Holocaust-Gedenktag: Judenmord jenseits von Auschwitz

Wenn auf dem Gelände des Museums Auschwitz-Birkenau am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz Politiker den Reden von Überlebenden zuhören, versammeln sich an zahlreichen anderen Massengräbern in Polen, der Ukraine oder den baltischen Staaten Menschen, um der jüdischen Opfer von Massenerschießungen zu gedenken. Noch vor wenigen Jahren wurden diese Veranstaltungen von Überlebenden besucht; nun beteiligen sich bestenfalls noch ihre Kinder und Enkelkinder. Delegationen von lokalen, geschweige denn internationalen Politikern lassen sich bei diesen Gelegenheiten selten sehen.

Was den Holocaust in Westeuropa von dem in Osteuropa unterscheidet, ist die Logistik des Verbrechens. Während die meisten westeuropäischen Juden Hunderte und Tausende Kilometer weit mit dem Zug in den Tod transportiert wurden, fand der Genozid in Osteuropa gewissermaßen „vor Ort“ statt. Die Überreste von sechs deutschen Vernichtungslagern – Auschwitz, Belzec, Kulmhof, Majdanek, Sobibor und Treblinka – befinden sich heute in Polen. In unzähligen Fällen wurden die einheimischen jüdischen Opfer allerdings nirgendwohin deportiert, sondern in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses erschossen. Ihre Gräber prägen die Landschaft bis heute.

Eines dieser Gräber befindet sich in einem Wald bei Brzozów, einer Kleinstadt im Südosten Polens. In der Zwischenkriegszeit machte die jüdische Bevölkerung dort knapp 30 Prozent der insgesamt etwa 4000 Einwohner aus – überlebt haben lediglich einige Dutzend. Nach dem Krieg kehrte kein einziger Jude in die Stadt zurück. An der Straße, die aus dem Ort hinausführt, weist neben einem ehemaligen Priesterseminar ein dunkelblaues Schild zum „Massengrab der Juden von Brzozów“. Von dort führt ein schmaler Waldweg zum Gedenkort. Den Pfad säumen Holztafeln, auf denen der lokale Künstler Arkadiusz Andriejkow nach erhaltenen Fotos schwarz-weiße Porträts von Juden aus Brzozów gemalt hat.

Das „Mausoleum“ von Brzozów

Initiiert hat die Aktion ein Verein, der sich für die Bewahrung der multikulturellen Geschichte der Stadt einsetzt. Das erste Bild zeigt die zwei Freundinnen Nesia Kornfeld und Sala Biber, das zweite die Gebrüder Weiss. Das dritte stellt den Rabbiner Josef Weber mit seinen drei Söhnen dar. Die Webers tragen weiße Armbinden – ein starkes Indiz dafür, dass das Foto im Ghetto aufgenommen wurde. Der Besitz eines Fotoapparats war für Polen und Juden unter deutscher Besatzung verboten. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass es sich um eine Aufnahme von Hand und aus Perspektive eines deutschen Täters handelt, der die Familie zuvor in einer Reihe aufstellte.

Am Ende des Pfads gelangen wir zu einer etwas merkwürdigen Konstruktion. Es handelt sich um eine von sechs Säulen umringte und mit einer kleinen Kuppel überdachte schräge Betonplatte. In Brzozów wird dieser Ort „Mausoleum“ genannt. Am 10. August 1942 erschossen an dieser Stelle deutsche Sicherheits- und Ordnungspolizisten mehrere Hundert Juden.

Zwei Monate zuvor war das Ghetto in Brzozów errichtet worden. Wie in Hunderten ähnlichen Ghettos im Osten Europas gab es hier keine Mauer, sondern höchstens Stacheldraht und an einigen Stellen einen provisorischen Zaun aus Holzbrettern. Ungefähr 1400 Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern lebten auf engstem Raum zusammen. Oft mussten mehrere Großfamilien in einem kleinen Zimmer ausharren, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und fast ohne Lebensmittel.

Das „Mausoleum“ im Wald bei Brzozów
Das „Mausoleum“ im Wald bei BrzozówPaweł Masłowski

Am 2. oder 4. August 1942 (in den Quellen werden unterschiedliche Daten genannt) ließ die deutsche Polizei alle jüdischen Männer im Alter zwischen 14 und 35 Jahren – insgesamt etwa 200 Personen – in die Zwangsarbeiterlager Pla­szow und Prokocim bei Krakau deportieren. Einer von ihnen war Natan Weiss, der auf dem zweiten Bild im Wald von Brzozów zu sehen ist. Nach weiteren Etappen in Auschwitz und Mittelbau-Dora erlebte er schließlich die Befreiung in Bergen-Belsen. Fast ein halbes Jahrhundert später errichtete Weiss für seine ermordeten Mitbürger das „Mausoleum“.

Nur eine Randnotiz für die Ermittler

Wer nicht zur Zwangsarbeit deportiert wurde, hatte kaum Überlebenschancen. Am 10. August 1942 wurden alle verbliebenen Juden auf dem Sportplatz versammelt und mit Lkw abtransportiert. Augenzeugen berichteten, dass Sala Biber eine Namensliste führen musste. Das Dokument ist verschwunden. Ob eine Deportation in ein Vernichtungslager stattfand, ist unklar. Es gibt lediglich vage Hinweise, dass einige Lastwagen zum Bahnhof im 20 Kilometer entfernten Rymanów fuhren, wo Transporte ins Vernichtungslager Belzec hielten.

Einen Tag zuvor mussten polnische Zwangsarbeiter im Wald hinter dem Priesterseminar eine Grube ausheben. Zwei Meter breit und zehn Meter lang soll sie gewesen sein. Einer der Zwangsarbeiter, die das Verbrechen beobachteten, erzählte den Seminaristen später: „Auf der Lichtung im Wald wurden [die Opfer] vollständig entkleidet. Danach musste sich jeder, einer nach dem anderen, auf den Boden legen. Er kroch bis zum Rand der Grube auf die quer darauf liegenden Bretter, erhob sich, bis er kniete, und wurde von hinten erschossen oder erstochen. Die Kinder wurden durch einen Hieb mit der Brechstange auf den Kopf erschlagen. Die sich noch bewegenden Leichenschichten wurden mit Chlorkalk bestreut.“

Je nachdem, ob es eine Deportation von Brzozów nach Belzec gab oder nicht, können auf diese Weise zwischen 600 und 1200 Menschen ermordet worden sein. Bekannt sind nur einzelne Namen, darunter Sala Biber, Nesia Kornfeld und die Familie Weber. Die Identität und die Anzahl aller Erschossenen werden wir wohl nie erfahren.

Die Massenerschießung in Brzozów taucht nur am Rande einiger Ermittlungen der polnischen Hauptkommission für die Erforschung nationalsozialistischer Verbrechen sowie westdeutscher Staatsanwaltschaften zu anderen Taten auf. Aus diesen Unterlagen lassen sich einige Namen der etwa ein Dutzend deutschen Schützen rekonstruieren. Bereits 1945 wurde Gustav Schmatzler aus dem Grenzpolizeikommissariat im nahe gelegenen Krosno nach einem Schauprozess vor einem polnischen Gericht für Tötungsdelikte an polnischen Zivilisten hingerichtet. 1973 wurde Oskar Bäcker aus demselben Kommissariat vom Landgericht Bonn zu lebenslanger Haft „wegen Mordes in vier Fällen“ in den Orten Krosno und Korczyna verurteilt.

Die „Aktion Reinhardt“

Johann Plähn, Leiter des Gendarmeriepostens in Brzozów, der von der Staatsanwaltschaft in Dortmund im Zuge der Ermittlungen gegen Bäcker vernommen wurde, sagte aus: „Die Gendarmerie hatte mit den Judenangelegenheiten praktisch nichts zu tun.“ Die Ermittler bohrten nicht weiter nach – obwohl aus den Erinnerungen eines Priesters aus dem Seminar bekannt ist, dass sich Plähn nach der Tat damit brüstete, 600 Menschen erschossen zu haben. Nach der Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft im Jahr 1955 trat er in Schleswig-Holstein wieder in den Polizeidienst ein. Für die Mordtaten in Brzozów ist bis heute niemand juristisch zur Verantwortung gezogen worden.

Die Ereignisse in Brzozów waren Teil der „Aktion Reinhardt“, die der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt als den „Kern des Holocausts“ bezeichnet. Aktuellen Forschungen zufolge wurden in nur anderthalb Jahren, zwischen Frühjahr 1942 und Spätherbst 1943, bis zu 1,8 Millionen polnische Juden ermordet – fast ein Drittel aller Holocaustopfer. Die meisten von ihnen hatten zuvor im Generalgouvernement gelebt, jenem Teil des von Deutschland besetzten Polens, der nicht ins Reich eingegliedert worden war. Heute umfasst das Gebiet Zentral- und Südostpolen sowie Teile der Westukraine.

Die Juden wurden zunächst in Hunderten kleineren und größeren Ghettos zusammengeführt. Anschließend transportierten die Täter die Mehrheit von ihnen in speziell für die „Aktion Reinhardt“ errichtete Vernichtungslager: Treblinka, Belzec und Sobibor. Dort wurden die Opfer unmittelbar nach der Ankunft vergast, die Leichen erst verscharrt und dann verbrannt. In diesen Lagern gab es keine Krematorien wie etwa in Auschwitz, sondern riesige Scheiterhaufen. Transportlisten wie in Auschwitz gab es dort ebenfalls keine. Groben Schätzungen zufolge wurden in den drei Lagern etwa 1,6 Millionen Menschen ermordet.

Hinter dem Begriff „Aktion Reinhardt“ verbirgt sich jedoch weit mehr als die Lager. Der polnische Holocausthistoriker Dariusz Libionka weist darauf hin, dass Massenerschießungen integraler Bestandteil der Ermordung von Juden im deutsch besetzten Polen waren. Aufgrund der Komplexität der Ereignisse lässt sich das Ausmaß dieser Verbrechen nicht als eine einfache Differenz zwischen der Opferzahl der „Aktion Reinhardt“ und der der drei Lager berechnen. Vielmehr müssen wir hinnehmen, dass wir die genaue Zahl der Opfer nie erfahren werden.

Es geschah am helllichten Tage

Vor den Massenerschießungen ließen die Täter große Gruben ausheben. Neben den Zwangsarbeitern mussten das oft die Opfer selbst tun. Die Entscheidung darüber, wer als „nicht transportfähig“ galt, variierte: Handelte es sich an einigen Orten dabei nur um Schwerkranke und Greise, so zählten andernorts auch Frauen und Kinder dazu. In einigen Fällen, besonders in den östlichen Teilen des Generalgouvernements, fanden keine Deportationen statt. Dort wurden alle Opfer in Massenerschießungen ermordet.

Oft heißt es, die Täter hätten ihre Verbrechen verheimlichen wollen. Das stimmt nur bedingt. In der Regel wurden sie am helllichten Tag verübt. Nicht immer kamen Lkw zum Einsatz; manchmal ließen die Täter Fuhrwerke holen, die von einheimischen Bauern gefahren wurden. So verlief etwa die Vorbereitung zum Mord in Jasienica Rosielna, einem etwa zehn Kilometer von Brzozów entfernten Dorf, wo nur einen Tag später etwa 650 Menschen auf dem jüdischen Friedhof erschossen wurden. Vielerorts mussten die Opfer zu Fuß zu ihrem Erschießungsort gehen. Fast überall gab es nichtjüdische Zuschauer, meistens Kinder, die auf Bäume kletterten und das Geschehen beobachteten. Die Protokolle ihrer Verhöre aus der Nachkriegszeit gehören zu den wichtigsten Quellen für die Erforschung dieser Ereignisse.

In Polen finden sich Hunderte von Massengräbern des Holocausts. Vermutlich birgt die Mehrheit der mehr als tausend jüdischen Friedhöfe im Land kleinere und größere Gräber von Holocaustopfern. Oft erinnert nur eine Gedenktafel am Eingang an die Opfer. Auf dem Friedhof selbst sucht man dann vergeblich nach der Stelle, an der sie begraben wurden. Hinzu kommen Begräbnisstätten abseits der Friedhöfe: Während einige sorgsam gepflegt werden, in der Regel von lokalen Vereinen, die sich für das jüdische Erbe einsetzen, lassen sich andere nur mit Mühe im Gebüsch ausfindig machen.

Das Ausmaß der Massengräber ist unklar

Allein im ehemaligen Distrikt Krakau des Generalgouvernements, der ungefähr dem Gebiet der heutigen Woiwodschaften Kleinpolen (mit Hauptstadt in Krakau) und Karpatenvorland (mit Hauptstadt in Rzeszów) entspricht, finden sich knapp vierzig Massengräber des Holocausts, die außerhalb jüdischer Friedhöfe liegen. In der sanft hügeligen Landschaft des Nationalparks Magura nahe der polnisch-slowakischen Grenze stoßen Wanderer auf das außergewöhnlich große Grab von 1250 Juden aus dem Städtchen Nowy Żmigród. Nur 20 Kilometer weiter östlich, am Fuße des Bergs Błudna, fand am 13. August 1942 die Erschießung von etwa 500 jüdischen Einwohnern der Kleinstädte Dukla und Rymanów statt. Im Herbst trifft man in der Gegend viele Pilzsammler, die die Grabstätte jedoch meiden.

Im Wald in Warzyce bei Jasło führte die deutsche Polizei unter Leitung des SS-Hauptsturmführers Wilhelm Raschwitz in den Sommermonaten 1942 mehrere Erschießungen von jeweils Hunderten Juden aus den umliegenden Ortschaften durch. Am Rande von Głogów Małopolski befinden sich Massengräber Tausender Opfer, die aus dem Ghetto in Rze­szów dorthin transportiert wurden. Noch größer ist die Anlage in Zbylitowska Góra bei Tarnów – einer Stadt, deren Holocaustgeschichte die deutsch-polnische Historikerin Agnieszka Wierzcholska in ihrem 2022 erschienenen Buch „Nur Erinnerungen und Steine sind geblieben“ beschrieben hat.

Die meisten dieser Orte haben heute den rechtlichen Status von Kriegsgräbern und -friedhöfen. In einigen Fällen, wie etwa in Warzyce oder Zbylitowska Góra, wurden jüdische und nichtjüdische Opfer zusammen begraben. Auch wenn die Katasterkarten die Grenzen der Grabanlagen präzise festlegen, bleibt deren tatsächliches Ausmaß oft ungeklärt. So etwa in Brzozów, wo es keine Gewissheit gibt, ob das „Mausoleum“ an der Stelle steht, an der die Leichen vergraben wurden. Das Objekt ist viel zu klein, um die Überreste von mindestens 600 Menschen zu bedecken.

Die Identifizierung bisher unbekannter Grabstätten

Während an vergleichbaren Tatorten in dem von den Deutschen besetzten Teil der Sowjetunion zum Ende des Krieges Leichname verbrannt wurden, geschah das in Polen nur selten. Ganz sicher nicht in Brzozów. Wie weit das Grab reicht, wurde nie ermittelt, nicht zuletzt, weil die Halacha (die rechtliche Auslegung der Thora) Exhumierungen und Ausgrabungen verbietet: Die Ruhe der Toten darf unter keinen Umständen gestört werden.

Mit der Identifizierung der noch unbekannten Begräbnisstätten beschäftigen sich die Stiftung „Zapomniane“ (Das Vergessene) und die Rabbinerkommission für Friedhofsangelegenheiten. Seit 2014 identifizierten ihre Mitarbeiter 72 Gräber, die sie mit Gedenktafeln markierten; derzeit recherchieren sie an 120 weiteren Orten. Es handelt sich dabei oft um Gräber von Personen oder Familien, denen es gelungen war, den Deportationen oder Erschießungen zu entkommen und die später den Tod fanden.

So etwa im Dorf Trześniów bei Brzozów, wo die Stiftung ein Grab von acht Juden identifizierte. Polnische Polizisten töteten im Frühjahr 1943 fünf Personen, die bei einer polnischen Familie Zuflucht gefunden hatten. Von den Opfern sind nur die Vornamen bekannt: Naftali, Libka, Etka, Jankiel und seine Frau. Im Winter 1944 verloren dort eine weitere Jüdin und ihre beiden Söhne ihre Leben.

Lange untersuchten Historiker die Massenerschießungen lediglich im Kontext der sogenannten Täterforschung, wobei die Verbrechen der Einsatzgruppen – Truppen, die der Front folgten – im Vordergrund standen. Die englische Bezeichnung „mobile killing squads“ gibt ihren Charakter gut wieder. Sie kamen, mordeten und zogen weiter. Besonders viel ist über die Verbrechen der Einsatzgruppen nach dem Einmarsch in die Sowjetunion 1941 bekannt.

Dazu gehört das größte Verbrechen dieser Art, das Massaker vom 29. und 30. September 1941 an fast 34.000 Menschen in der Schlucht von Babyn Jar in Kiew. In Brzozów und zahlreichen anderen polnischen Ortschaften unter deutscher Besatzung war die Situation oft eine andere. Zu den Tätern gehörten deutsche Polizisten, die seit Kriegsbeginn dort stationiert waren. Viele Opfer kannten ihre Mörder: Es waren Männer, die sie zum Teil über drei Jahre hinweg verfolgt und erniedrigt hatten.

Der „Holocaust durch Kugeln“

Im Jahr 2007 gab es eine Wende in der Forschung. Damals veröffentlichte der französische Priester Patrick Desbois das Buch „La Shoah par balles“ („Holocaust durch Kugeln“; auf Deutsch erschien es unter dem weniger aussagekräftigen Titel „Der vergessene Holocaust“). Desbois folgt darin den Erinnerungen seines Großvaters, der in Rawa Ruska – damals im Distrikt Galizien des Generalgouvernements, heute in der Ukraine an der Grenze zu Polen – Zeuge von Massenerschießungen von Juden war. Statt sich wie in der früheren Forschung auf die Berichte der Täter zu konzentrieren, gab der Priester den Überlebenden und Augenzeugen eine Stimme.

Desbois kam zu dem Ergebnis, insgesamt seien 1,5 Millionen jüdische Opfer in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnorte erschossen worden – vor allem in den von Deutschland besetzten Teilen der Sowjetunion. Die britische Historikerin Mary Fulbrook gibt 1,8 Millionen Opfer an; Schätzungen anderer Forscher reichen sogar bis zu 2,2 Millionen Menschen, die in Osteuropa – von Estland bis zur Krim – in Massenerschießungen getötet wurden. Die Zahlen umfassen auch die Opfer der „Aktion Reinhardt“, deren Massengräber ein Forschungsteam am Deutschen Historischen Institut Warschau derzeit kartiert und dokumentiert.

Der Begriff „Holocaust durch Kugeln“ ist wegen seiner Fokussierung auf die Tötungsart umstritten. Die polnische Kulturwissenschaftlerin Roma Sendyka spricht vom „verstreuten Holocaust“, um auf die räumliche Streuung dieser Verbrechen hinzuweisen. Die Ermordung der Juden in Osteuropa konzentrierte sich weder auf die großen und gut erforschten Ghettos in Warschau, Krakau oder Riga, noch auf die bekannten Lager wie Auschwitz, Belzec oder Treblinka. Vielmehr fand sie überall statt.

Den Massenmorden ging die Verfolgung in Hunderten offenen und halboffenen Ghettos und Zwangsarbeiterlagern voraus. Die Transporte in die Vernichtungslager fuhren kaum verborgen durchs Land, was Claude Lanzmann in seinem Dokumentarfilm „Shoah“ (1985) gut veranschaulichte. Der von den Scheiterhaufen aufsteigende Rauch war aus mehreren Kilometern Entfernung zu sehen und zu riechen. Über die Rolle der lokalen Bevölkerung in diesen Ereignissen wird in Polen heftig gestritten.

Lokale Vereine halten das Gedenken hoch

Die Differenzierung zwischen dem Holocaust in den Lagern und dem Holocaust außerhalb der Lager ist jedoch komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint. Ein Beispiel dafür findet sich in Zasław bei Sanok. Der Judenrat im Ghetto in Sanok wirkte bewusst am Bau eines Zwangsarbeiterlagers mit – in der Hoffnung, auf diese Weise dem Tod zu entkommen. Juden aus dem gesamten Landkreis wurden dorthin transportiert, aber nur wenige leisteten Arbeit. Die meisten von ihnen wurden kurz nach der Ankunft erschossen. Zum zuständigen Gestapo-Kommissariat gehörte Johann Bäcker, der Bruder von Oskar Bäcker, der am Massenmord in Brzozów beteiligt war. In den Quellen tauchen Zahlen zwischen 2000 und 10.000 Opfern auf, eine Gedenktafel unterhalb des Massengrabs erwähnt gar 17.000 ermordete Häftlinge: „Den Einwohnern unseres Landes: Juden, Roma und Polen“.

Trotz der hohen Opferzahlen und einiger erhaltener Lagergebäude gibt es keine Gedenkstätte in Zasław. In der malerischen Landschaft am Fuße der Karpaten finden sich lediglich drei bescheidene Gedenktafeln aus unterschiedlichen Zeiträumen, die widersprüchliche Informationen enthalten, da es noch keine fundierte Forschung zur Geschichte des Lagers gibt. Das politische Klima in Polen für wissenschaftliche Arbeiten über den Holocaust ist schlecht. Besonders in Bezug auf Forschung zum Holocaust in der polnischen Provinz sowie zur antijüdischen Gewalt in der polnischen Gesellschaft ist die Gefahr von heftigen Auseinandersetzungen groß.

Ob die lokalen Vereine, die vielerorts die bescheidenen Gedenkorte pflegen, ihre Erinnerungsarbeit noch lange ohne staatliche Unterstützung leisten werden, ist ungewiss. Die Fokussierung der Gedenkveranstaltungen auf einzelne Orte wie das Museum Auschwitz-Birkenau oder das Warschauer Ghetto-Ehrenmal ist sicher pragmatisch, erweckt aber den falschen Anschein, als habe der Holocaust lediglich hinter den hohen Mauern der Lager und großen Ghettos, abgekoppelt von der Außenwelt, stattgefunden.

Zu den Veranstaltungen an den zentralen Gedenkstätten kommen Regierungschefs und Staatsoberhäupter. Um ein Gespür für das Ausmaß des verstreuten Holocausts in Osteuropa zu bekommen, kann man überlegen, wie viele Vertreter Deutschlands und Polens, der Ukraine, Litauens, Lettlands und Belarus’ nötig wären, sollten an jedem Ort in Osteuropa Treffen stattfinden, an denen deutsche Täter während des Zweiten Weltkriegs Hunderte Menschen erschossen haben. Man müsste ganze Parlamente in Bewegung setzen. Das schiere Ausmaß dieser Verbrechen darf uns aber nicht vom Versuch abhalten, die dezentrale Gedenkkultur an den verstreuten Holocaust gemeinsam zu pflegen.

Die Verfasserin ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts Warschau.