Trump gegen Europa: Der Riss bleibt – auch wenn der Streit um Grönland erstmal beigelegt scheint

Den ersten Eklat hatte das Weltwirtschaftsforum in Davos dieses Jahr gleich am Dienstagabend. Bei einem Abendessen zog Amerikas Handelsminister Howard Lutnick dermaßen über Europa her, dass er ausgebuht wurde und einige Teilnehmer den Saal verließen, zum Beispiel die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. Der Nachtisch fiel für alle aus. Die „Financial Times“ berichtete, und bald hatte jeder Teilnehmer des Forums seine eigene Bestätigung von Anwesenden.

Doch es sollte nicht die einzige derartige Auseinandersetzung bleiben. Im kleineren Maßstab war davon immer wieder zu hören. „Die Europäer merken schon: Es gibt jeden Tag hier irgendwo fünf Meetings, wo die verhärteten Fronten zutage treten, so ähnlich wie bei dem Abendessen.“ So fasste es Marcus Berret zusammen, Vorstand der Unternehmensberatung Roland Berger.

Eine dieser Situationen ergab sich bei einem Pressegespräch des Meta-Konzerns, der Whatsapp, Instagram und Facebook betreibt. Eigentlich ist das Routine im alljährlichen Davos-Terminrummel. Dieses Mal warf Metas Cheflobbyist Joel Kaplan, einst Berater der Republikanischen Partei, der Europäischen Union Diskriminierung vor. Europäische Journalisten, auch der Autor dieses Textes, stellten dazu kritische Nachfragen. Die Stimmen wurden lauter, und Meta beendete das Pressegespräch rund zwanzig Minuten vor der angekündigten Zeit.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Und dann war da die Rede von Mark Carney, dem kanadischen Premierminister. „Wir haben es weitgehend vermieden, die Lücken zwischen Rhetorik und Realität zu benennen. Dieser Handel funktioniert nicht mehr. Ich will es klar sagen: Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang“, sagte er. Carney zitierte einen Essay des damaligen tschechischen Dissidenten Václav Havel, der so ging: „Der Kommunismus konnte sich nur halten, weil normale Leute an Ritualen teilnahmen, die sie eigentlich für falsch hielten.“

Die Rede Carneys hatten am Dienstag längst nicht so viele Leute live gesehen wie die von Donald Trump am nächsten Tag, aber der Applaus war viel lauter, das Publikum spendierte Standing Ovations. In Windeseile verbreitete sich das Video von Carneys Rede von Smartphone zu Smartphone. Endlich einer, der eine klare Antwort gibt! So dachten viele. Es war auch eine Gelegenheit, sich besser zu fühlen. Einen Weg nach vorne zu sehen.

„Hier geht die Angst um“

Rückblende: Der erste Tag im Davoser Kongresszentrum, im Gang sitzt auf einem Sofa der Chef eines Dax-Konzerns mit einem Kaffee und grüßt freundlich. Sein erster Satz lautet: „Hier geht die Angst um.“ Das A-Wort wird im Laufe der Woche noch einige Male zu hören sein. Systematische Umfragen unter Managern zeigen: Selten waren sie so pessimistisch wie in diesem Jahr. So weit klingt das noch halbwegs normal. Aber Angst – dieses Wort war bisher in Davos doch selten zu hören.

Die Unruhe kommt nicht nur von Donald Trump. Selbst Künstliche Intelligenz (KI) sorgt inzwischen bei manchem Manager für Verunsicherung. Die Hoffnungen von einst sind der harten Realität gewichen. Es ist gar nicht so leicht, mit der neuen Technik richtig zu punkten. Einige Konzerne setzen sie schon richtig produktiv ein. Umfragen zeigen aber auch: Die meisten Unternehmen haben noch keinen echten Nutzen gefunden. Deren Chefs werden zunehmend unruhig, weil sie sich schon bald abgehängt sehen.

Auf Seite der KI-Unternehmen trägt all das auch nicht zur Beruhigung bei. Sogar Microsoft-Chef Satya Nadella überlegt, ob KI zur Blase wird, wenn zu viele Unternehmen keinen Nutzen finden: „Damit es keine Blase ist, muss sich der Nutzen noch viel weiter verteilen.“

Teil des Problems ist, dass die Weltlage keine Ordnung hat

Und dann ist da natürlich doch die Weltpolitik. Mancher spricht schon von einer neuen Ordnung. Aber Teil des Problems ist, dass die Weltlage im Moment gar keine Ordnung hat.

Früher haben Unternehmen vor großen Entscheidungen einige Szenarien analysiert. Das sparen sich jetzt viele. Man weiß ja doch nicht, was kommt. Stattdessen werden Risiken über den Daumen gepeilt, die Firmen planen an vielen Stellen Puffer ein. All das ist teuer. Fast jeder Topmanager kann vorrechnen, was sein Unternehmen die politischen Kalamitäten kosten. Bisher sind das nur die Zölle. Aber da stehen noch mehr Schwierigkeiten ins Haus.

Denn Unternehmen richten sich darauf ein, künftig viel mehr Fabriken zu haben. Ein Automodell zu bauen und es in alle Weltregionen zu verkaufen, das funktioniert nicht mehr. Aber wer mehrere Fabriken hat, produziert kleinere Serien – und das ist teuer. „Wenn man in verschiedenen Erdteilen neue Standorte für Produktion und Entwicklung aufbauen muss, um Zölle zu verhindern, kostet das schnell zwei oder drei Prozentpunkte Rendite“, sagt Roland-Berger-Vorstand Marcus Berret.

Die Probleme sind neu, aber neue Antworten hat noch niemand gefunden. Man landet meist bei den alten: noch mehr Kosten sparen; in noch mehr neue Geschäftsfelder einsteigen; das gesparte Geld nutzen, um in schlechten Szenarien resilienter zu werden.

„Wie hatten Sie sich das mit Grönland vorgestellt?“

„Wie hatten Sie sich das vorgestellt?“, fragt der Historiker Adam ­Tooze den amerikanischen Handelsminister Lutnick in einer Diskussion. „Was hatten Sie eigentlich gedacht, wie die anderen reagieren?“ Die lange Antwort ist am besten mit Lutnicks Satz zusammengefasst: „Wenn Amerika strahlt, dann strahlt die Welt.“

In dieser Stimmung wird sogar das neue „USA-Haus“ zum Aufreger, das die Vereinigten Staaten sich dieses Jahr auf der Dorfpromenade leisten, so wie es sonst eher Unternehmen und asiatische Staaten tun. Die USA ziehen dazu in eine Kirche, die in den vergangenen Jahren schon alle möglichen Mieter gesehen hat. Aber dass der amerikanische Adler ausgerechnet an einem Gotteshaus hängt, wird nun zum Symbol für die Breitbeinigkeit, mit der die Amerikaner in diesem Jahr auch in vielen Gesprächsrunden auftreten.

Blackrock-Chef Larry Fink war dieses Jahr Co-Chef des Weltwirtschaftsforums
Blackrock-Chef Larry Fink war dieses Jahr Co-Chef des WeltwirtschaftsforumsAP

Und es sind in diesem Jahr viele Amerikaner in Davos. Der 87-jährige Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, war im vergangenen Jahr nach mehreren Vorwürfen zurückgetreten. Eine Untersuchung entlastete ihn. Das Forum wird in diesem Jahr übergangsweise von Roche-Chef André Hoffmann geleitet – und von Larry Fink, dem Chef der großen amerikanischen Investmentgesellschaft Blackrock. Fink holte nicht nur Trump nach Davos. Er sorgte auch sonst dafür, dass das Publikum spürt: Da hat sich einer reingehängt. Am Donnerstag tauchte spontan auch noch Elon Musk auf. Es bleibt nicht bei den bekannten Namen. Die Amerikaner sind in diesem Jahr überall – also auch das Konfliktpotential.

Kein Wunder, dass in dieser Lage die Emotionen auf allen Seiten auch mal überschießen. Das hinterlässt Narben. Und führt dazu, dass europäische Manager immer eher bereit sind, Gegenzölle oder andere Maßnahmen mitzutragen. Gegen die hat sich mancher bisher gewehrt. Jetzt wächst eher die Angst davor, dass es eben doch nötig wird.

Nicht überall ist das Misstrauen gewachsen

Um nicht zu übertreiben: Nicht überall ist das Misstrauen gewachsen. In vielen Unternehmen gibt es stabile Beziehungen. Viele europäische Manager finden ihre Länder tatsächlich zu langsam und zu bürokratisch, so wie Trump es ihnen vorwirft. Umgekehrt entschuldigt sich mancher amerikanische Manager regelrecht für seine Regierung.

Auf der guten Seite steht auch: Deutschland findet einige neue Investoren, die Geld für den Ausbau der Infrastruktur geben wollen, zum Beispiel für Stromnetze. Der Dax läuft schon seit einiger Zeit besser als der amerikanische Aktienindex. Es gibt durchaus Investoren, die ihr Geld nicht länger nur auf Amerika setzen, sondern es auch mal woanders probieren wollen. Die meisten Treffen laufen ohne Eskalation ab. Aber eben nicht mehr alle.

Am Ende der Woche ist der Grönland-Konflikt erst mal entschärft, Trump hat weitgehend nachgegeben. Doch die entstandenen Risse werden sich nicht in jedem Fall leicht wieder schließen lassen, nicht nur zwischen den Regierungen, sondern auch zwischen Geschäftspartnern und manchmal sogar zwischen Kollegen.

Selbst Oren Cass ist unglücklich

Mit alldem ist nicht mal Trumps Zoll-Vordenker Oren Cass glücklich. „Wenn man Zölle als reines Druckmittel verwendet, ist das etwas ganz anderes. Damit fordert man eine andere Reaktion heraus“, sagt er im F.A.S.-Interview. „Nämlich die: Wenn unsere Beziehung jetzt so ist, dann fehlen uns das Vertrauen und die gegenseitigen Vorteile für ein Bündnis. Und genau das sehen wir jetzt: Die Konflikte werden schärfer.“

Der amerikanische Handelsökonom Eswar Prasad stellt fest: „Die USA stoßen viele Länder vor den Kopf und gelten mittlerweile als unzuverlässiger Verbündeter.“

Die härteste Bilanz kommt von Gita Gopinath. Die indische Ökonomin ist gerade erst von ihrer Position als zweite Frau des Internationalen Währungsfonds an die Universität Harvard zurückgekehrt. „Es gibt nicht mehr den einen Westen“, resümiert sie. „Früher sprachen wir von einem Westen, die USA und Europa waren immer zusammen. Das gibt es nicht mehr.“ Das werde so bleiben. „Das heißt nicht, dass es jetzt eine richtige Trennung gibt. Aber wir werden nicht zum alten Zustand zurückkehren. Diese Veränderung wird uns lange erhalten bleiben.“

Und die EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die am Dienstag das Abendessen verließ, beschwört jetzt die Kooperation. „Ich habe enormes Vertrauen und Sympathie für das amerikanische Volk“, sagt sie am Schluss des Weltwirtschaftsforums. „Ich weiß, dass sich letztlich die tief verwurzelten Werte durchsetzen werden. Das ist meine Hoffnung, und das ist meine sehr, sehr feste Überzeugung.“