Es begann als alternativer Gesellschaftsentwurf. In den 1970er Jahren gründete Otto Muehl die sogenannte „Muehl-Kommune“, der zeitweise mehr als 600 Menschen an verschiedenen Standorten in Europa angehörten. Man hätte es sich als gemeinschaftliches Nebeneinander fernab bürgerlicher Kleinfamilien vorstellen können. Aber Muehl etablierte eine nach ihm gerichtete Hierarchie, die er nutzte, um seine Pädophilie auszuleben. Auf dem Friedrichshof im österreichischen Burgenland, wo die Sekte ihr Zentrum hatte, missbrauchte er jahrelang Kinder und Jugendliche. Im Jahr 1991 verurteilte ein Gericht Muehl unter anderem wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ zu einer siebenjährigen Haftstrafe.
Der Bewunderung für seine künstlerischen Arbeiten tat dies keinen Abbruch. Als eine der Schlüsselfiguren des vom amerikanischen Fluxus und den Happenings der 1960er Jahre beeinflussten Wiener Aktionismus wird Muehl bis heute gefeiert; seine Gemälde und Zeichnungen sind auf dem Kunstmarkt beliebt. Doch 13 Jahre nach seinem Tod regt sich in Österreich neue Kritik an Muehl und dem Umgang mit seinen Werken. Maria Windhager ist Juristin in Wien, eine Expertin für Persönlichkeitsrecht. Im Auftrag von ehemaligen Sektenmitgliedern setzt sie sich seit Jahren dafür ein, Aktbilder von Opfern aus dem Kunstbetrieb und der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen – mit Erfolg.
„Wie konnte es zu diesem Behördenversagen kommen?“
Bei einer Veranstaltung zu Otto Muehl während der Wiener Festwochen 2025 tat sie sich mit drei weiteren Frauen zusammen: Marie-Therese Hochwartner, der Sammlungsleiterin des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig (Mumok), Hedwig Wölfl, der Leiterin des Kinderschutzzentrums „Möwe“, und Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. „Jede wusste etwas. Da dachten wir, wir tauschen uns mal aus“, sagt Windhager.
Gemeinsam setzen sich die vier nun auch für eine politische Aufarbeitung der Sektenzeit ein. „Völlig irre, dass das nicht längst geschehen ist“, sagt Windhager. Auf dem Friedrichshof habe es eine private Schule gegeben, bei staatlichen Kontrollen hätte doch etwas auffallen müssen: „Wie konnte es zu diesem Behördenversagen kommen?“ Nach seiner Haft zog Muehl mit ehemaligen Sektenmitgliedern nach Portugal. Es habe eindeutige Hinweise darauf gegeben, dass er dort weiterhin Kinder missbrauchte. „Wie konnte das passieren? Wer war da alles involviert? Das muss dringend untersucht werden“, sagt die Juristin. Ein interdisziplinärer Forschungsantrag sei bereits ausgearbeitet, zurzeit sind die Frauen auf der Suche nach Fördermitteln.
Juristisch Belangbares sei kaum zu erwarten
Zentral für die Aufarbeitung ist auch das umfangreiche Bildmaterial, das noch im Archiv des Friedrichshofs liegt. „Alles wurde permanent gefilmt, diese Aufnahmen müssen schleunigst digitalisiert und der Forschung zugänglich gemacht werden“, sagt Windhager. Juristisch Belangbares sei allerdings kaum zu erwarten; selbst wenn Straftaten dokumentiert wären, so wären sie heute wohl verjährt.

Neben der gesellschaftlichen Aufarbeitung stellt sich die Frage, wie mit dem künstlerischen Werk Otto Muehls umzugehen ist. In Deutschland besitzen sowohl das Städel Museum Frankfurt als auch das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe einzelne Arbeiten von ihm. Wegen des geringen Umfangs ihrer Bestände beschäftigen sich beide Häuser aktuell nicht näher mit der Frage und planen auch nicht, die Werke auszustellen, wie sie auf Anfrage mitteilen. In Österreich ist die Situation anders. Das Mumok verfügt über die weltweit größte Sammlung zum Wiener Aktionismus, darunter zahlreiche Werke Otto Muehls. Fatima Hellberg, seit Herbst 2025 Direktorin des Hauses, verweist auf die kunsthistorische Bedeutung der Bewegung: „Sie haben versucht, die unterdrückte Perversion der Gesellschaft nach den Abgründen des Zweiten Weltkriegs sichtbar zu machen. In ihrer Kunst spürt man die unaufgearbeiteten Traumata dieser Zeit. Otto Muehl war Teil dieser Geschichte, aber nicht die einzige Stimme.“
Während in den 1960er Jahren in Deutschland Studierende auf der Straße demonstrierten, waren in Österreich die Bestrebungen, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, weniger zahlreich. Zu den Ausnahmen gehörten die Wiener Aktionisten. Neben Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler und Hermann Nitsch nahm auch Otto Muehl eine zentrale Rolle ein. Die Gruppe provozierte mit sogenannten „Materialaktionen“: Auf der Bühne wurden Tiere geschlachtet und mit ihrem Blut übergossen, es wurde aufeinander uriniert.
Man stehe noch ganz am Anfang des Prozesses
Trotz Muehls Bedeutung müsse die Beziehung zu ihm immer ambivalent bleiben, meint Fatima Hellberg vom Mumok: „Wir müssen uns fragen, welche Strukturen Otto Muehls Taten mitermöglicht haben. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Nachlass erfordert eine aktualisierte kritische Auseinandersetzung mit den Arbeiten, aber auch mit einem breiteren Kontext, der Fragen zu Gender und Macht umfasst“, sagt Hellberg.
Noch vor ihrem Amtsantritt habe im Mumok ein staatlich gefördertes internes Projekt begonnen, das sich mit der Digitalisierung und Kontextualisierung der Archivbestände des Wiener Aktionismus befasst. In dem Zuge wolle man auch die Frage angehen, wie das Museum künftig mit Muehls Werk umgehen solle. „Viele seiner Arbeiten sind kollaborativ entstanden. Wir wollen eine Form finden, den Aktionismus zu zeigen, ohne sein Werk auszublenden“, sagt Hellberg. Man stehe aber noch ganz am Anfang des Prozesses.
Im vergangenen Jahr hat das Mumok „Mathilda“ die Möglichkeit gegeben, eine eigene Ausstellung zu konzipieren. Die Gruppe von Aktivisten arbeitet seit 2019 an einer neuen Perspektive auf Otto Muehl; viele ihrer Mitglieder wuchsen in den 1980er Jahren auf dem Friedrichshof auf, so auch Zarah Gutsch und Paul Robert. Ihnen ist es wichtig klarzustellen, dass sie nur für einen Teil der Kindergeneration sprechen können, es gebe unterschiedliche Erfahrungen und Haltungen zu Muehl. Nach ihrer Einschätzung nimmt er innerhalb der Wiener Aktionisten eine Sonderrolle ein.
„Er hat Kunst als Machtinstrument benutzt“
Von Anfang an habe er „einen Zugriff auf andere Körper praktiziert“, sagt Zarah Gutsch, ganz im Gegensatz zu Günter Brus oder Rudolf Schwarzkogler, die vor allem sich selbst verletzten. Auf dem Friedrichshof hätten Muehls gewaltvolle Übergriffe lediglich ihre Form verändert. „Wir betrachten seine Werke nicht als Kunst, sondern als Artefakte“, erklärt Gutsch, schließlich sei jedes einzelne in einem asymmetrischen Herrschaftssystem entstanden – mit Muehl an der Spitze. Das Malen sei ein performativer Akt gewesen, habe stets in großer Runde stattgefunden. „Er hat Kunst als Machtinstrument benutzt“, sagt Robert, „wie einen Religionsersatz.“
In der Tat verschwimmen bei Muehl die Grenzen zwischen Kunst und Künstler. Als Ende der 1980er Jahre die ersten Ermittlungen gegen ihn liefen, ließ er Tagebücher von Kindern und Erwachsenen verbrennen, aus Angst, deren Inhalt könnte ihn belasten. Aus den verbliebenen Resten schuf er die sogenannten „Aschebilder“. Auf vielen seiner Arbeiten sind zudem kindliche Modelle in sexuell zu verstehenden Posen zu sehen, auch Missbrauchsopfer, etwa in der Serie „Unfälle im Haushalt“.
Autonome Kunstwerke, losgelöst von der Biographie?
Das Wiener Aktionismus Museum (WAM) plant für den Herbst eine Ausstellung mit Bildern aus ebenjener Reihe. Sie seien als „ein ironischer Kommentar zu der Verschiebung der Gefahrenwahrnehmung in Zeiten atomarer Bedrohung zu verstehen“, sagt Klaus Albrecht Schröder, der Leiter des Museums. 2024 eröffnet, befindet sich das private Museum aktuell im Umbau und soll im Frühjahr wieder den Betrieb aufnehmen.
Zum 101. Geburtstags von Otto Muehl hatte Schröder ursprünglich eine umfassende Retrospektive vorgesehen, angesichts der neuen Debatte entschied er sich jedoch dagegen. Statt Muehls Leben abzubilden, möchte er nun in mehreren Ausstellungen einzelne Schaffensperioden beleuchten. Er wolle „die Qualität des Werks zeigen, ohne den Künstler von seiner Schuld freizusprechen“, sagt Schröder. „Gegenüber dem Menschen Otto Muehl hege ich eine tiefe Abneigung und verstehe jedes Opfer, das seine Kunst nicht sehen möchte.“ Dennoch spreche aus seiner Sicht nichts dagegen, Muehls Arbeiten öffentlich zu zeigen; er betrachte sie als autonome Kunstwerke, losgelöst von der Biographie des Künstlers.
Dort, wo keine klare Trennung möglich sei, sieht Schröder eine Grenze überschritten. „Ich werde definitiv keine Darstellungen von Missbrauchsopfern ausstellen“, sagt er. Ähnlich verhält es sich mit den Bildern, die Muehl aus den verbrannten Tagebüchern fertigte. „Die Vernichtung eines Beweismittels spiegelt sich hier unmittelbar im Werk wider“, sagt Schröder: „Keine einzige Ascheflocke wird unter meiner Leitung im WAM herumwehen.“ Muehls Kunst vollständig im Kontext seines Machtmissbrauchs zu bewerten, lehnt Schröder jedoch ab. „Jedes Bild unabhängig vom Motiv mit seinen Taten gleichzusetzen, ist mir zu simpel. Das wird dem Werk nicht gerecht.“
Ziel ist, die Dynamiken offenzulegen
Maria Windhager und die Aktivistengruppe Mathilda indes vermuten vor allem finanzielle Beweggründe dafür, dass das Wiener Aktionismus Museum an Muehl festhält. Der Wiener Galerist Philipp Konzett erwarb 2022 mit mehreren Partnern für einen nicht öffentlich genannten Millionenbetrag rund 800 Ölbilder und über 10.000 grafische Arbeiten aus der Sammlung Friedrichshof und legte damit den Grundstein für das WAM. „Sie wollen die Bilder aufwerten, um sie gewinnbringend auf den Markt zu bringen“, sagt Windhager. WAM-Leiter Klaus Albrecht Schröder, der zuvor lange Direktor der Albertina in Wien war, weist diese Vorwürfe zurück. „Ein Museum ist nicht in der Lage, den Kunstmarkt in diesem Ausmaß zu beeinflussen.“
„Ich erlebe immer wieder, dass die Menschenwürde für die heilige Kunst zurücktreten muss“, sagt Windhager. Egal, wie sehr man zwischen Werk und Person trenne wolle. Fakt sei, dass Muehl die Kunst dazu benutzte, um seine pädophilen Neigungen auszuleben. Sie hofft jetzt mit der wissenschaftlichen Kommission etwas in Bewegung zu setzen.
Ziel ist, die Dynamiken offenzulegen, die Missbrauch und gewalttätige Übergriffe begünstigen. Um Vorsorge zu treffen, sagt sie: „Damit so etwas in Zukunft nie wieder passiert.“
