Neues Soloalbum von Michaela Melián: Am schönsten dröhnt es in der Geisterbahn

Die bildende Künstlerin und Musikerin Michaela Melián verbindet ihre Werke gerne mit Orten. In allen Formaten, ob für Musik, Soundinstallationen oder Gemälden. Ein Song ihrer Band F.S.K. heißt „Munich“. Die Klanginstallation „Memory Loops“ besteht aus über die Stadt München verteilte und abrufbare Tonaufnahmen aus der NS-Zeit. Soloalben von Michaela Melián tragen Titel wie „Los Angeles“ und „Baden-Baden“.

Erinnerungen an Orte, dazu Geistermusik: Anders als der Sound von F.S.K. wirkt die Klangsignatur von Melián, die sie als Solistin konzipiert und aufnimmt, gerne sanft unheimlich. Nicht im Sinne, dass sie furchteinflößend wäre. Dazu ist sie zu konzeptuell und zu bedeutungsoffen. Aber doch im Sinne einer schwer greifbaren Entrücktheit, die sozusagen Medium für allerlei Soundschichtungen ist, die im Ergebnis zugleich alt und gegenwärtig anmuten.

Von der Kunsthochschule in die Speisekammer

Konkreter: Auch auf Meliáns neuem Album „Music for a While“ tauchen Orte als Referenzen der überwiegend instrumentalen Tracks auf. „Im Lerchenfeld“ ist benannt nach der Adresse der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK). Es basiert wie die meisten Stücke des Albums auf einem monotonen Rhythmus, programmiert vom Co-Produzenten Felix Raeithel, über den sich ein minimalistisches Klavier und Synthies legen.

Die Streicher kommen von der Künstlerin und Violinistin Ruth May und der Bratschistin Elen Harutyunyan. Der Track könnte 15 oder 2 Minuten dauern, ein immer wieder wie aus der Speisekammer nebenan rüberwaberndes Saxofon schafft ein wenig Zeitempfinden. Es sind dann tatsächlich 5 Minuten.

Wenn man auf dieses seltsam-schöne Album einen Genrebegriff flanschen müsste, wäre es wahrscheinlich Kammermusik. Aber anders als sonst ist sie völlig kitschfrei. Ihr Organisationsprinzip ist so oder so der Loop, der dann ausgefüllt, variiert und unterlaufen wird. Die Soundpalette ist sehr vielfältig, man merkt es erst beim zweiten oder dritten Hören.

Gitarrenlärm im Märchenwald

„Tübingen“ besteht aus auf- und abtauchenden Ambient-Schleifen und am Ende einem sacht bollernden Dröhnen. „Nordwest-Passage“ klingt noch eine Idee bedeutungsoffener und hypnotischer, während „Märchenwald“ kontraintuitiv der Titel des dunkelsten Tracks des Albums ist, mit Gitarrennoise und bedrohlichem Brummen.

Auch für „Music for a While“ hat Michaela Melián wieder Coverversionen ausgewählt. Sie versucht sich an „My Other Voice“ von den Sparks und Irving Berlins „They Say It’s Wonderful“. Für die Sparks-Interpretation setzt Melián ihre herbe Stimme ein, die trotz Vocoder noch so klingt wie eine Reinkarnation von Nico. „They Say It’s Wonderful“ wirkt dann, wie eigentlich das gesamte Album, wie Musik, die auch in der Hotelbar von „The Shining“ stimmig wäre.

Michaela Melián

Michaela Melián: „Music for a While“ (A-Musik);

live: 27. März 2026 Kunstverein Lübeck, weitere Konzerte im Sommer

Nicht, weil sie so gruselig wäre (Stanley Kubricks Film ist ja auch nicht wirklich gruselig, sondern mehr so Konzeptkunst), sondern weil in ihr etwas Altes fortgeschrieben wird.

Geistermusik eben. Die Geister der Vergangenheit sind in der Kunst von Michaela Melián allerdings nicht siegreich, sondern zu Objekten der Betrachtung geworden, mit denen man arbeiten und die man, vielleicht, in etwas anderes verwandeln kann.