Handball-EM: Eine Niederlage, die Potenzial hat

Dieses Mal hatten sie die großen Dänen fast so weit. Dieses Mal hatten die Dänen nicht mehr diesen anarchistischen Spaß wie vor einem Jahr bei der WM, als Mathias Gidsel, der Superstar des Welthandballs, die deutsche Abwehr mit seinen blitzschnellen Körpertäuschungen verhöhnte und sein Permagrinsen während eines 40:30-Kantersieges manchmal wirkte, als lache er sich tot über die tumben deutschen Profis. Diesmal kamen diese nicht unter die dänischen Räder wie im olympischen Finale 2024, als ein 26:39 den Gewinn der Silbermedaille doch trübte.

Plötzlich hatte das deutsche Team keine Angst mehr vor diesem sagenhaften Team, das Torhüter Andreas Wolff „die vielleicht beste Mannschaft der Geschichte“ nennt. Am dritten Hauptrundenspieltag der EM zerstörte eine aggressive und harte deutsche Abwehr weitgehend die Lust der dänischen Stars. Über 40 Minuten präsentierte sich der Gast für die vorwiegend dänischen Fans in der wogenden Masse der 15.000 als Stimmungskiller. Immer wieder rannten sich die Dänen in der Abwehr fest und waren genervt. Gidsel, der schlangenhafte Künstler, lächelte nicht mehr.

„Wir sind voll da“, sagte nach Abpfiff Juri Knorr, der beim dänischen Meister Aalborg Håndbold spielt. „Wir waren bereit für das Spiel.“ Warum das Resultat dann doch klar wurde und das deutsche Team mit 26:31 (12:13)-Toren unterlag? Knorr lächelte gequält und zeigte mit dem Finger auf den etwas rundlichen jungen Mann, der auch ihm zwei Würfe abgekauft hatte und nun in der Mixed Zone neben ihm stand: Emil Nielsen. Der dänische Keeper hatte 14 Bälle gehalten und war zum „Man of the Match“ gewählt worden. 

Ein Pakt mit den Pfosten

Nielsen hatte den Weltmeister im Spiel gehalten – dies allerdings in einem Pakt mit seinen Pfosten, gegen die deutsche Bälle gleich fünfmal krachten. Und dann kassierte die deutsche Mannschaft beim Stand von 14:13 zwei unnötige Zeitstrafen, die Gidsel & Co. nutzten. Damit gewannen die dänischen Künstler den Spaß am Spiel zurück und „überrollten“ die Deutschen nun mit ihrem Tempo, wie es der deutsche Torhüter David Späth ausdrückte, den Gíslason ins Tor gestellt hatte – eine überraschende Entscheidung nach dem Weltklasseauftritt des Andreas Wolff gegen Norwegen

Der Frust hielt sich bei den deutschen Profis allerdings in Grenzen. Bedeutet diese Niederlage doch nicht das Ende der deutschen Medaillenhoffnungen. Bei nun 6:2-Punkten reicht der Auswahl von Bundestrainer Alfreð Gíslason im letzten Hauptrundenspiel am Mittwoch (18 Uhr, live im ZDF) gegen Frankreich (4:4 Punkte) schließlich ein Remis für den angestrebten Einzug in das Halbfinale. Man habe vorher gewusst, dass man im Falle einer Niederlage gegen den Gastgeber alle anderen schlagen müsse, sagte Gíslason lässig. „So ist es nun gekommen.“ 

Und da eine deutsche Niederlage schlichtweg einzukalkulieren war, hatte der Bundestrainer mit Blick auf das dramatische Gruppenfinale gegen Frankreich Wolff, der als Einziger bisher Weltklasse aufbot, zunächst auf die Bank gesetzt. „Andi hat viel gespielt“, begründete Gíslason dies, auch habe Wolff gegen Dänemark oft nicht gut begonnen. Andererseits habe man mit Späth eben einen zweiten Weltklassetorhüter. Der zahlte ihm das Vertrauen mit famosen Paraden in der ersten Halbzeit zurück.

Der Trainer wirkte daher keineswegs unzufrieden. Tatsächlich blitzte das große Potenzial der deutschen Abwehr erstmals in diesem Turnier auf, sie zerstörte mit großer Lust und Leidenschaft. Zudem hatte sich die seltsame Blockade in der Offensive gelöst. Der Angriff habe plötzlich viel freier gespielt, befand Gíslason. Und hätten Mario Grgić, Julian Köster und Renārs Uščins nicht so oft den Pfosten getroffen: Die Dänen hätten ihren Spaß womöglich gar nicht wiedergefunden.