Griechenland: Die frühesten Holzwerkzeuge der Menschheit – Wissen

Die Frage, seit wann Menschen mit Holz arbeiten, ist für Archäologinnen und Archäologen schwer zu beantworten. Der älteste Hinweis darauf stammt von den Kalambo-Fällen an der Grenze zwischen Sambia und Tansania. Dort fanden Wissenschaftler eine Holzkonstruktion, die vor 478 000 Jahren angefertigt worden sein muss, vermutlich von Angehörigen der Art Homo erectus. Hölzerne Werkzeuge wurden dort auch entdeckt, sie waren bis zu 390 000 Jahre alt. Doch zeugen diese Funde wirklich vom Beginn der Holzbearbeitung?

Das Problem mit Holz ist: Im Gegensatz zu Knochen und vor allem Steinen überdauert dieses Material die Zeiten nur schlecht. Die ältesten bislang identifizierten Steinwerkzeuge etwa sind erheblich älter. Sie wurden ebenfalls in Ostafrika gefunden, nämlich in Kenia, und sie werden auf ein Alter von 3,3 Millionen Jahren datiert. Sie müssen demnach von Australopithecinen verwendet worden sein, von Vorgängern der Gattung Homo. Und die Frage ist: Ist es vorstellbar, dass diese Wesen zwar mit Steinen klopften, aber nicht auf die Idee kamen, das viel einfacher zu bearbeitende Material Holz zu nutzen?

Ein Fund aus Griechenland zeigt nun: In jener Zeit, aus der die ältesten heute bekannten Holzwerkzeuge stammen, war das Arbeiten mit Holz jedenfalls kein Einzelfall. Eine Gruppe um die Archäologinnen Annemieke Milks von der University of Reading und Katerina Harvati von der Universität Tübingen hat 2015 und 2019 in einem ehemaligen Braunkohle-Tagebau bei der Kleinstadt Megalopoli auf der Peloponnes zwei hölzerne Gegenstände mit klaren Nutzungs- und Bearbeitungsspuren gefunden. Wie das Team jetzt in der Wissenschaftszeitschrift PNAS berichtet, lagen die Artefakte etwa 30 Meter unter dem heutigen, ursprünglichen Bodenniveau in einer Erdschicht, die vor etwa 430 000 Jahren von Sedimenten zugedeckt worden ist. Es sind demnach die bislang ältesten bekannten Holzwerkzeuge der Menschheitsgeschichte.

Haben hier Frühmenschen einen erlegten Elefanten gegen Raubtiere verteidigt?

Bei einem der beiden Gegenstände handelt es sich um Bruchstücke des Stammes einer jungen Erle. Sie fügen sich zu einer Länge von 81 Zentimetern zusammen, bei einem Durchmesser von bis zu 4,5 Zentimetern. An dem weitgehend von der Baumrinde befreiten Holz fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Spuren, wie man sie von einem sogenannten Grabstock kennt; der genaue Zweck des Gegenstandes ist aber nur zu vermuten.

So sieht der mutmaßliche Grabstock von der Ausgrabungsstätte Marathousa 1 bei Megalopoli aus.
So sieht der mutmaßliche Grabstock von der Ausgrabungsstätte Marathousa 1 bei Megalopoli aus. (Foto: Katerina Harvati, Dimitris Michailidis)

Das zweite Gerät besteht aus Weide oder Pappel und ist nur knapp sechs Zentimeter lang. Auch seine Funktion ist unklar; vielleicht half das Holzstück bei der Bearbeitung von Steinen, mutmaßt das Team um Milks. Klar sei zumindest, dass das Teil bearbeitet und mit ihm gearbeitet worden ist.

Die Funde stammen aus dem Mittleren Pleistozän, aus einem der verworrensten und spannendsten Zeiträume der Menschheitsgeschichte. Damals existierten mehrere Arten der Gattung Homo nebeneinander und breiteten sich in der Welt aus. Immer mehr Funde aus dieser Zeit zeugen davon, dass die damaligen Vor- und Frühmenschen zu komplexem Verhalten fähig waren. Zuletzt etwa präsentierten britische Forscher 400 000 Jahre alte und damit die bislang ältesten Belege dafür, dass Frühmenschen gezielt Feuer entzündeten. Auch die ältesten vollständig erhaltenen hölzernen Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte, die Schöninger Speere, stammen mit einem Alter von vermutlich 330 000 Jahren aus jener Zeit.

Jagdspuren gibt es auch bei Megalopoli. Die Fundstätte der Werkzeuge lag damals wohl an einem Seeufer. In derselben Erdschicht fanden die Forscherinnen und Forscher auch die Überreste eines erlegten oder verendeten Europäischen Waldelefanten, außerdem Überreste verschiedener Tierarten, darunter Wildschwein und Flusspferd, sowie Tausende Abschläge von Steinwerkzeugen. Zudem entdeckten sie ein Teilstück eines Erlenstamms mit Spuren von Krallen eines Raubtiers, vielleicht eines Bären, vielleicht einer Raubkatze. Was dieser Fund bedeutet, ob zum Beispiel Menschen einst einen Konkurrenten um den toten Elefanten in die Flucht geschlagen haben, oder ob die Krallenspuren im Gegenteil überhaupt nichts mit den übrigen Funden zu tun haben, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch offensichtlich arbeiteten die Frühmenschen dort einst flexibel mit verschiedenen Materialien, mit Stein ebenso wie mit Holz.