Sie hatten dieses Rennen tatsächlich gewonnen, Marlene Fichtner und Leonhard Pfund, zwei sehr talentierte Biathleten, die bisher aber eher Aficionados der Szene bekannt waren. Eben, weil sie noch nie auf den Siegerpodesten der Biathlonwelt gestanden hatten. Nun aber war ihnen in der sogenannten Single-Mixed-Staffel im tschechischen Nove Mesto Großes gelungen. Fichtner und Pfund, beide 22, lagen sich in den Armen, sie hatten für Deutschland gewonnen, ihr erstes Weltcup-Podest, ihr erster Sieg. Sie waren rasant über die Loipe gerast und hatten am Schießstand fast alles richtig gemacht. Und zunächst war auch weder im Stadion noch im TV jemandem aufgefallen, dass der Frau vom SC Traunstein ein kleines aber folgenschweres Missgeschick unterlaufen war.
Die Szene ereignete sich zu Beginn der zweiten Rennhälfte: Fichtner hatte beim zweiten Liegendschießen soeben alle fünf Scheiben versenkt, ehe sie sich zurück auf die Strecke begab. Während sie jedoch die Schießmatte verließ, verhakte sich Fichtners Sonnenbrille im Tragegestell des Gewehrs, was sie daran hinderte, mit dem linken Arm durch die Schlaufe zu schlüpfen. Bereits zurück auf der Langlaufloipe warf sie nun ihre Brille in den Schnee und schlüpfte in den Gurt. Doch da war es schon zu spät. Und zwar wegen der Bestimmung 8.5.4.

:„Lauras Tod hat mich schwer beschäftigt“
Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.
Der Absatz 8.5.4 des internationalen Biathlon-Regelwerks besagt, dass die Trageriemen des Schießgewehrs über der Schulter befestigt sein müssen, ehe die Skijäger sich vom Schießstand fortbewegen. Hintergrund dieser detaillierten Gebotsliste sind die speziellen Sicherheitsbestimmungen der Disziplin Biathlon, wo ja mit Kleinkaliberwaffen geschossen wird – und in Nove Mesto in unmittelbarer Nähe zu zehntausenden Zuschauern im Stadion. Es war zwar niemand zu Schaden gekommen. Doch die Rennjury zeigte sich konsequent. Das vermeintliche Siegerduo wurde nachträglich disqualifiziert. Der erste deutsche Saisonsieg – und der erste Erfolg im Single Mixed seit dem 20. Januar 2024 in Antholz: vom Regelwerk ausgelöscht. Finnland wurde vor Frankreich und Norwegen geehrt.
Sport kann grausam sein, nicht anders muss es sich für die beiden am Samstag angefühlt haben, als ihre Rennleistung noch vor der Siegerehrung gestrichen wurde. Fichtner kämpfte mit den Tränen, Franziska Preuß spendete Trost. „Es fühlt sich ziemlich hart an“, sagte Debütant Pfund (SC Bad Tölz) nach seinem erst zweiten Weltcup-Rennen, ehe er seine traurige Kollegin ermutigte. „Sie hat ein starkes Rennen gemacht, sie kann stolz auf sich sein“, sagte Pfund. „Schnell abhaken und weitermachen.“
Disqualifikationen im Biathlonweltcup sind selten, kommen aber vor. Der häufigste Grund ist, wenn eine Athletin oder ein Athlet eine Patrone im Gewehrlauf vergisst und so wieder auf die Strecke geht. Was tatsächlich Gefahr in sich birgt. Verglichen dazu, war Fichtners Versehen eine Lappalie. Wegen der verflixten Regel 8.5.4.
