Wer entscheidet darüber, was erinnert wird – und was verschwindet? Können Datensätze und Algorithmen jene Lücken schließen, die unser Gedächtnis hinterlässt, oder reproduzieren sie es nur? In der Wiener Secession gräbt die US-amerikanisch-nigerianische Künstlerin Mimi Ọnụọha in der Ausstellung „Soft Zeros“ in den Tiefen des menschlichen wie strukturellen Vergessens. Und sie fördert dabei die blinden Flecken der Systeme zutage, denen wir zunehmend die Verwaltung von Geschichte anvertrauen.
Ọnụọhas Kunst ist tragisch und komisch zugleich, zugänglich und präzise, und sie verweigert sich einer moralischen Eindeutigkeit. Ọnụọha setzt trotz schwerer Sujets nicht auf Betroffenheit oder Anklage, sondern auf ein leises, beharrliches Mitdenken. „Soft Zeros“ ist eine Ausstellung, die im positiven Sinne verunsichert.
Im Zentrum steht die 15-minütige Videoarbeit „Ground Truths“ (2025). Ọnụọha, Jahrgang 1989, erzählt darin vom sogenannten Convict Leasing, einem kaum aufgearbeiteten Kapitel US-amerikanischer Geschichte: Schwarze Menschen, kriminalisiert und inhaftiert, wurden bis in die 1920er Jahre hinein systematisch als Zwangsarbeiter*innen ausgebeutet.
In der texanischen Stadt Sugar Land, nahe Ọnụọhas Geburtsort, stieß man bei Bauarbeiten auf ein Massengrab mit den Überresten von 95 Menschen, die sich buchstäblich zu Tode arbeiten mussten. Wie konnte diese Form der Gewalt so restlos aus dem öffentlichen Erinnern der USA verschwinden?
In Texas stieß man auf ein Massengrab mit 95 Menschen. Wie konnte diese Form der Gewalt so restlos aus dem öffentlichen Erinnern verschwinden?
Ọnụọha wird im Film selbst zur Protagonistin, die sich auf die Suche nach Wahrheit begibt. Um mögliche weitere solcher Gräber in Texas aufzuspüren, trainiert sie darin auch ein maschinelles Lernmodell. Offen spricht sie über ihr Nichtwissen, über die mühselige Recherche, über unvollständige Datensätze, algorithmische Sackgassen und die überwiegend abwehrenden und ablehnenden Reaktionen auf ihre Nachfragen.
Ihr Film ist ohne Pathos, ohne dramatische Bilder, aber von feiner Selbstironie. Seine Erzählung entfaltet sich in mehreren Kapiteln; Aufnahmen von der Künstlerin, wie sie den Wald mit einem Spaten durchstreift, wechseln sich mit Work-in-Progress-Szenen über die Entwicklung von Datensätzen ab.
Der Raum, in dem das Video abgespielt wird, ist mit Kunstrasen ausgekleidet. In dessen Mitte erhebt sich ein menschengroßer Hügel. Er übersetzt die abstrakten Fragen des Films in eine physisch erfahrbare Metapher: Erinnerung als etwas, das unter der Oberfläche liegt, überwachsen und nivelliert ist – und gewaltig präsent.
Schon dieser erste Raum der Ausstellung macht Ọnụọhas Stärke deutlich: ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in klare, sinnliche Bilder zu überführen. Leuchtend farbige Absperrbänder markieren durchlässige Grenzen. Auf ihnen stehen Sätze, die Ọnụọha während ihrer Recherche zu „Ground Truths“ zu hören bekam: „How could I have known“, oder „But I wasn’t there“.
Ist etwas nicht geschehen, nur weil es keine Daten gibt?
Dahinter Fotografien. Sie deuten den Tod an, ohne ihn zu zeigen – Bilder von Händen in der Erde, teils auf dem Boden platziert. Film, Hügel und Fotos gemeinsam demontieren die trügerische Hoffnung, algorithmische Systeme könnten das menschliche Vergessen korrigieren. Stattdessen erweisen sie sich als Spiegel eines Gedächtnisses, das geübt ist zu verdrängen.
Mimi Ọnụọha: „Soft Zeros“. Secession Wien, bis 22. Februar
Der Titel „Soft Zeros“ liefert dafür die begriffliche Klammer. In der Statistik bezeichnet er Werte, die als Abwesenheit erscheinen, ohne dass gesichert wäre, dass das Bezeichnete tatsächlich nicht existiert. Ist etwas nicht geschehen, nur weil es keine Daten dazu gibt? Ọnụọha richtet ihren Blick auf diese Leerstellen – unbequem und ohne falsche Versöhnung. Sie verhandelt Geschichte ebenso wie die Mechanismen von Datentransfer und technologischer Autorität.
Ihre Form von infotainment – irgendwo zwischen Essay und Erzählung – ist von jener seltenen Qualität, die man sich häufiger wünschen würde. Vor allem aber hinterlässt „Soft Zeros“ eine Frage: Wie können wir erinnern, wenn Algorithmen zunehmend darüber entscheiden, was als erinnerbar gilt?
