

Man bummelte „wie die Studenten“ im Mondschein durch die Gassen des Bergdorfes Rocca di Papa. „Der Bundeskanzler kam als Europäer nach Italien, um zu besprechen, was man tun könne, die europäischen Länder noch enger zu verknüpfen.“ Gegen rechts- und linksextreme Strömungen sollte „die Mitte gerettet und verteidigt werden“.
Die Rede ist hier nicht von Friedrich Merz, der am vergangenen Freitag in Rom mit zehn Kabinettsmitgliedern der deutsch-italienischen Zusammenarbeit neuen Schwung gab, sondern von Konrad Adenauer. Vor fast 75 Jahren kam er zu seinem ersten Staatsbesuch nach Rom, den die F.A.Z. damals breit schilderte. Die Ziele sind ein Dreivierteljahrhundert ähnlich geblieben, auch wenn das internationale Umfeld ein ganz anderes ist. Hat man nichts dazugelernt?
Weniger Geltungsdrang als in Frankreich
Auf jeden Fall sind wir heute im Schatten aggressiver Großmächte an einem Punkt angelangt, an dem Europa mehr denn je auf seine eigenen Kräfte angewiesen ist. Insofern ist die Annäherung zwischen „mio amico Friedrich“, so Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, und Merz’ neuer Duzfreundin ein guter Schritt. Jahrelang hingen die deutsch-italienischen Beziehungen an einem dünnen Faden, der wegen der häufigen Regierungswechsel in Rom unter Spannung stand.
Der viermalige Ministerpräsident Berlusconi war selten ein konstruktiver Partner. Nun aber steuert in Rom eine Frau mit viel Geschick eine Drei-Parteien-Koalition meist auf proeuropäischem Kurs: Die Befürchtung, Meloni folge ihren früheren Überzeugungen als Nationalistin, ist nicht eingetreten. Die antieuropäischen, teils prorussischen Tendenzen in ihrer Koalition hat sie weitgehend eingegrenzt. So schätzt man in Berlin nun einen Partner, der wirtschaftliche Stärken hat und ein Alliierter in geostrategischen sowie militärischen Fragen ist.
In der Wirtschaft ähneln sich die Strukturen und oft auch die Herangehensweise; anders als in Frankreich stören weniger staatsdirigistische Ideologie und Geltungsdrang. Italien ist eine Exportnation und hat nach Deutschland das zweistärkste verarbeitende Gewerbe Europas, beflügelt durch viele Mittelständler in Familienhand. Das wirtschaftliche Kraftzentrum Norditaliens ist eng mit der deutschen Wirtschaft verzahnt. All das schien Berlin lange übersehen zu haben, zumal der Blick starr nach Frankreich und Polen gerichtet war.
Meloni legt den Unternehmen keine Knüppel in den Weg
Dabei ist schon lange bekannt, dass Italien mehr zu bieten hat als Meer, Mozzarella und Michelangelo. Beim Mercosur-Abkommen ziehen Deutschland und Italien an einem Strang, während Frankreich und Polen die Gegenposition beziehen. Zum despotischen Hausherrn im Weißen Haus pflegen Merz und Meloni jeweils ihren eigenen persönlichen Zugang; zuletzt schätzte man in Berlin die Abstimmungsbereitschaft Melonis, die Trump nicht zu hart angehen wollte.
Macron dagegen war mit seinem Ruf nach der Handels-Bazooka allein vorangeprescht. Diese Drohung trug vielleicht auch zum Zurückweichen Trumps bei, doch sie war eine weitere Solotour des französischen Präsidenten, der in Berlin zunehmend Frustration auslöst. So hat die Bundesregierung mit Rom, nicht mit Paris ein Papier zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit ausgearbeitet. Es soll auf ein Treffen der EU-Regierungschefs Mitte Februar einstimmen, zu dem Merz wegen ihrer Expertise auch die früheren italienischen Regierungschefs Mario Draghi und Enrico Letta eingeladen hat.
Die deutsch-italienischen Beziehungen sollen und können kein Ersatz der traditionellen Bande zwischen Berlin und Paris sein – es sei denn, die politischen Vorzeichen ändern sich in Frankreich demnächst dramatisch. Die Franzosen sind als einzige Atommacht der EU unverzichtbarer denn je. Italiens Verteidigungskapazitäten reichen nicht an die der Franzosen heran. Frankreich ist auch weiterhin die größere Volkswirtschaft, auch wenn seine Industrie weniger zu bieten hat. Die Italiener dagegen schleppen weiter viele Strukturprobleme mit sich herum: hohe Staatsverschuldung, eine rasant schrumpfende Bevölkerung, schwache Produktivität und niedrige Löhne, sodass junge Talente dem Land den Rücken kehren.
Ein Akzentwechsel ist dennoch zu spüren: Meloni ist nicht die große wirtschaftsliberale Reformerin, doch sie legt den Unternehmen insgesamt keine Knüppel in den Weg und hält das öffentliche Geld beisammen. Das schafft Vertrauen, sodass ausländische Investoren ihr Geld zu niedrigen Zinsen verleihen. Berlin ist daher gut beraten, nach Rom einen guten Draht zu unterhalten – nicht exklusiv, aber ergänzend zu anderen Partnerschaften.
