Erpenbeck am Deutschen Theater Berlin: Zugriff aus der Halbdistanz

Am Anfang brütet sie still am Rand. Im schweren Ledermantel und mit Cowboyhut ähnelt die Schauspielerin Almut Zilcher einem Ranger aus dem Wilden Westen – tatsächlich spielt sie den Gärtner im Osten, der Haus und Grundstück am Scharmützelsee ein deutsches Jahrhundert lang begleitet. Mit märchenonkelnder Emphase berichtet Zilcher, wie er das Land kultiviert und den Zug des Kartoffelkäfers verfolgt, als sei das der entscheidende Frontverlauf einer aus den Fugen geratenen Welt.

In Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ von 2008 ist der Gärtner nicht nur Zeuge der wechselnden Besitzverhältnisse von Grundstück und Immobilie sondern auch Bindeglied zwischen Fragmenten, in denen Erpenbeck aus den Perspektiven verschiedener Eigentümer, Pächter und Erben erzählt. Ihre eigene Familiengeschichte spielt hinein: „Die Schriftstellerin“ hat wie ihre Großmutter, die Schriftstellerin Hedda Zinner, im Moskauer Exil gelebt, sie selbst könnte die „unberechtigte Eigenbesitzerin“ sein, die am Ende das Haus verliert. Das Buch ist auch eine Erinnerungsarbeit auf der Basis von Recherchen, etwa zum im Holocaust ermordeten jüdischen Mädchen Doris Kaplan, das sich möglicherweise in der Nachbarschaft versteckte.

Der Guardian wählte „Heimsuchung“ 2019 unter die 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts, in den kommenden drei Jahren ist es in fast allen Bundesländern Abiturstoff. Prompt steht es auf den Theaterspielplänen: In Hannover machte Anfang der Spielzeit Regisseur Adrian Figueroa das Haus selbst zum Protagonisten einer bildstarken Inszenierung. Jetzt rückt Alexander Eisenach am Deutschen Theater Berlin Figuren und Sprache stärker in den Mittelpunkt.

Daniel Wollenzin hat eine Metallskulptur in einen Halbkreis aus Papierwänden gestellt. Sie könnte die Gletscherzunge sein, vor der Siri Carla Brodowsky anfangs vom Entstehen der Endmoränenlandschaft spricht, während das Ensemble Kies schippt und Wassereimer schleppt. Später schwebt das Gebilde wie eine Wolke über der Bühne, während unten die Liegestühle ausgeklappt werden. Zu diesem Setting passt Eisenachs Zugriff aus der Halbdistanz: Die Spie­le­r:in­nen erzählen den Roman nach, ohne ihn plump zu bebildern, sie sprechen in der dritten Person über Figuren, die sie zugleich in Schlüsselmomenten hochemotional verkörpern.

Sozialer und wirtschaftlicher Druck

Wenn Julischka Eichel als eine von vier Bauerntöchtern atemlos Hochzeitsregeln herunterrattert, schwingt der soziale und wirtschaftliche Druck mit, an dem die Familie samt Besitz zerbricht. Felix Gösers Architekt, der in den 1930ern einen Teil des Grundstücks kauft und bebaut, verdrängt euphorisch seine Mittäterschaft: Selbst als er das See-Grundstück der benachbarten jüdischen Tuchfabrikanten zum Schnäppchenpreis kauft, glaubt er noch, dem Paar damit die Flucht ermöglicht zu haben. Tatsächlich wurden sie in Kulmhof ermordet, berichtet Peter-René Lüdicke nüchtern. In einer der stärksten Szene treffen Anja Schneider als Architektengattin und Benjamin Lillies traumatisierter Rotarmist im Wandschrank des 1945 besetzten Hauses aufeinander. Aug in Auge, aber ohne sich zu berühren, erzählen beide von einer Vergewaltigung – und verwischen bewusst, wer Täter, wer Opfer ist.

Doch „Heimsuchung“ ist nicht nur ein deutscher, sondern auch ein ostdeutscher Roman. Erpenbeck kontrastiert die privilegierte Familie der sozialistischen Schriftstellerin, die das Haus erst vom DDR-Staat pachtet, dann erwirbt, mit der weniger Begünstigten der Unterpächter, die einen Fluchtversuch wagen: Ausgerechnet letztere finden Eisenach und Team verzichtbar. Stattdessen springt die Inszenierung direkt aus der mondänen Künstlerfrische in die Nachwendezeit. Dort packt Enkelin Svenja Liesau in heiligem Zorn ihre Sachen, als der Rückforderung durch westdeutsche Erben stattgegeben wird. Waidwund zieht sie sich auf die Gletscherskulptur zurück, während bereits ein Makler der beeindruckten Kundschaft erzählt, der Architekt des Hauses habe bei Albert Speer gearbeitet. Schließt sich der Kreis, wenn Nazis und Wessis unschuldige Ostler über den Tisch ziehen?

Erst neulich erntete Claudia Bossard für ihre „Räuber“-Dekonstruktion am selben Haus heftige Verrisse. Man müsse Schulklassen davor warnen, hieß es in einem, ein Satz, mit dem das DT-Marketing seither offensiv wirbt. Im Fall der „Heimsuchung“ ist solcher Alarm überflüssig – umso mehr lässt sich über die Ostverklärung streiten, die Eisenachs Fassung nahelegt.