Markus Söder und Luis Bobga: Die Grüne Jugend pöbelt wie Trump

Zwei Szenen aus den vergangenen Tagen: Ein Politiker wird beim Besuch eines Autowerks von einem Arbeiter wegen seiner mutmaßlichen Nähe zu einem Pädophilennetzwerk beschimpft. Er zeigt dem Mann den Stinkefinger, gefolgt von den Worten „fuck you“. Ein anderer Politiker, erbost vom Vorschlag des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, Bundesländer zusammenzulegen, postet ein Instagram-Video, auf dem er die Lippen zu einem Lied des Rappers Haftbefehl bewegt. Bei der Zeile „Dass du ein Hurensohn bist, hatten wir schon mal“ wird Söders Bild eingeblendet.

Der erste Politiker ist Donald Trump, an dessen Entgleisungen man sich schon lange gewöhnt hat. Der andere ist Luis Bobga von der Grünen Jugend, an deren Entgleisungen man sich immer mehr gewöhnt. Schon Bobgas Vorgängerin Jette Nietzard bezeichnete Söder mal, angeblich ironisch, als „Hundesohn“ und zeigte sich auf Instagram in einem Pullover mit dem Kürzel „ACAB“ („All cops are bastards“).

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Vor einem Jahr postete sie zu Silvester: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen.“ Es ist das Vorrecht der Jugend, wütend zu sein – aber nicht, sich dabei beliebig im Ton zu vergreifen. Da möchte man, selten genug, Olaf Scholz zitieren mit seiner Kritik an Christian Lindner (einem früheren FDP-Politiker): Wo bleibt die „sittliche Reife“?

So wie in Amerika darf es bei uns nicht kommen

Die wiederholten Entgleisungen bei der Grünen Jugend zeigen zweierlei: Je staatstragender die Bundespartei geworden ist, desto größer wird die Versuchung für die Jüngeren, sich wieder radikaler zu geben, nicht nur rhetorisch. Viele Realos beobachten diese Entwicklung mit Sorge – ebenso wie die Tatsache, dass der alte Richtungsstreit in ihrer Partei wieder offener zutage tritt.

Auch sie pöbelte niveaulos - und musste schließlich gehen: Bobgas Vorgängerin Jette Nietzard
Auch sie pöbelte niveaulos – und musste schließlich gehen: Bobgas Vorgängerin Jette Nietzarddpa

Schon im Herbst 2024 brach sich dieser Streit Bahn, als der gesamte Vorstand der Grünen Jugend aus Protest gegen die Klima- und Migrationspolitik der Bundespartei zurücktrat. Die Kluft zwischen linksoffenen Fundis in Kreuzberg und Realos in offenen Porsches in Stuttgart war schon immer groß, aber sie wurde lange vom Höhenflug der Grünen und dem Zeitgeist übertüncht. Jetzt, nach dem Ampel-Debakel und angesichts des politischen Klimaumschwungs, steht für viele wieder infrage, was den Weg aus der Krise weist: noch mehr grüne Mitte oder doch mehr grüne Radikalität.

Die peinlichen Ausfälle von Nietzard und jetzt Bobga belegen aber noch etwas anderes, das weit über das offenkundige Personalproblem bei der Grünen Jugend hinausreicht: Nicht nur bei Trump und seiner Lust am Vulgären, auch hierzulande fallen immer öfter alle rhetorischen Hemmungen – in der politischen Auseinandersetzung genauso wie in der Enthemmungsmaschine Social Media und auf der Straße.

Das ist besorgniserregend, weil Sprache viel mehr ist als nur die Art, wie etwas gesagt wird. Sie beschreibt auch die Grenze von Anstand und Moral – und ist ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft. Je öfter Passanten Polizisten beschimpfen, Präsidenten „fuck you“ pöbeln und politische Gegner „Hurensohn“ genannt werden, umso schneller wird der Tabubruch gesellschaftsfähig und das Extreme zur Regel. Bis irgendwann nichts mehr gilt außer dem Gesetz des Dschungels, erst in der Sprache und danach in den Köpfen und Taten. So war es bei Donald Trump. So darf es bei uns nicht kommen.