Learner Tien: Geheimtipp im Tennis aus Irvine – Sport

Natürlich ist Mats Merkel in Melbourne und will am Handy gerade erklären, wer Learner Tien genau ist, da unterbricht er das Gespräch: „Entschuldigen Sie, ich muss schnell Michael etwas sagen.“ Man hört Stimmen, dann ist Merkel zurück. Und erzählt die wundersame Geschichte, wie sein Spieler Learner Tien, den der Deutsche aus Karlsruhe seit drei Jahren als Agent betreut, und Michael Chang, 53, einer der gewieftesten Profis, die der Tennissport je hervorgebracht hat, der French-Open-Sieger von 1989, zueinanderfanden. Und nun ein sehr besonderes Duo bilden, das die Tenniswelt verblüfft. Merkel hat das alles initiiert.

Learner Tien ist ein 20 Jahre alter Tennisprofi aus Irvine in Kalifornien, bei diesen Australian Open steht er vor seinem größten Match: Im Viertelfinale am Dienstag (ab 3.30 Uhr morgens deutscher Zeit) fordert er den Weltranglistendritten Alexander Zverev heraus. Zverev hat etwas sehr Richtiges gesagt, als er am Sonntag von seinem nächsten Gegner erfuhr: „Ich habe riesigen Respekt vor ihm. Er wird noch unterschätzt. Er ist im gleichen Alter wie einige andere junge Spieler, über die mehr gesprochen wird, aber ich denke, er ist derjenige, der im Moment die beste Leistung bringt.“

Wohl kein Nachwuchsakteur flog so sehr unter dem Radar, wie es in der Branche heißt, wie dieser Tien. Während um den Brasilianer João Fonseca ein Hype herrschte, als hätte der 19-Jährige Wimbledon gewonnen, saß Tien am Sonntag, nachdem er den früheren US-Open-Sieger Daniil Medwedew 6:4, 6:0, 6:3 vorgeführt hatte, vor der Weltpresse und musste sich fragen lassen, ob er noch bei den Eltern wohne (Antwort: ja). Und ob er sich Videos von Changs früheren Siegen ansah (Antwort: nein, sah wenig Videos). Chang war der, der damals in Paris den grimmigen Ivan Lendl mit seinem frechen Aufschlag von unten zur Weißglut trieb.

Tien, das ist grundsätzlich angenehm, ist eher zurückhaltender Natur. Er hat den Reportern am Sonntag nach seiner Machtdemonstration auf dem Platz jetzt nicht gerade die Ohren vollgequatscht oder sich aufgeplustert. Seine Sprache ist ohnehin die mit dem Tennischläger in der Hand. Auch das ist einer der Gründe, warum er sich fast unscheinbar bereits bis in die Top 30 spielte.

„Leaner ist ein ganz feiner Kerl“, sagt Merkel, „er ist auch witzig, man verbringt gern mit ihm Zeit. Aber er mag das Private.“ Den Vornamen habe er von der Mutter, die Mathelehrerin war, der Vater ist Anwalt, ihre Tochter tauften die beiden vietnamesischen US-Einwanderer Justice, Gerechtigkeit. Grundsätzlich sei Learner „der typische Cal-nativ, wie wir sagen“, der entspannte Kalifornier. Allerdings sei er auch extrem zielstrebig und ehrgeizig.

Michael Chang schenkte Learner Tien eine Angel

Ihre Wege kreuzten sich früh. Merkel kennt Tien bereits seit dessen Jugend, für Adidas kümmerte sich der 41-Jährige, seit 21 Jahren auf der Tour, damals um Talente in den USA, halb als Coach, halb als Berater. 2022 wechselte Merkel zum Vermarktungsriesen IMG, nahm Tien als Klienten mit und wurde sein Agent. Ein Team um einen Spieler zu bauen, das kann Merkel, dafür ist er in der Szene bekannt, 2015 zählte er etwa zu einer Gruppe Zuarbeiter, die die Serbin Ana Ivanovic bei den French Open bis in Halbfinale führte. Tien wurde behutsam weiter aufgebaut, vor einem Jahr sorgte er erstmals für Furore, als er in der zweiten Runde der Australian Open den Vorjahresfinalisten Medwedew in einem Marathonmatch bezwang.

41 Jahre alt, aber bereits seit 21 Jahren im Tennisgeschäft unterwegs: Mats Merkel aus Karlsruhe, nun Agent beim Vermarktungsriesen IMG.
41 Jahre alt, aber bereits seit 21 Jahren im Tennisgeschäft unterwegs: Mats Merkel aus Karlsruhe, nun Agent beim Vermarktungsriesen IMG. (Foto: Jürgen Hasenkopf/Imago)

Im Frühling 2025 meinte er zu Merkel, er hätte gern einen Mentor für den nächsten Schritt. Merkel kam auf Michael Chang, der „witzigerweise nur 20 Minuten von Learner weg wohnt“. Chang führte 2014 den Japaner Kei Nishikori ins US-Open-Finale, aber er gilt bei der Spielerwahl als wählerisch. Chang muss etwas in seinem Schützling sehen. Er sah etwas in Tien. Nicht nur die asiatischen Wurzeln – Changs Eltern sind aus Taiwan – und die religiöse Gläubigkeit verband beide miteinander. Auch charakterlich ähneln sie einander, als Spieler glänzte Chang mit seiner Schläue auf dem Platz wie jetzt Tien. Nach dem Wimbledon-Turnier bestritten sie eine Testwoche. „Danach sagte mir Learner: Mats, nach dieser harten Woche verstehe ich, warum ich vorher viel verlor. Das ist der Trainer, den ich möchte“, erzählt Merkel. Chang teilt sich seitdem die Trainerarbeit mit dem Amerikaner Erik Kortland.

Der schlaue Trainer hinter Learner Tien: Michael Chang, der 1989 die French Open gewann. Berühmt wurde er vor allem mit seinem Aufschlag von unten gegen Ivan Lendl.
Der schlaue Trainer hinter Learner Tien: Michael Chang, der 1989 die French Open gewann. Berühmt wurde er vor allem mit seinem Aufschlag von unten gegen Ivan Lendl. (Foto: Asanka Brendon Ratnayake/AP)

Merkel ist beeindruckt vom Führungsstil Changs. „Er hat keine einzige negative Faser in seinem Körper. Er glaubt daran, dass Learner ein Champion wird und trainiert ihn so, spricht so. Er ist dabei immer positiv, im Match und auch danach.“ Und auch wenn er mal etwas hineinruft, nimmt Tien den Rat Changs an. Gelassen verriet Tien in Melbourne: „Ich sage ihm immer nur: Wenn mir etwas Offensichtliches entgeht, kannst du mir es ruhig zurufen.“ Chang öffnet aber auch Perspektiven. „Im vergangenen Jahr schenkte er Learner eine Angel und ging mit ihm fischen“, berichtet Merkel: „Er versucht ihm auch beizubringen abzuschalten. Michael betrachtet Tennis ganzheitlich.“ Solche Arbeit sieht die Öffentlichkeit nicht.

„Selbst wenn mir ein guter Schlag gelang, konterte er mit einem noch besseren“, sagte Medwedew über Tien

Für Zverev ist Tien kein Fremder, Anfang 2025 trafen sie in Acapulco aufeinander, Zverev war damals nicht ganz fit und verlor. Bei den French Open in der ersten Runde lief es einseitig zugunsten Zverevs. Tien hat aber einen Schub gemacht, wie er selbst sagt: „Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt viel mehr Erfahrung habe.“ Ein Jahr auf der Tour auf höchstem Niveau zu spielen, habe ihm viel gebracht, was man sieht. Tien behält die Ruhe, wo ältere hektischer agieren. Er variiert die Schlagtechniken, weshalb er als Linkshänder besonders Rechtshändern wehtun kann. „Selbst wenn mir ein guter Schlag gelang, konterte er mit einem noch besseren“, sagte Medwedew nach seiner Niederlage anerkennend.

Tiens Spiel ist zudem offensiver geworden. „Er sagt selbst, er ist nicht mehr so ein Pusher, einer, der den Ball nur übers Netz schubst, was er natürlich nie getan hat“, sagt Merkel: „Aber er kann jetzt deutlich mehr das Spiel diktieren, das ist genau das, was er mit Michael trainiert.“ Dazu sei sein Aufschlag besser geworden, sein Rückschlag stark, sein Repertoire variabel, er beherrsche Slice und Volleys: „Er kann gut die Power vom Gegner absorbieren.“ Klingt nach einer spannenden Aufgabe für Zverev.