

Die Anrainerstaaten der Nordsee wollen den grenzüberschreitenden Ausbau von Windparks in dem Gewässer weiter vorantreiben. Konkret sollen von 2031 bis 2040 jedes Jahr bis zu 15 Gigawatt Erzeugungsleistung europaweit verauktioniert werden. Entsprechende Erklärungen unterzeichneten die Energieminister von Belgien, Dänemark, Frankreich, Irland, Luxemburg, der Niederlande, Norwegen und Großbritannien sowie mehrere Staats- und Regierungschefs am Montag beim Nordseegipfel in Hamburg. Zugleich verpflichtete sich die Branche in Hamburg dazu, die Stromgestehungskosten der Windräder bis 2040 um 30 Prozent zu reduzieren, in den kommenden vier Jahren in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.
Darüber hinaus soll nach dem Willen der Staaten bis zu ein Drittel der bis zum Jahr 2050 geplanten 300 Gigawatt grenzüberschreitend geplant und vernetzt werden, um Flächen effizienter zu nutzen und die Kosten zu senken. Hintergrund ist, dass manche Staaten über mehr geeignete Flächen verfügen, als sie zur Deckung ihres Bedarfs benötigen. Ein Beispiel ist der in Dänemark entstehende, drei Gigawatt große Windpark Bornholm Energy Island, für den auch Stromleitungen nach Deutschland gebaut werden sollen. Die Kosten des Projekts sollen erstmals entsprechend des Nutzens für die jeweiligen Energiesysteme geteilt werden.
„Schöne Antwort“ auf Trump-Äußerungen
Mit den Anstrengungen in der Nordsee möchten sich die beteiligten Staaten auch weniger abhängig von fossilen Energieimporten nach Europa machen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bezeichnete die Nordsee als „strategischen Schlüsselraum Europas“. Ziel sei es, dort den „größten Energie-Hub der Welt“ zu entwickeln. Schätzungen europäischer Übertragungsnetzbetreiber zufolge könnte sie bis zum Jahr 2050 40 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Der Gipfel sei eine „schöne Antwort“ auf die Äußerungen des amerikanischen Präsidenten beim Weltwirtschaftsforum in Davos vergangene Woche, so Reiche. Donald Trump hatte dort Staaten, die auf Windkraft setzen, als „Loser“ bezeichnet und die Technik als „größten Betrug der Geschichte“ dargestellt. Dabei belegen Daten, dass sie in Deutschland die günstigste Technik zur Stromerzeugung ist, zumindest gemessen an den Gestehungskosten.
Allerdings sind die Kosten für Bau und Anschluss an das Stromnetz in den vergangenen Jahren inflationsbedingt sehr stark gestiegen. Zu den bislang in Europa installierten 37 Gigawatt auf See kamen im vergangenen Jahr kaum neue Windräder hinzu. Reiche kündigte am Montag in Hamburg an, die Förderung, bei der Interessenten bislang auf möglichst niedrige Beträge bieten, „zeitnah“ auf Differenzverträge umzustellen. Großbritannien habe gezeigt, dass Auktionen erfolgreich sein könnten. Dort waren vor wenigen Tagen Flächen für die Errichtung von bis zu 8,4 Gigawatt installierter Leistung erfolgreich versteigert worden; es war die größte Ausschreibung jemals in Europa.
In Deutschland hingegen hatte sich in der letzten Auktion im Sommer vergangenen Jahres kein einziger Bieter gefunden. Mit der Umstellung auf Differenzverträge kommt Reiche langjährigen Forderungen der Industrie nach, die sich von dem Modell mehr Investitionssicherheit und somit niedrige Finanzierungskosten versprechen. Zugleich sollen Betreiber von Windparks nach dem Willen der Energieministerin auch weiterhin Strom direkt an große Abnehmer verkaufen können.
Wichtigstes Ergebnis des Gipfels sei, dass die Branche durch die versprochenen Ausschreibungen ab dem Jahr 2031 mehr Vorhersehbarkeit bekomme, sagte der Vorstandsvorsitzende des Windparkprojektierers Ørsted, Rasmus Errboe, im Gespräch mit der F.A.Z. Dadurch werde es für die Branche deutlich einfacher, mehr in Produktionskapazitäten in Europa zu investieren und die Kosten zu senken. Auch die Branchenverbände BDEW und BWO erhoffen sich viel von der grenzüberschreitenden Planung. So könnten Abschattungseffekte deutlich reduziert, Volllaststunden und Erträge um sechs bis 13 Prozent gesteigert und die Kosten je Megawattstunde um sechs bis elf Prozent gesenkt werden. Der Gipfel in Hamburg war der dritte seiner Art nach Treffen 2022 im dänischen Esbjerg und 2023 im belgischen Ostende.
