Einsamkeit: Mittendrin – und doch allein – Gesellschaft

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Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe an dieser Stelle schon vor ein paar Monaten über Einsamkeit geschrieben, vielleicht erinnern Sie sich. Mich hat das Thema damals so beschäftigt, weil ich für einen Text recherchiert habe: ein Porträt über die Einsamkeitsbeauftragte der Stadt Dortmund (SZ Plus). Sie werden sich jetzt vermutlich fragen, was eine Einsamkeitsbeauftragte macht. Und wieso es in unserem durchbürokratisierten Land wirklich für alles eine Stelle mit sperrigem Titel braucht.

Genauso ging es mir auch, als ich das erste Mal davon gehört habe. Die Frau heißt Sabrina Janz, ist Mitte 30 und hat, wenn man so will, die nicht ganz einfache Aufgabe, die Einsamkeit in Dortmund wegzuorganisieren. Dafür stellt sie in der Stadt besondere Bänke auf, die dazu einladen sollen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie hält aber auch Vorträge, veranstaltet Workshops und hat eine Gruppe für Alleinerziehende mit ins Leben gerufen. Sie kämpft also an unterschiedlichsten Fronten gegen die Einsamkeit.

In Japan ist das Thema so präsent, dass es dort sogar ein eigenes Ministerium gibt. Mein Kollege Thomas Hahn hat einen tollen Text über einen 53-jährigen Mann geschrieben, der einmal im Monat Karaoke singen geht (SZ Plus) – nur für sich. Darin heißt es: „In eine normale Karaokebar mit Publikum würde er nie gehen. Er trinke keinen Alkohol, sagt er. Er erreicht also nie diesen Zustand des Rauschs, in dem es keine Hemmungen mehr gibt und keine Selbstzweifel. Er würde die Blicke der anderen spüren. Er mag das nicht.“

Um Einsamkeit geht es auch in diesem Porträt von Andreas Remien (SZ Plus), auch wenn er sich ihr aus einer ganz anderen Perspektive nähert. Andreas hat einen Entrümpler in München begleitet. Der macht das schon seit 20 Jahren. Über seinen Job sagt er: Man bekomme eine Ahnung, wie die Menschen gelebt haben, „viele haben sich aufgegeben.“ Immer wieder stößt er auch auf gigantische Sammlungen aus Plastiktüten, sauber gefaltet und übereinandergelegt. Oft von Geschäften, die es längst nicht mehr gibt. Manche Räume wirkten, „als wäre irgendwann die Zeit stehen geblieben“, als hätte die Gegenwart nicht mehr viel zu bieten gehabt.

Bei Sabrina Janz, der Einsamkeitsbeauftragten in Dortmund, melden sich auch manchmal Betroffene direkt. Einen Mann hat sie zum Spaziergang getroffen. Er hat ihr erzählt, dass ihn eine psychische Erkrankung daran hindert, an Orte zu gehen, an denen viele Menschen sind. Und er sich eine Bank an einem bestimmten Platz im Viertel wünscht. Da könne er dann sitzen, für sich und trotzdem nicht allein. Diese Bank gibt es jetzt.

Ein schönes Wochenende wünscht

Julian Gerstner