Ob er jetzt wirklich noch die Dänen erklären müsse? Über den Weltmeister und Olympiasieger sei doch alles bekannt, befand Marko Grgic, als er nach dem 30:28-Sieg gegen die Norweger gebeten wurde, die Stärken des nächsten Gegners zu erläutern. Ein paar Eckdaten gab der deutsche Handballer dann aber doch zum Besten: „Eine stabile Abwehr, lauter Champions-League-Sieger im Team, den wohl besten Angriff mit Pytlick, Lauge und natürlich Gidsel, sowie den besten Torhüter.“ Noch Fragen? Plötzlich stutzte Grgic, das mit dem Torhüter fing er lieber direkt wieder ein: Nielsen sei schon „der beste Torhüter, zusammen mit Andi Wolff“.

Das wird in der Tat ein interessanter Vergleich: auf der einen Seite Torhüter Andreas Wolff, ohne den die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) nie so gut dastehen würde bei dieser EM, wo sie nach den Hauptrundensiegen gegen Portugal und Norwegen mit 6:0 Punkten an der Tabellenspitze steht und nun zwei Matchbälle zum Einzug ins Halbfinale hat. Und auf der anderen Seite – weil der erste deutsche Matchball die Partie gegen Dänemark sein wird (Montag, 20.30 Uhr/ARD): Emil Nielsen, laut Grgics Erstdiagnose der Weltbeste im Tor.
In keiner anderen Ballsportart kommt den Schlussleuten eine derartige Schlüsselrolle zu, gibt es so viele Abschlüsse, stehen die Torleute in so rasender Abfolge im Fokus. Der Beobachter muss hellwach sein, um keine Parade zu übersehen, so schnell geht es hin und her. Handballtorhüter entscheiden daher überproportional oft über Sieg und Niederlage. Und am Montag treffen die beiden definitiv besten des Turniers im direkten Vergleich aufeinander.
Wobei so eine Aufrechnung Unschärfen mit sich bringt, denn das Torhüterspiel ist immer eine Symbiose mit der Abwehr. Torleute müssen sich auf ihre Vorderreihe verlassen können: Die Distanzwürfe kommen mit mehr als 130 Kilometern pro Stunde geflogen, sind oft spät zu sehen, da ist es schwer, das ganze Tor abzudecken. Deshalb gibt es Absprachen mit dem Abwehrblock, der einen Teil des Tores abdeckt; funktioniert dieses Zusammenspiel, kann der Torhüter glänzen. Wenn nicht, wirkt er schnell alleingelassen.

:Spielplan der Handball-EM 2026: Alle Spiele der Hauptrunde
24 Mannschaften kämpfen bei der Handball-EM 2026 um den Titel. Deutschland steht in der Hauptrunde und gewann die ersten beiden Spiele. Alle Gruppen, Termine und Spiele im Überblick.
Wolff und Nielsen glänzen auf besondere Weise: Am Samstag wurde erst Nielsen nach dem klaren 36:31-Sieg der Dänen gegen Spanien zum Player of the Match gewählt, dann Wolff nach der Spitzenleistung gegen die Norweger. Übrigens war das auch im jeweils ersten Hauptrundenspiel der Fall. Nicht die einzige Gemeinsamkeit der Ausnahmekönner: Wolff ist mit 1,98 Metern nur drei Zentimeter größer als Nielsen, bei beiden steht ein enormer Ehrgeiz hinter diesen Leistungen. Nielsen drückt es so aus: „Ich gehe in jedes Spiel, um es zu gewinnen. Das bedeutet für mich, jedes Spiel ist ein Do-or-die-Spiel. Und dieses Mindset ändert sich für mich nie.“

Ähnliches gibt Wolff vor jeder Großveranstaltung von sich: „Natürlich fahre ich dahin, um das Turnier zu gewinnen.“ Dieser brennende Antrieb war in früheren Jahren eher hinderlich, er habe erst kapieren müssen, hat er mal erzählt, dass „ich nicht zu null gewinnen kann“. Inzwischen wirkt der 34-Jährige gelassener – außer, wenn seine Vorderleute einen Abpraller nach einer Parade dem Gegner überlassen.
Den Durchbruch schaffte Wolff bei der EM 2016, dem letzten Titelgewinn einer DHB-Auswahl. Er überflügelte in Silvio Heinevetter, Jogi Bitter und Carsten Lichtlein große Torhüter-Namen, die DHB-Auswahl galt schon immer als Wiege exzellenter Torsteher. Im Verein ist Wolff wieder zum THW Kiel zurückgekehrt, den er 2019 verließ, um sich dem polnischen Champions-League-Klub Kielce anzuschließen. Auch deshalb, weil er im Dänen Niklas Landin den Welthandballer vor sich hatte.
Wolff und Nielsen eint ihre ungeheure Reaktionsschnelligkeit
Ein Schicksal, das Nielsen mit ihm teilte, denn auch in der dänischen Nationalmannschaft war an Landin lange kein Vorbeikommen. Zwar war Nielsen 2021 Weltmeister, er stand aber nur im Kader. Danach wurde er weder für die EM noch für die WM nominiert, weshalb er nach eigenem Empfinden die Weltbühne erstmals bei der EM 2024 in Deutschland so wirklich betrat. Fortan war der 28-Jährige aus der dänischen Auswahl nicht mehr wegzudenken. Auch der Konkurrenzkampf im Verein habe ihn gestärkt, sagt Nielsen. Er hat sich beim FC Barcelona beispielsweise gegen den spanischen Nationalhelden Gonzalo Pérez de Vargas durchgesetzt.
In jungen Jahren hat er bereits eine beneidenswerte Anzahl an Titeln gesammelt: zweimal Weltmeister, Olympiasieger, Champions-League-Sieger, dreimal spanischer Meister. Doch im Sommer wird er zum ungarischen Topklub Veszprem wechseln, dort hat Nielsen einen Dreijahresvertrag unterzeichnet. Das Gerücht, dass er bei Flensburg im Gespräch sei, wollte er nicht kommentieren.

:Wäre Wolff nicht gewesen …
An einem komplizierten Tag zeigt der deutsche Torhüter eine Weltklasseleistung – dank ihm gelingt ein 30:28-Sieg gegen Norwegen. Auch Marko Grgic findet endlich ins Turnier.
Wolff spricht mit großem Respekt von seinem Pendant: „Er ist für mich im Moment der beste Torhüter der Welt, legt eine unfassbare Konstanz an den Tag und hat ein sehr abgeklärtes und ruhiges Torhüterspiel.“ Zudem habe Nielsen die „phänomenale Fähigkeit, den Kopf auszuschalten und einfach zu spüren, wohin der Ball geht“. Eine Eigenschaft, die man auch Wolff zuschreiben darf, wie er erklärt: „Man kann das Spiel nicht voll durchplanen und sagen, der Spieler XY wird in die Richtung oder die Ecke werfen. Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der Schütze anläuft, wie er werfen wird. Das funktioniert nur, wenn du dir keine Gedanken machst und das spürst.“
Wolff befindet sich trotz des reiferen Alters in körperlicher Topform, wie er gerne erzählt, Nielsen werde hingegen wegen seiner untersetzten Statur oft unterschätzt. Ein Trugschluss: „Er ist sehr explosiv, ein richtig guter Athlet, unfassbar schnell, und sein Stellungsspiel ist auch enorm.“ Auch hier ähneln sich die Kombattanten, sie zeichnet darüber hinaus eine enorme Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit aus, trotz ihrer Körpergröße. Sie treten den Werfern furchtlos und mit großer Ruhe in der Stresssituation gegenüber, antizipieren hervorragend und glänzen mit ihrem Stellungsspiel. Eigenschaften, die auf diesem Niveau unabdingbar sind. Die Unterschiede fallen allein deshalb marginal aus.

Sucht man danach, landet man bei Emotionalität des Deutschen. Wolff brüllt seine Vorderleute schon mal an. Und er hat im bisherigen EM-Turnier die spektakuläreren Leistungen gezeigt, wie Spielmacher Juri Knorr erklärte. Teamkollege Miro Schluroff habe ihm nach dem Norwegen-Spiel gesagt, dass er so eine Leistung noch von keinem Torhüter gesehen habe: „Ich habe geantwortet, dann schau dir mal das Olympia-Halbfinale gegen Spanien an.“ Es sei schon „sehr krass, was Andi immer wieder für uns leistet“, so Knorr. Rechtsaußen Lukas Zerbe meinte: „Ich weiß nicht, was er gefrühstückt hat, das soll er aber übermorgen wieder essen.“
Sogar Trainer Alfred Gislason, selten der Übertreibung verdächtig, sprach von einer „phänomenalen“ Vorstellung seines Torhüters: „Er hat 22 Bälle gehalten, davon waren aber zwei Drittel von freien Spielern am ersten Kreis.“ Wolff war da längst in den Köpfen der Spieler, wie es der Bundestrainer beschreibt: „Die Außen wollten gar keinen Ball mehr haben, dachten: Wie zum Teufel soll ich an dem vorbeiwerfen?“
Das ist auch eine Spezialdisziplin von Nielsen: mit seinen Paraden in die Köpfe der Werfer zu kommen, Zweifel zu säen, ob es nicht vielleicht die bessere Idee ist, den Ball weiterzuspielen. Wie also sind die Prognosen für den Montag? Marko Grgic hatte auch hierfür flott eine Antwort parat: „Ausruhen und dann die Dänen weghauen.“ Natürlich legte er sofort nach: „Das war ein Spaß, nicht, dass das morgen in der Zeitung steht.“
