So gelang Alex und Lovis das Abenteuer

Zwei beste Freunde auf Weltreise mit einer Mission: Neben dem Abenteuer ihres Lebens wollen sie aufklären über das Thema Inklusion und Barrierefreiheit. Ein Jahr lang entdeckten Alexander Källner (27) und Lovis Wiefelspütz (28) aus Hamburg sechs Kontinente und 16 Länder. Dabei traten sie täglich aus ihrer Komfortzone heraus, trafen auf viele Menschen und Kulturen – und mussten oft Hindernisse überwinden. In ihrem Buch „Die Reise unseres Lebens“ halten sie ihre Eindrücke fest und zeigen, wie mit Offenheit, Mut und Anpassungsfähigkeit Reisen mit Behinderung möglich ist. Denn Alex und Lovis sind keine „normalen“ Reisenden.

Aus einem anfänglichen Scherz wurde Wirklichkeit, und 2022 traten Alex und Lovis, die einander seit der Oberstufe kennen, gemeinsam ihre große Reise an. Mit der Kamera dokumentierten sie fleißig mit und veröffentlichten Videos auf Instagram und Tiktok unter „Hurdle the World“. Neulich erschien dann ihr Buch – eine Art Tagebuch für die Öffentlichkeit. In zwei Erzählsträngen wechseln sich die Ich-Perspektiven der Jungs ab, in denen sie ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle teilen: Wie unterschiedlich nehmen sie die besuchten Orte wahr? Wann kommen sie an ihre Grenzen, und wie gehen sie mit ihnen um? Wie funktioniert Inklusion an unterschiedlichen Orten der Welt?

Zwischen Pfleger, Gepflegter und Freundschaft

Inklusion ist den beiden Jungs wichtig. Besonders, weil sie beide betroffen und Teil einer Community sind, die Unterdrückung erlebt. Lovis hat ADHS und machte früh durch seine Verwandten mit Inklusion Erfahrung. Und Alex ist in seiner Mobilität sehr eingeschränkt: Er hat AMC (Arthrogryposis multiplex congenita), eine angeborene Gelenksteifigkeit, die auch seine Muskeln betrifft. Zum Laufen benötigt er Orthesen, die stählernen Strümpfen ähneln. Noch weniger kann er seine Arme und Hände nutzen. Für alltägliche Dinge wie Hygiene, Umziehen oder selbstständiges Essen braucht er Hilfe – Inklusion macht sein Leben einfacher. Wobei ihn sonst seine Mutter unterstützt, übernahm schließlich Lovis auf der Weltreise: Er trug nicht nur doppeltes Gepäck, sondern half Alex morgens beim Aufstehen, An- und Ausziehen, Zähneputzen, Haare und Gesicht waschen und anderen Dingen, die für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich sind. Auch fast jede Treppe trug er ihn hoch und wieder runter.

Das Thema Inklusion wollen sie den Menschen näherbringen. „Es ist wichtig, eine Community zu haben. Ich will meine Stimme nutzen“, sagt Lovis. Gesellschaftliche Teilhabe sei nicht einfach umzusetzen, dafür brauche es ihrer Meinung nach nicht zuletzt staatliche Unterstützung und strukturelle Veränderungen. Das gehe über Rampen vor Gebäuden hinaus. „Wir brauchen Gemeinschaft, wo jeder seine Stärken und Schwächen mit an den Tisch bringt. Und Menschen nicht gegeneinanderarbeiten. Wenn es nur darum geht, dass nur der Stärkere überlebt – wie unterscheiden wir uns dann von Tieren?“, sagt Alex. Inklusion beginne also auch in den Köpfen der Menschen – und das über Ländergrenzen hinweg.

Wie sieht Inklusion auf der Welt aus?

Europa, Asien, Australien, Süd- und Nordamerika, Afrika – die Jungs pendelten zwischen Stränden und Nachtleben, asiatischen Tempeln, Großstädten und den Amazonas-Regenwald. Sie sahen australische Kängurus und gingen in Afrika auf Safari. Sie suchten den Kick mit Zip-Lining und Paragliding in Ecuador und bestiegen dort den aktiven Vulkan Cotopaxi auf 4600 Höhenmeter. Sie sahen die Stadt des Big Apples, fuhren Kanu in Kanada. Die Jungs lebten das Low-Budget-Life in Hostels, in Camper-Vans oder bei Bekannten. Denn so eine Reise ist mit Kosten verbunden. Immer wieder trafen sie auf Reisende, mit denen sie weiterzogen oder die Alex Hilfestellungen anboten, wenn er sie brauchte. Etwas, das Alex sehr zu schätzen weiß, aber nicht selbstverständlich ist.

„Überall auf der Welt gibt es Verbesserungspotenzial, was Inklusion und Barrierefreiheit angeht“, sagt Lovis. Pauschalisieren wollen die beiden Weltreisenden nichts, sie können schließlich nur aus eigener Erfahrung sprechen. Auf ihrer Webseite „Hurdle the World“ haben sie in ihren Blogeinträgen dazu ein „Zugänglichkeits-Ranking“ zu den besuchten Orten erstellt. Die Hamburger kommen zu dem Schluss, dass es allgemein in den Städten mehr Barrierefreiheit als auf dem Land gegeben habe. Immer wieder gab es aufmerksame und hilfsbereite Menschen, die Lovis bei der Hilfe mit Alex unterstützt haben. Aber es gab auch diejenigen, die Menschen mit Behinderungen ignorierten und wegschauten. Eine Negativ-Erfahrung machten sie beispielsweise in Vietnam, wo Alex teilweise „respektlos“ behandelt wurde, wie Lovis erzählt. „Es gibt Situationen, da wird Menschen mit Behinderung die Kompetenz abgesprochen“, sagt er.

Um sich ein Bild von lokalen Begebenheiten zu machen, sprachen sie in jedem Land mit Menschen mit Behinderungen und lokalen Organisationen, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzen. So gab es ihrer Erfahrung nach Orte, wo Menschen eher an den Rand gedrängt werden, keine finanzielle Unterstützung vom Staat oder Hilfe von der Gesellschaft bekommen, und Menschen mit Behinderung komisch angesehen werden. Dazu zählten zum Beispiel der Oman, Vietnam oder Malaysia. Auch in Ecuador wie Südafrika sei Inklusion eher ein Nischenthema. Ganz anders sehe es in westlichen Ländern aus, wo Menschen „nicht ums Überleben kämpften“, sondern andere es sich eher erlauben können, in der Öffentlichkeit für die Rechte für Menschen mit Behinderung einzutreten. Kanada, die USA oder Neuseeland empfanden die Jungs als sehr barrierefrei. Auch, weil das Thema Inklusion einen Platz im öffentlichen Diskurs finde. „Überall gibt es aber Menschen, die Gutes für andere tun“, sagt Lovis. Und diejenigen mit der „Wir kriegen das schon hin“-Einstellung.

Heute reden Alex und Lovis in Retroperspektive über ihre Reise. So, als sei sie etwas ganz Normales gewesen. Alex fühlt sich heute reifer, Lovis selbstbewusster. Sie lernten viel über sich selbst, über Männerfreundschaft und über die Krankheit des jeweils anderen. „Unsere Freundschaft ist viel intensiver als noch vor der Reise“, sagt Lovis. „Wir sind Wahlbrüder“, fügt Alex hinzu. Schließlich erlebten sie ein Jahr lang den Alltag zusammen, oft auch auf engem Raum. Eine Weltreise bedeutet nicht gleich Urlaub: Es war ein Balanceakt, bei dem jeder Kompromisse eingehen musste und jeder über sich hinauswuchs.