe er sich dann „das zerstörerischste Symbol gesucht, das ich finden konnte, das Hakenkreuz, und sogar T-Shirts damit verkauft“. Er sei nicht er selbst gewesen, an vieles könne er sich kaum noch erinnern. Er sei jedoch fest entschlossen, die volle Verantwortung zu übernehmen, was er getan habe, sei unentschuldbar. Aber: „Ich bin kein Nazi oder Antisemit. Ich liebe jüdische Menschen.“ 2025 sei er schließlich in eine Phase geraten, die sein Leben zerstört habe. Seine Frau habe ihn ermutigt, sich endlich helfen zu lassen, so West.

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Dass dann allerdings keine Rede mehr von wirklich professioneller Hilfe ist (im Gegenteil, „sogenannte Weltklasse-Ärzte“ hätten seine Bipolarität nicht erkannt), sondern von „Reddit-Foren“, in denen er Trost fand, macht wieder etwas misstrauischer. Wieder zu sich gefunden, hat er jedenfalls offenbar „durch ein wirksames Programm aus Medikamenten, Therapie, Training und gesunder Lebensweise“. Die neue Energie steckt er in „positive, bedeutsame Kunst: Musik, Mode, Design und andere neue Ideen, die der Welt helfen“. Zum Schluss bittet er ausdrücklich weder um Mitleid noch um Straffreiheit: „Ich schreibe heute einfach, um um Geduld und Verständnis zu bitten, während ich meinen Weg nach Hause suche.“
Man wird sehen. Im Moment klingt das alles irgendwie ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht hat einem die Lage der Dinge auch längst jeden Glauben an gute Nachrichten ausgetrieben. Oder zuvor längst Kanye West selbst. Auf Instagram veröffentlichte er auf Hebräisch im Dezember 2023 schon einmal eine nicht so umfängliche, im selbstkritisch-reuigen Ton aber nicht unähnliche Einlassung: „Ich bin verpflichtet, bei mir selbst anzufangen und aus dieser Erfahrung Lehren zu ziehen, um in Zukunft größere Sensibilität und Verständnis zu gewährleisten.“
