Handball-EM: Ab jetzt reicht Teilzeit-Traumhandball nicht mehr

Bundestrainer Alfred Gislason im Spiel gegen Norwegen


analyse

Stand: 25.01.2026 00:55 Uhr

Die Deutschen haben es wieder geschafft, mit einer grandiosen Energieleistung im zweiten Durchgang ein zähes EM-Spiel auf ihre Seite zu ziehen – mit dem 30:28 gegen Norwegen ist das DHB-Team weiter Tabellenführer der Hauptrunden-Gruppe I. Doch ab sofort wird Teilzeit-Traumhandball nicht mehr reichen.

Wenige Minuten nach Beginn der zweiten Hälfte passte die Körpersprache bei Andreas Wolff für einige Sekunden mal kurz so gar nicht zu seiner Leistung. Er blieb einfach sitzen, obwohl das Spiel vorne schon weiter ging. Dann schlug der Goalie mit beiden Händen auf den Hallenboden, formte sie anschließend zum Stoßgebet und schaute verzweifelt Richtung Decke. Es sah so aus, als würde er gedanklich seine Kollegen anflehen: Kann mir mal bitte irgendjemand von euch helfen?

Wolff verzweifelt – weil vorne gar nichts geht

Wolff hatte in dieser Phase gerade wieder drei Saves in Serie zelebriert, drei seiner insgesamt 22 – Bundestrainer Alfred Gislason hatte sogar 23 auf seinem Statistikzettel. Doch vorne ging weiter wenig bis gar nichts: Juri Knorr scheiterte ebenso wie Lukas Zerbe – und hinten war schon wieder ein Norweger völlig freu durchgebrochen. Da war Wolff mal kurz fertig mit den Nerven.

Hier steht Andreas Wolff schon wieder – ist aber immer noch fassungslos

Doch der Torhüter bekam sofort großen Zuspruch von der Seitenlinie. Ersatzkeeper David Späth, der Trainerstab und die Banktspieler leisteten kollektiv Aufbauhilfe: Mutmachrufe, Klatschen, Daumen hoch. Und anschließend erhielt Wolff tatsächlich endlich auch von der bis dahin grottenschlechten Offensive die ersehnte Unterstützung.

Grgic explodiert, Wolff hält wie im Olympia-HAlbfinale

Marko Grgic explodierte mit insgesamt sieben Toren (alle im zweiten Durchgang), Johannes Golla und Lukas Zerbe warfen wichtige Tore, dazu schloss Jannik Kohlbacher als zusätzliche Deckungsmaschine viele Lücken. 25 Minuten später stand der 30:28-Sieg nach 15:17-Halbzeitrückstand fest. Wolff konnte vor Erschöpfung kaum richtig jubeln, seine Leistung war einfach außerirdisch gewesen.

Ob es die beste war, die Gislason je von ihm gesehen hatte? Genau ein Vergleich fiel dem Bundestrainer ein: „Im olympischen Halbfinale gegen Spanien war er genauso überragend – aber es war schon Wahnsinn.“ Beim 25:24 gegen Spanien am 9. August 2024 standen am Ende auch 22 Paraden zu Buche.

Auch Semper übernahm Verantwortung

Dass auf den Kieler Schlussmann bei diesem Turnier komplett Verlass ist und mit Ausnahme des 27:30 gegen Serbien in jeder Partiel ein anderer plötzlich zum X-Faktor wird – das zieht sich bisher durch. Der zuletzt gegen Portugal (32:30) herausragende Miro Schluroff war diesmal überhaupt nicht im Bilde, dafür übernahm im ersten Durchgang plötzlich Franz Semper Verantworung und hielt neben Wolff das DHB-Team in Schlagdistanz. Nach der Pause trumpfte dann vor allem Grgic auf, der in den ersten vier Partien insgesamt nur zweimal getroffen und schon an sich selbst gezweifelt hatte.

Gislason feiert diese Qualität („Das meinte ich damit, dass wir die größte Breite im Team haben, seit ich Bundestrainer bin“), gibt aber sofort zu: „Wenn wir so eine erste Halbzeit gegen die beiden besten Teams der Welt spielen, liegen wir schon zur Pause aussichtslos zurück. Oder Andy müsste 30 Bälle halten. Wir haben so viele freie Schüsse verworfen, da können wir uns bei unserer Abwehr bedanken..Wir müssen es jetzt schaffen, mehr Konstanz reinzubringen. Nur dann können wir gegen Dänemark und Frankreich bestehen. Ein Spiel davon müssen wir gewinnen, wenn wir ins Halbfinale wollenn.“

Jetzt wartet der Weltmeister – Grgic freut sich drauf

Am Montagabend geht es zunächst gegen Weltmeister Dänemark (26.1., 20.30 Uhr, live im Ersten), zqwei Tage später wartet Titelverteidiger Frankreich (28.1, 18 Uhr, live in der Audio-Vollreportage bei sportschau.de). Grgic sagt zur Sportschau: „Gegen die Dänen in ihrer eigenen Halle zu spielen, darauf freue ich mich extrem.“

Was seine eigene Vorstellung angeht, ist bei ihm wie beim ganzen Team nun nur noch Vollzeit-Spitzenhandball gefragtt: „Ich darf mal den Ball flach halten. Diese eine Leistung war ganz gut, das freut mich auch sehr. Ich möchte das aber jetzt gerne konstant bringen und nicht wieder 15 Spiele warten, bis das nächste gute Spiel kommt.“ Da liegt er voll auf einer Wellenlänge mit Gislason.