

Tatsächlich, gleich nach dem Verlassen der Fähre hoppelt der erste Mümmelmann am Straßenrand. Spitzt die Ohren. Schlägt einen Haken. Und saust davon. Eine gute Stunde dauert die Überfahrt mit der Fähre vom beschaulichen Hafen Snaptun am Südufer des Horsensfjords auf die „Kanincheninsel“ Endelave. Sie liegt zehn Kilometer vor der jütländischen Ostküste im Kattegat. Etwa 170 Einwohner teilen sie sich mit unzähligen wilden Kaninchen.
Drei Wanderpfade unterschiedlicher Länge durchziehen das Eiland. Der Pfeil für den „Kanino“, die blaue Route, zeigt nach rechts. Er umrundet die Insel auf 21 Kilometern. Zunächst geht es oberhalb des schmalen Sandstrands an der weiß getünchten Kirche mit dem roten Ziegeldach vorbei. Ihre Ursprünge stammen aus dem 15. Jahrhundert. Ganz in der Nähe wohnt Maja Schildknecht Hoë. „Einer meiner Vorfahren deutscher Abstammung kaufte einst das gesamte Eiland“, erzählt die 64-Jährige: „1796 ließ Georg Ditlev Schildknecht den Herrensitz „Louisenlund“ errichten.“ Mehr als 100 Jahre lebten Nachfahren auf dem Anwesen, bis es Anfang des 20. Jahrhunderts zwangsversteigert werden musste. „Die Kaninchen verbreiten sich erst seit Ende der 1920er-Jahre auf Endelave. Es sind längst mehrere Tausend. Sie haben bis zu vier Würfe pro Saison mit jeweils zwei bis acht Jungen“, erklärt Maja Schildknecht Hoë: „Damit sie nicht überhandnehmen, dürfen sie von September bis Januar gejagt werden.“
Der „Kanino“ verläuft weiter in westliche Richtung. Schon nach einigen Hundert Metern knabbert ein halbes Dutzend hellbrauner Karnickel an Grashalmen und Blumenknospen auf einer Wiese hinter süßlich duftenden Kartoffelrosen. Kommt man ihnen zu nah, preschen sie davon. Nun geht es am Strand entlang. Schnell wird es steiniger und ziemlich glitschig. Auch auf dem fünf Meter hohen Steilhang Klinten ist Vorsicht geboten. Die Mümmelmänner haben zahlreiche tiefe Höhlen gegraben, die zwischen Grasbüscheln schlecht zu erkennen sind. Im Norden der Insel wechseln sich Strandwiesen, Mischwald und Heideflächen ab. Zurück ins Dorf führt der „Kanino“ über einen Kiesweg am Vogelschutzgebiet „Flasken“ vorbei. Nach sieben Stunden „Outdoor-Training“ bringt die Abendfähre die Tagesgäste zurück nach Snaptun, denn am frühen Morgen beginnt die Wanderung auf dem „Fjordmino“ – 60 Kilometer rund um den Horsensfjord.
Startpunkt ist das Freilichtmuseum in Glud. Malermeister Søren Knudsen gründete es 1912. 14 historische Wohn- und Stallgebäude sind hier wiederaufgebaut und repräsentieren das Landleben in Ostjütland zwischen 1650 und 1950. Der Gründer selbst lebte im Haus „Hildesheim“ aus dem Jahr 1906. „Er lernte die niedersächsische Stadt auf der Walz kennen und ließ sich von ihren gut erhaltenen Fachwerkhäusern inspirieren“, berichtet Kuratorin Christina Faurskov. Der Plan zum Schloss Boller und über den Planetensteig nach Horsens zu wandern, fällt ins Regenwasser. Der Linienbus ist die Alternative, um trockenen Fußes in die Hafenstadt und ins schaurig-authentische Gefängnismuseum „Faengslet“ zu kommen.
Am folgenden Morgen lässt die Sonne wieder Sterne auf dem blauen Fjord tanzen. Im Jachthafen wartet Wanderführerin Kirsten Aagaard von Fyrholt Rejser. Zunächst windet sich ein Panoramaweg direkt am Nordufer entlang. Rund um Sondrup ist es bewaldet und hügelig. „Geologisch gesehen ist der Horsensfjord gar kein Fjord, sondern eine Förde“, informiert Kirsten Aagaard: „Nur gibt es im Dänischen im Gegensatz zum Deutschen kein Wort für Förde – wie zum Beispiel die Flensburger oder Kieler Förde.“ Fjorde wie in Norwegen entstanden, da ein Gebirgsgletscher seewärts wanderte und dabei ein Tal grub. Förden entwickelten sich, da sich eine Eiszunge eines großen Eispanzers, der die Becken von Ostsee und Kattegat bedeckte, im flachen Gelände landeinwärts bewegte. Sie schob Geröll vor sich her. So bildete sich hügeliges Endmoränengebiet.
Am letzten Tag steht Insel-Hopping auf dem Programm. Denn irgendwie muss die „Förde“ schließlich überquert werden. Die knapp acht Kilometer lange Insel Alrø ist über einen Damm mit dem Festland verbunden. Die kurvige Landstraße zieht sich bis zum Schiffsanleger an der Südspitze. Verstreute Bauernhöfe, Getreidefelder und Fachwerkhäuser bestimmen die Landschaft. Alrø steht für kreative Küche. Die Blätterteigpasteten mit Hühnerragout und Spargel im Café „Alrø“ sind genauso berühmt wie die Bison-Tapas im Restaurant „Købmandsgård“. Das Fleisch stammt von einer Farm direkt hinterm Haus.
Nach der Stärkung ist Beeilung angesagt. Die Fahrradfähre nach Hjarnø verkehrt nur zweimal täglich. Auch die kleinste der drei Inseln ist von Ackerböden und Viehweiden geprägt. Bevor es am Abend mit der Autofähre nach Snaptun zurückgeht, bleibt noch genügend Zeit für eine Wanderung in den Südosten des Eilands. Plötzlich tauchen zwischen kniehohen Kartoffelrosen unterschiedlich große Feldsteine auf. Sie kennzeichnen zehn noch erhaltene Gräber in Form von Steinschiffen aus der Wikingerzeit, die „Kalvestenene“. König Hjarne soll an dieser Stelle mit Familie und Gefolgsmännern begraben sein. Eine Legende besagt, dass die Insel Hjarnø ihren Namen nach dem Wikingerkönig erhielt. Er heiratete die Kriegerin Alrune und schenkte ihr Alrø. Ihr gemeinsamer Sohn Endlau bekam die Insel Endelave.
Die Reise wurde von Visit Denmark unterstützt.
