Jan-Christian Dreesen: „Der FC Bayern ist nicht das Problem. Wir sind Teil der Lösung!“

Wie langweilig darf der Meiserkampf sein? Vorstandschef Jan-Christian Dreesen spricht über Bayerns neue Lust am Toreschießen und Vorwürfe gegen den Rekordmeister. Auch an den DFB hat er eine sehr klare Botschaft.

Der FC Bayern muss einen unerwartet Dämpfer hinnehmen. Gegen den FC Augsburg verloren die Münchner am Samstag überraschend 1:2 (1:0). Doch auch die erste Bundesliga-Niederlage nach über zehn Monaten kann über die Übermacht des Rekordmeisters nicht hinwegtäuschen. Gespräch mit Vorstandschef Jan-Christian Dreesen (58) über die eigene Dominanz, die neue Gier unter Trainer Kompany – und warum Bayern aus seiner Sicht nicht das Problem der Bundesliga ist.

Frage: Herr Dreesen, stellen Sie sich darauf ein, dass Ihnen am Montag auf dem DFL-Neujahrsempfang in Frankfurt die Bundesliga-Konkurrenten angesichts der Dominanz des FC Bayern schon zum Meistertitel 2026 gratulieren?

Jan-Christian Dreesen: Selbst wenn es so wäre, würde ich nicht der Versuchung erliegen, solche Glückwünsche anzunehmen, denn die Saison ist noch lang. Natürlich bin ich glücklich mit dieser Hinrunde, wie wir sie so noch nie hatten, insbesondere was unseren Offensivfußball, die Torausbeute und unser Torverhältnis betrifft. Vincent Kompany hat der Mannschaft diese Gier zurückgegeben, weiterzumachen, wenn wir in Führung liegen, und noch mehr Tore zu schießen. Die Mannschaft hat Freude am Fußball und der Funke springt über. Wenn das bis zum Saisonende so bleibt, werden wir hoffentlich den ein oder anderen Titel gewinnen.

Frage: Welches Spiel hat Sie bisher am meisten begeistert?

Dreesen: Das Champions-League-Spiel bei Paris Saint-Germain mit zwei völlig unterschiedlichen Halbzeiten. Wir haben eine unglaubliche erste Halbzeit gezeigt, haben das Spiel mit unserer Dynamik und unserem Offensivfußball beherrscht. Nach dem Platzverweis von Luis Diaz haben wir nach der Pause gegen eine sehr starke Mannschaft von Paris St. Germain einen ganz anderen Charakter gezeigt: Die Mannschaft hat leidenschaftlich verteidigt, hat gekämpft, jeder hat sich für jeden aufgeopfert, um den 2:1-Sieg – und wir reden erst von der Ligaphase, nicht vom Finale – nach Hause zu bringen. Das war fabelhaft.

Frage: Sind die Bayern der Bundesliga mit zwölf Meistertiteln in den vergangenen 13 Jahren längst entwachsen?

Dreesen: Wir haben ja nicht jedes Spiel in dieser Saison – selbst wenn die Ergebnisse am Ende deutlich waren – von der ersten Minute an dominiert. Wir hätten uns zum Beispiel nicht beklagen dürfen, wenn wir gegen Leipzig zur Halbzeit 0:2 oder 0:3 hinten gelegen hätten. Aber wir haben das Selbstvertrauen und wissen, wir können ein Spiel nach 45, 60 Minuten oder kurz vor Schluss noch drehen. Diese Qualität hat die Mannschaft wiedergefunden. Außerdem erinnere ich daran, dass Leverkusen 2024 den Titel geholt und Dortmund die Meisterschaft 2023 erst am letzten Spieltag gegen Mainz verspielt hat.

Frage: Franz Beckenbauer hat mal aus Verärgerung gedroht, mit dem FC Bayern in Italiens Serie A umsiedeln zu wollen. Wäre es heute nicht ein reizvoller Gedanke, mit dem FC Bayern in der Premier League anzutreten?

Dreesen: Unsere Heimat ist die Bundesliga und das bleibt sie auch. Gerade deshalb haben wir uns immer klar gegen eine europäische Super League ausgesprochen. Überdies spielen wir in der Champions League oft genug gegen Premier-League-Klubs, die wir regelmäßig schlagen. Wir brauchen uns vor den Engländern nicht zu verstecken.

Frage: Was halten Sie von der Forderung nach einer Gehaltskosten-Obergrenze, dem sogenannten Salary Cap? Dies soll für mehr Wettbewerbsgleichheit sorgen.

Dreesen: Ich halte die Einführung einer solchen Beschränkung zwar für wünschenswert, aber vor dem Hintergrund europäischer Gesetzgebung für schwierig. Wichtiger wäre, dass die Uefa ihre bestehenden Finanzregeln, zum Beispiel die Kaderkostenregel (nur 70 Prozent der Klubeinnahmen für Gehälter, Ablösen, Berater-Honorare; d. Red.) konsequent umsetzt. In bilateralen Vereinbarungen, sogenannten „settlement agreements“, wird zu oft der eigentliche Sanktionskatalog umgangen. Dieser sieht neben finanziellen vor allem auch sportliche Bestrafungen vor.

Frage: Die Bayern sind nicht für die Instabilität der Konkurrenz verantwortlich, werden trotzdem für fehlende Spannung und Attraktivität der Bundesliga verantwortlich gemacht, was sich negativ auf die ohne dürftige TV-Auslandsvermarktung auswirke. Was antworten Sie?

Dreesen: Ich bin komplett anderer Meinung. Der FC Bayern ist hier nicht das Problem. Wir sind Teil der Lösung! Durch unsere Erfolge national und insbesondere international, mit unserer Attraktivität für ausländische Stars wie Harry Kane oder Michael Olise sind wir Motor der Bundesliga. Wir gehen ins Ausland, spielen Sommer-Touren oder die Klub-WM. Wir haben uns all das seit Jahrzehnten hart erarbeitet. Der FC Bayern produziert mehr als 30 Prozent der Reichweite der Bundesliga im Ausland, bekommt aber deutlich weniger als die Hälfte davon als Ausschüttung. Wir stehen zum Solidarprinzip, wir sind Teamplayer. Wer uns dann aber für Rückstände in der Auslandsvermarktung verantwortlich macht, sollte weniger lamentieren und stattdessen alles dafür tun, dass der eigene Klub und die eigenen Spieler international sichtbarer werden.

Frage: Und was noch?

Dreesen: Mehr Ambitionen in den internationalen Wettbewerben. Für die Bundesliga wäre es viel wert, wenn mehr Klubs in Europa mit dem klaren Anspruch antreten würden, mindestens das Viertelfinale zu erreichen – nicht nur in der Champions League. Frankfurts Sieg 2022 in der Europa League war für die Attraktivität der Liga sicher ebenso wertvoll wie Dortmunds Finaleinzug 2024 in der Champions League.

Frage: Vor dem DFL-Empfang steht am Montag die nächste Verhandlungsrunde der Frauen-Bundesliga mit dem DFB über das gemeinsames Joint Venture FBL GmbH an, Sie sitzen mit am Tisch. Die 14 Klubs investieren 700 Millioen Euro plus X über acht Jahre, der DFB 100 Millionen, will trotzdem bei relevanten Themen mitentscheiden. Gibt es doch noch eine Einigung oder gründen die Klubs die FBL GmbH im Alleingang nach Vorbild der DFL?

Dreesen: Es war eine große Überraschung, als wesentliche Eckpunkte der Vereinbarungen, die aus unserer Sicht bereits verhandelt waren, plötzlich vom DFB infrage gestellt wurden. Wir haben gerade für 7,5 Millionen Euro den Sportpark Unterhaching als zukünftige sportliche Heimat für unsere Frauen gekauft und werden das Stadion für einen siebenstelligen Betrag in diesem Sommer ertüchtigen, damit hier ab der nächsten Saison die Champions-League-Spiele stattfinden können. Gleichzeitig werden wir ab 2027 für weitere zehn Millionen Euro ein Leistungszentrum bauen. Wir investieren also allein in die Infrastruktur insgesamt 20 oder mehr Millionen. Bei all dem sind weitere Investitionen in den Frauenfußball wie zum Beispiel Personal etc. noch nicht einmal enthalten. Das muss man vergleichen mit der knappen Million, die pro Klub und Saison vom DFB fließen.

Frage: Bedeutet?

Dreesen: Dass wir und die anderen Vereine, die Arbeitgeber der Spielerinnen sind und einen hohen Beitrag in die Entwicklung der Frauen-Bundesliga stecken. Bei relevanten ökonomischen Themen in einer gemeinsamen Gesellschaft mit dem DFB und möglichen Pattsituationen wollen wir zur Beschleunigung von Prozessen und in Anerkennung unserer massiven finanziellen Investitionen die entscheidende Stimme haben. Wir haben aber nach wie vor die Intention, gemeinsam mit dem DFB den Frauenfußball zu entwickeln. Unsere Investitionen strahlen weit über die professionelle Frauenbundesliga hinaus und fördern den Frauenfußball als Ganzes, also insbesondere auch im Amateurbereich, massiv. Auch mit Blick auf die Heim-EM 2029 setzen wir uns wieder mit dem DFB an einen Tisch.

Frage: Wäre ohne Einigung eine Abwanderung der Frauen-Bundesliga zur DFL vorstellbar, der ohnehin zwölf der 14 Frauen-Klubs angehören?

Dreesen: Ich weiß, dass einige Kollegen diese Idee haben. Das ist eine Option. Eine andere kann sein, dass die Frauen sich nicht unter dem Dach der DFL, sondern in einer eigenen FBL GmbH entwickeln. Dann müssten sie einen Grundlagenvertrag mit dem DFB schließen, wie er seit ihrer Gründung im Jahr 2000 auch für die DFL gilt.

Frage: Sie haben beim Champions-League-Spiel gegen St. Gilloise die komplette Südtribüne gesperrt, obwohl die Uefa den FC Bayern nach den Pyro-Vorfällen gegen Lissabon nur zu einer Teilsperrung verurteilt hat. Steckte dahinter auch die Sorge, dass die Politik die angedrohten Maßnahmen umsetzt bis hin zur Beteiligung an zusätzlichen Polizeikosten bei Risikospielen, wenn die Klubs nicht hart gegen ihre Störer in den Stadien vorgehen?

Dreesen: Wir Klubs haben im Vorfeld der Innenminister-Konferenz durchaus Stellung für die Fan-Belange bezogen. Und etwa deutlich gemacht, dass personalisierte Tickets die Abschaffung der Stehplätze und damit eines Teils der Fankultur in Deutschland, bedeuten würde. Wir unterstützen unsere Fans auch, wenn sie Repressalien wie beispielsweise rund um das Spiel in Paris ausgesetzt sind. Auf der anderen Seite gehört aber dazu, dass sich die Fans im Block an geltende Regeln halten. Wir Klubs wollen die Vereinbarungen mit den Innenministern einhalten. Wir sind der Sicherheit im Stadion verpflichtet, Pyrotechnik ist gefährlich und deshalb verboten.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) geführt und zuerst in „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.