Der Spion als kulturelle Figur: Mythos und Realität der Spionage

Kaum ein Beruf hat einen größeren Popkulturmythos als der des Spions, und kaum einer erfordert in der Realität so viel Geduld und Bürokratie. Warum fasziniert uns das so sehr? Und warum akzeptieren wir gleichzeitig, wenn Staaten und Konzerne uns heute ganz real ausspionieren?

Aber fangen wir von vorne an, denn das Bedürfnis, mehr zu wissen als der andere, ist älter als jedes Funkgerät. „Spionage ist so alt wie die Menschheit selbst“, sagt Florian Schimikowski. Er ist wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Spionagemuseum in Berlin und weiß: Informationen bedeuteten früher schon Macht. „Wahrscheinlich haben sich auch schon älteste Stammesgemeinschaften ausspioniert und geschaut, was hat der andere, können wir ihn eventuell überfallen, oder plant er uns zu überfallen?“

Sobald es die ersten schriftlichen Quellen gibt, wird es deutlich handfester: Keilschrifttafeln von vor 3.000 Jahren geben Hinweise darauf, dass bei bestimmten Kampfhandlungen Spione eingesetzt wurden, und dass es neben Militärspionage sehr früh zugleich Wirtschaftsspionage gab: „Die Tonherstellung war damals ein wichtiger Industriezweig, und einige Kontore hatten darauf ein Monopol. Dass sie Angst vor Spionage hatten, beweist, dass sie sich die Mühe machten, das Rezept für die Glasur kryptografisch zu verändern, sodass man es nur mit dem jeweiligen Wissen lesen konnte.“

Schon Kaiser Augustus hatte Spione

Auch im antiken Rom schickte Kaiser Augustus die sogenannten Frumentarii als Soldaten mit doppelter Identität als Spitzel aus, um Feinde zu überwachen – häufig war das die eigene Bevölkerung, die einen Aufstand planen könnte. Im England des 16. Jahrhunderts, unter Elisabeth I., professionalisierte Francis Walsingham das System und machte aus einem losen Netzwerk an Spitzeln, die Briefe öffneten, den ersten Geheimdienst als Institution.

Mit der Moderne veränderte sich, wer spionierte und warum. Schließlich standen keine Könige mehr im Zentrum, sondern Ideologien, erklärt Schimikowski: „Grundsätzlich ist die Rekrutierung von Agenten immer eng mit der Zeit verbunden, in der man arbeitet. Wenn man sich im Krieg befindet, ist es deutlich einfacher, an die Ideologie und den Patriotismus zu appellieren.“ Das Gleiche gilt in Zeiten, in denen starker Klassenkampf herrscht. Für viele Spione wird die Loyalität zur Idee wichtiger als die zum Staat.

Spio­n:in­nen: Ausnahme­figuren in einer Welt, die von Offenheit schwärmt und doch ständig überwacht

Der vor den Nazis geflohene Physiker Klaus Fuchs glaubte, dass eine Atombombe allein in US-amerikanischer Hand zu gefährlich sei. Aus Überzeugung gab er während seiner Arbeit am Manhattan-Projekt Informationen an die Sowjetunion weiter, in dem Glauben, damit das Gleichgewicht der Mächte zu wahren.

Gleichgewicht der Mächte durch Spionage

Auch das Leben seiner Kontaktperson und Funkerin Agent Sonja sollte der kommunistischen Revolution gehören. Sie stammte aus wohlhabendem jüdischem Haus, wuchs behütet auf, doch je älter sie wurde, desto kompromissloser war ihr Glaube an den Kommunismus. Während sie für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU spionierte, nutzte sie ihre Mutterrolle als Tarnung und riskierte damit auch das Leben ihrer Kinder. Agent Sonja gilt als eine der bedeutendsten Spioninnen des 20. Jahrhunderts, wurde jedoch zu Lebzeiten nicht enttarnt und ist in der DDR besser bekannt als Kinderbuchautorin Ursula Kuczynski.

Man könnte argumentieren, dass diese zwei Beispiele wie auch die Popkultur Spionage aus Überzeugung zeigen und trotz Verrats ein Gewissen erkennen lassen, da die Loyalität höheren Werten gilt. Dieses Gewissen ist den Systemen, die uns heute ausspionieren, abhandengekommen.

„In der heutigen, multipolaren Welt ist es deutlich schwerer geworden, an die Ideologie zu appellieren“, sagt Schimikowski vom Spionagemuseum. Stattdessen schalten Geheimdienste inzwischen Imagekampagnen und veröffentlichen Stellenanzeigen, wie der Bundesnachrichtendienst (BND), der damit wirbt dass man bei ihnen Terroristen fängt. „Aber diese extreme ideologische Überzeugung, welche die Rekrutierung lange Zeit wirklich geprägt hat, die ist heute deutlich schwächer vorhanden.“

Männlichkeit, Technikgläubigkeit und Nation

Der Spion als kulturelle Figur entsteht dort, wo Macht unsichtbar wird und das Unbehagen mit ihr kompensiert werden muss. „James Bond“ und andere Figuren mit doppelter Identität sind dabei Projektionsfläche: für Männlichkeit, Technikgläubigkeit und Nation. Die Kamera und das Publikum lieben ihre Waffen, nicht die Widersprüche.

„Die Geheimdienstleiter, mit denen ich hier im Museum gesprochen habe, sagen alle ganz klar, sie würden James Bond natürlich nicht anstellen“, stellt Schimikowski, „Er trinkt zu viel, er hat Frauengeschichten, er zockt und er ist auch noch ein Selbstdarsteller. Das sind alles Faktoren, die einen Agenten sehr wankelmütig machen.“

Die besten Agenten würden stattdessen über Jahrzehnte hinweg ganz diskret arbeiten, Informationsbröckchen sammeln. Denn in der Realität sitzen Geheimdienstler meist vor Monitoren, durchforsten Datenbanken und Satellitenaufnahmen, hacken Metadaten oder bauen jahrelang Vertrauen zu ihrer Zielperson auf, ohne anfangs wirklich Brisantes zu liefern. Kaum ein Beruf hat ein derart gespaltenes Image: Abenteuer im Berufsverständnis, Behörde im Alltag.

Anders als Hollywood

Hollywoodfilme stellen das Leben von Geheimagenten zudem viel kondensierter dar, als es tatsächlich ist. Selbst wer als Agent im Feindesland tätig ist, verbringt statt steter Spannung Stunden damit, Menschen zu beobachten oder Papierkram zu erledigen. Aktionsreiche Momente wie Schießereien sind extrem selten. Wem das passiert, der wurde enttarnt. Worst-Case-Momente, die selten vorkommen, werden in popkulturellen Referenzen in einem sehr kleinen Zeitraum verdichtet und damit wird ein irreführender Eindruck vermittelt.

Sogar angehenden Agen­t:in­nen selbst, sagt Schimikowski: „Geheimdienstler hadern mit dem Bild von James Bond. Nach jeder Bond-Veröffentlichung gehen die Bewerbungen beim [britischen Auslandsgeheimdienst] MI 6 rasant nach oben. Sobald sie ihre Stelle antreten, wird jedoch klar, ganz so läuft es nicht.“

Zum anderen wird in Filmen meist alles von wenigen Superagenten erledigt. In der israelischen Spionageserie „Fauda“ zum Beispiel verhindern Spezialeinheiten Terroranschläge und befreien Geiseln, erfahrene Scharfschützen sind zugleich auch Verhörspezialisten, Analysten und verdeckte Ermittler mit fließenden Arabischkenntnissen. Im wirklichen Berufsleben hat kein Mensch Zeit, all diese Fähigkeiten bis zur Perfektion zu verfeinern. Stattdessen führen viele verschiedene Teammitglieder, von denen jeder auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert ist, gemeinsam eine Operation durch.

Der gläserne Mensch

Heute verraten unsere Geräte mehr über uns als jede Agentin, die uns 24/7 observiert. Wir teilen bereitwillig unsere Standorte, Kontakte und Gedanken mit Apps und Plattformen, weil wir bestimmte Services sonst gar nicht mehr in Anspruch nehmen könnten.

Vielleicht steckt darin der Kern unserer Faszination: Spio­n:in­nen sind Ausnahmefiguren in einer Welt, die von Offenheit schwärmt und doch ständig überwacht. Aus einem Netz menschlicher Informant:innen, wie sie die Stasi hatte, ist heute Infrastruktur geworden. Heute braucht es nur in Einzelfällen wenige Menschen, um Geheimnisse zu stehlen. Spionage ist automatisiert, banalisiert, allgegenwärtig und wird deswegen selten skandalisiert.

Haben wir Sehnsucht nach dem Verborgenen in einer Welt, die längst durchsichtig geworden ist? Vielleicht bewundern wir Spion:innen, weil sie etwas verkörpern, das uns verloren gegangen ist: das Recht, etwas für uns zu behalten. Denn heutige Spionage ist unsichtbar, unheroisch und viel zu nah.