Warum Leon Windscheid einen Podcast zum Holocaust macht

Leon Windscheid erinnert sich noch gut an sein erstes Treffen mit der Holocaustüberlebenden Eva Szepesi. Besucht hat er sie in ihrer Wohnung im Frankfurter Stadtteil Dornbusch. „Da war alles noch sehr förmlich und wir haben uns gesiezt, inzwischen sind wir Freunde“, erzählt er. „Ah, da kommt der Leon“: So begrüße die 93 Jahre alte Szepesi ihn mittlerweile.

Windscheid ist Psychologe, Podcaster, Moderator. Bekannt wurde er, als er 2015 in Günther Jauchs Show „Wer wird Millionär?“ eine Million Euro gewann. Mit dem Geld kaufte Windscheid ein Ausflugsschiff, das er zu einem Kultur- und Veranstaltungsschiff umbaute. Im ZDF steht er regelmäßig vor der Kamera, etwa bei „TerraXplore“. Mit dem Comedian Atze Schröder betreibt er den Podcast „Betreutes Fühlen“. Im Moment tourt der 37 Jahre alte Windscheid mit seiner neuen Show „Alles Perfekt“ durch Deutschland, in der es um die Überforderung des Einzelnen in der Leistungsgesellschaft geht.

Mitte Januar probiert Windscheid in Offenbach etwas Neues. In der Stadthalle führt er ein Gespräch mit Eva Szepesi, die als junges Mädchen nach Auschwitz deportiert wurde. Vor nun 81 Jahren wurde sie, dem Tod nah, von Soldaten der Roten Armee aus dem Vernichtungslager befreit. Auf die Bühne kommt sie gemeinsam mit ihrer Tochter Anita Schwarz. Mehrere hundert Schüler verfolgen das Gespräch.

Der Holocaust bewegt Windscheid seit seiner Schulzeit

Die Frage, wie mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, dem Holocaust, umzugehen ist, treibe ihn seit seiner Jugend um, sagt Windscheid vor der Veranstaltung im Gespräch. Als für ihn prägenden Moment beschreibt er ein Treffen mit einem Holocaustüberlebenden während seiner Schulzeit. „Der Mann zog seinen Ärmel hoch und zeigte die Tätowierung, die jeder Häftling bei seiner Ankunft im Konzentrationslager erhielt, und plötzlich wurde alles still im Raum“, erinnert er sich. „Ich habe versucht zu verstehen: Wie war es möglich, dass Menschen anderen Menschen ihre Namen wegnahmen und sie zu Nummern machten?“

Auf Szepesi aufmerksam wurde Windscheid, als sie 2020 im Fernsehen bei „Markus Lanz“ ihre Geschichte erzählte. Im September 1932 ist sie in einer jüdischen Familie in Budapest geboren. Ihre Kindheit endete jäh, als sie vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Nach Auschwitz deportiert wurde sie im November 1944. Das deutsche Vernichtungslager überlebte sie nur knapp. Als die Rote Armee auf das Lager vorrückte, trieb die SS die letzten Häftlinge zusammen, um sie auf die sogenannten Todesmärsche zu schicken. Das Mädchen war so krank und schwach, dass man sie für tot hielt. Als das Lager befreit wurde, bemerkte ein sowjetischer Soldat, dass sie noch lebte.

Windscheid hat Szepesi gefragt, ob sie zu ihm in den Podcast kommen möchte. Zuerst war sie unsicher. „Ich hatte Bedenken und Angst: Ein Podcast, was ist das?“, erinnert sie sich. „Als Leon dann aber zu mir nach Hause kam, haben wir uns sofort gut verstanden, so als ob wir uns schon länger gekannt hätten. Er ist sehr einfühlsam. Und ich mag, wie er sich für die Demokratie einsetzt.“

Alltag in Auschwitz

Windscheid hofft, dass die Schüler, die zum Gespräch in die Offenbacher Stadthalle kommen, Szepesis Schilderungen möglichst genau in Erinnerung behalten. Und er will den jungen Menschen klarmachen, dass der Holocaust nichts Abstraktes ist, sondern dass die Menschen in den Lagern wirklich ein Leben geführt haben.

Auf der Bühne fragt er Szepesi zum Beispiel danach, was es damals zu essen gab. „Nur Brot mit Margarine, manchmal etwas Marmelade oder eine wässrige Suppe“, antwortet sie. „Wir haben uns schon gefreut, wenn mal ein paar Kartoffelschalen oder Karotten darin waren.“

Man habe im Lager nie richtig schlafen können, weil es so eng gewesen sei, berichtet sie. Auch Krankheiten hätten sich schnell verbreitet. Szepesi erinnert sich an den Morgenappell, jeden Morgen um halb fünf mussten sie dort antreten. Manche Häftlinge seien so schwach gewesen, dass sie den Weg dorthin kaum oder gar nicht geschafft haben. Ewig habe man stehen müssen, bis alle vollständig waren. „Die immerwährende Kälte und der Schnee haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.“ Szepesis Tochter erzählt, dass ihre Mutter bis heute fühlen würde, dass es bald schneit. Sie bekomme Schmerzen und zwei bis drei Tage später komme dann der Schnee.

Ob sie von den Gaskammern gewusst habe, wollen viele Schüler wissen. „Ich habe den Rauch gesehen“, antwortet die Überlebende. „Auch der Gestank, der von dort kam, ist mir bis heute präsent. Ich wusste aber nicht genau, was sie an dem Ort machten. Es gab nur Gerüchte.“

Manche Schüler haben Tränen in den Augen

Trotz des Grauens habe es aber auch Momente der Zuversicht gegeben. Szepesi erzählt von einer Frau, deren Tochter in Auschwitz erschossen wurde. Sie wurde für Szepesi, die im Lager ganz allein war, zur Mutterfigur. „Sie hat sich mir angenommen, stand neben mir und hat meine Hand gehalten, sie ist für mich da gewesen.“

In der Stadthalle ist es während der gesamten Veranstaltung still. Während Szepesi spricht, fangen manche Schüler an zu weinen. Auch Windscheid versagen einmal kurz die Worte. Im Gespräch hat er vorher erzählt, dass er sich genau überlegt hat, wie detailliert er über Szepesis Erlebnisse sprechen wolle. „Mittlerweile gibt es in unserer Gesellschaft überall eine Trigger-Warnung. Da haben wir natürlich überlegt, wie drastisch wir das erzählen wollen. Es war aber schnell klar, dass wir nichts weglassen und alles so erzählen, wie es war. Und das ist leider unvorstellbar grausam.“

Über die Zeit in Auschwitz hat Eva Szepesi mehr als 50 Jahre lang nicht gesprochen. Heute tritt sie regelmäßig als Zeitzeugin auf.
Über die Zeit in Auschwitz hat Eva Szepesi mehr als 50 Jahre lang nicht gesprochen. Heute tritt sie regelmäßig als Zeitzeugin auf.Lando Hass

Auf der Bühne erzählt Szepesi, wie sie sich von ihrer Mutter verabschieden musste – auf die Flucht wurde sie damals mit ihrer Tante geschickt. Ihre Mutter habe ihr noch eine Flasche mit ihrem Parfüm und eine blaue Strickjacke mitgegeben. In Auschwitz schrie sie eine Aufseherin an, sie solle die Jacke ausziehen. Das Mädchen legte das Kleidungsstück ordentlich auf dem Boden zusammen. Die Frau trat mit dem Fuß danach, die geliebte Jacke landete im Dreck.

Nach dem Krieg habe sie lange nicht gewusst, ob ihre Mutter überlebt hat, erzählt Szepesi. Erst 2016 bekam sie die traurige Gewissheit: In der Gedenkstätte Auschwitz las sie ihren Namen in einer Liste der Menschen, die in dem Lager ermordet wurden. „Erst dann konnte ich mit ihrem Tod wirklich abschließen“, sagt sie. „Ich habe bis dahin immer gehofft, dass sie es doch irgendwie geschafft hat.“

Der Holocaust ist in der Familie stets präsent

Der Holocaust ist nicht nur bei Szepesi selbst, sondern auch bei ihren Nachfahren stets präsent. „Wir wachen morgens damit auf und gehen abends damit schlafen“, sagt ihre Tochter Anita Schwarz. Und erklärt an einem Beispiel, was das bedeutet. Sie habe mit 40 Jahren Panikattacken beim Autofahren bekommen und sei dann in Therapie gegangen, erzählt sie. Dort kam bald heraus, dass ihre Probleme mit der Geschichte ihrer Mutter zusammenhingen.

Die Nachwirkungen der traumatischen Erfahrungen spüre aber auch Szepesis Enkel Leroy Schwarz. Er empfinde etwa starke Beklemmungen, wenn ihm beim Eintritt in einen Club ein Stempel auf den Unterarm gedrückt werde, weil es ihn an Szepesis Tätowierung erinnere. Windscheid erklärt, dass es sich dabei um ein transgenerationales Trauma handle, das von einer Person an ihre Kinder und Enkelkinder weitervererbt werde.

Auch in den 50 Jahren, in denen ihre Mutter kein Wort über Auschwitz sagte, spielte das Lager im Hintergrund immer eine Rolle, sagt Anita Schwarz. „Natürlich wusste ich, dass meine Mutter in Auschwitz war, aber es war nie ein Thema. Doch im Alltag hat man es gespürt. Sie hat Panik bekommen, wenn die U-Bahn stecken geblieben ist.“ Einmal habe sie ihrer Mutter einen toten Maikäfer gezeigt. „Über den Tod spricht man nicht“, sagte Szepesi.

Zur Zeitzeugin wurde sie erst spät. 1995 hatte man Szepesi zu einem Interview mit der Shoah Foundation eingeladen. Bei einer Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers sprach sie erstmals mit jungen Menschen über ihre Erlebnisse. Sie schrieb ein Buch, trat bald auch häufig in Schulen auf.

„Leon hat sich nach dem 7. Oktober hinter uns gestellt“

Szepesi und ihre Tochter sagen, dass ihnen das Erstarken rechter Kräfte in Deutschland Angst mache. „Es haben sich viele besorgte Schuldirektoren bei uns gemeldet, weil sie beobachten, dass viele Schüler mittlerweile mit rechtsextremem Gedankengut und Parteien wie der AfD sympathisieren“, sagt Anita Schwarz. „Sie fragen uns dann, ob wir kommen wollen, um die jungen Menschen aufzuklären.“

Sorgen macht den beiden auch der zunehmende Antisemitismus im Land. Nach dem Hamas-Attentat auf Israel am 7. Oktober 2023 habe die Unterstützung für deutsche Juden deutlich nachgelassen. Von einigen Schulen, wo sie auftreten sollte, wurde Szepesi wieder ausgeladen – mit dem Hinweis, man könne nicht für ihre Sicherheit garantieren. „Leon dagegen war einer der wenigen, die sich hinter uns gestellt haben“, sagt Schwarz. „Deshalb haben wir dieses freundschaftliche Verhältnis. Wir finden es großartig, dass er mittlerweile seit Jahren an dem Thema dranbleibt.“

Auch Windscheid ist über den Rechtsruck sehr besorgt. Er bezeichnet es als „perfide Methode“, wenn Rechtspopulisten heute davon sprechen, dass  junge Menschen nicht schuld an der Vergangenheit seien, und man deshalb endlich einen Schlussstrich ziehen müsse. Denn es habe ja nie jemand behauptet, dass die jungen Menschen von heute noch Schuld tragen würden. „Es geht doch darum, dass wir aus der Geschichte lernen und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“

Szepesi sagt auf der Stadthallenbühne, dass es ein schleichender Prozess war, der zum Holocaust führte. Die Ausgrenzungen hätten klein angefangen, erst nach und nach nahmen sie zu. Und dann erzählt sie von einem Erlebnis aus ihrer Kindheit, das ihr nicht mehr aus dem Kopf geht: „Fünf meiner Freunde spielten an der Wasserpumpe. Ich wollte ihnen zuwinken, aber sie waren viel zu beschäftigt. Zwei Jungs hielten ein Stück rohes, blutiges Fleisch unter den Wasserstrahl. Plötzlich drehte sich einer zu mir um und sagte: ‚Was glotzt du so blöd, du Saujüdin?‘ Da rief auch schon einer meiner Freunde: ‚Ja, schau ruhig her! Genauso wie von diesem Stück Fleisch wird bald auch das Blut von deinem Vater fließen.‘“ Doch trotz all dieser schlimmen Erinnerungen könne sie nicht hassen, sagt die Überlebende. „Ich will lieben“, ruft sie den Schülern zu.

Leon Windscheid zeigt sich von Eva Szepesi stark beeindruckt. Er sagt: „Wenn jemand wie sie trotz allem ihre Hand ausstreckt und wir sie annehmen, ist das doch eine Möglichkeit, dass wir alle wieder zusammenfinden.“