Franzoni siegt auf der Streif: Nur knapp am Streckenrekord vorbei – Sport

Die Startreihenfolge bei einem Skirennen erschafft mittlerweile ungewohnte Herausforderungen. Die besten Abfahrer der Welt starten nicht mehr wie früher spät im Rennen, sondern verteilen sich gleichmäßig unter den ersten 20 Startern. Das soll mehr Spannung und eine interessantere Fernsehübertragung bringen, aber: Es hat beträchtliche psychologische Folgen für die Fahrer. Zu sehen war das am Samstag in Kitzbühel bei Giovanni Franzoni.

Bereits mit Startnummer zwei warf sich der 24-Jährige am Samstag auf die Streif, und die Skiwelt hielt für 1:52:31 Minuten den Atem an. Eine besondere Zeit, gerade einmal 73 Hundertstelsekunden langsamer als der ewige Streckenrekord des Österreichers Fritz Strobl aus dem Jahr 1997. Der saß im Ziel und atmete kurz erleichtert auf. Wie so viele andere ehemalige Rennläufer hatte auch mit seinem Expertenblick erkannt: So brillant wie Franzoni den Steilhang gemeistert hatte, so elegant wie er sich durch die hängende Traverse geschlichen hatte, so nahe, wie er der Perfektion gekommen war – wer sollte ihn da noch schlagen?

Die eine Antwort auf diese Frage stand etwas später definitiv fest: niemand. Der Hahnenkamm-Sieger des Jahres 2026 kommt aus Italien, er hatte zuvor noch kein Abfahrtsrennen im Weltcup gewonnen. Viele kamen ihm noch gefährlich nahe, und wegen seiner niedrigen Startnummer musste Giovanni Franzoni an diesem Samstag noch lange zittern und bangen, bevor er jubeln durfte.

Ewig lang muss sich dieses Rennen angefühlt haben, das Franzoni auf dem immerhin gepolsterten Stuhl des Führenden im Ziel verbrachte. Ein ums andere Mal übertrumpften ihn die Konkurrenten bei den Zwischenzeiten, bei flachem Licht in Kitzbühel waren die Verhältnisse für alle gleichermaßen schwierig. Das gab auch später gestarteten Läufern die Gelegenheit, der Bestzeit nahezukommen. Vor allem auf die Nummer zwölf schauten alle.

Die Abfahrt in Kitzbühel entwickelt sich für Marco Odermatt zu einem kleinen Fluch

Diese trug Marco Odermatt, Sieger des Super-G vom Freitag, der nach vielen Jahren Dominanz in drei von vier Weltcupdisziplinen bei jedem Rennen Favorit ist. Doch der Kitzbühel-Samstag wird für ihn mehr und mehr zum Fluch: Odermatt hat noch nie auf der Streif gewonnen, die goldene Gams fehlt ihm in seiner illustren Pokalsammlung. Er meisterte die Strecke zwar wieder herausragend, auf demselben Niveau wie Franzoni, doch die allzu knappe Entscheidung fiel um sieben Hundertstelsekunden gegen den Schweizer aus. „Es schmerzt fast noch mehr, wenn nach einer perfekten Fahrt die Zwei im Ziel aufscheint“, sagte Odermatt später. Er hatte von Anfang an gewusst, dass für ihn „nur der Sieg gezählt hätte.“

Dann aber gratulierte er Franzoni, dem einzigen Skifahrer, der in dieser Saison der Dominanz von Odermatt mit einer gewissen Regelmäßigkeit etwas entgegensetzen kann. Im Dezember in Gröden begann der bemerkenswert schnelle Aufstieg des Italieners, da wurde er schon Dritter im Super-G. Beim Klassiker in Wengen in der vergangenen Woche gelang ihm im Super-G der erste Weltcupsieg. Nun steht Franzoni bereits mit 24 in der großen Ahnenreihe der italienischen Abfahrer – vor ihm konnten nur Kristian Ghedina, Peter Fill und dreimal Dominik Paris in italienischen Farben in Kitzbühel triumphieren.

Am Ende allerdings sind all die Rekorde und Lobeshymnen, die man im Weltcup derzeit über Franzonis perfekte Technik vernimmt, nur Nebensache. In Kitzbühel liefen ihm Tränen über die Wange, sie galten Matteo, seinem Zimmerkollegen, der nicht mehr am Leben ist.

Luis Vogt sorgt spät noch für einen kleinen deutschen Erfolg.
Luis Vogt sorgt spät noch für einen kleinen deutschen Erfolg. (Foto: Barbara Gindl/AFP)

An den Folgen eines Trainingssturzes in Argentinien war Matteo Franzoso im September verstorben, wie ein Schatten liegt sein tragischer Todesfall in diesem Jahr über dem italienischen Team – und über Franzoni, seinem guten Freund, den die Erinnerungen an keinem Tag seit dem Unglück loslassen. „Ich konnte heute in der Früh schon die Emotionen fühlen“, sagte Franzoni: „Im vergangenen Jahr war ich noch hier mit Matteo, ich fahre für ihn. Und ich weiß, dass er sehr stolz auf mich wäre.“

Die Erinnerung an Franzoso mahnt auch an das unheimliche Risiko des Skisports, das die Athleten täglich in Kauf nehmen. In Kitzbühel ist das traditionell noch mehr der Fall als anderswo, am Samstag immerhin verlief das ganze Rennen ohne einen schweren Sturz – und mit einer Überraschung aus deutscher Sicht.

Franzoni hatte sich schon für seine Siegerinterviews angezogen, der überraschend Drittplatzierte Franzose Maxence Muzaton stand soeben vor der Fernsehkamera, da fuhr im Hintergrund Luis Vogt über die Streif. Das Publikum im Zielraum jaulte immer mehr auf, weil eine Zwischenzeit nach der anderen grün aufleuchtete. Franzoni und Muzaton blickten etwas sorgenvoll nach oben – und atmeten dann erleichtert auf: Vogt verlor im unteren Teil der Strecke noch, auch wenn ihm als Achter nur gut eine halbe Sekunde auf den ersten Podestplatz fehlten. Es war das mit Abstand beste Resultat des 23-Jährigen im Weltcup, im bisherigen Verlauf des Winters hätte es auch die direkte Olympiaqualifikation bedeutet – ob Vogt trotz der jüngst verstrichenen Nominierungsfrist die Winterspiele im kommenden Februar bestreiten darf, ist aber ungewiss.