Wie so oft wäre die einfache Lösung die bessere gewesen: Weil aber Ian Barrufet, Linksaußen des FC Barcelona, nicht selbst den Abschluss suchte, sondern ein so schönes wie gewagtes Kempa-Anspiel auf Aleix Gomez versuchte, verpuffte die finale Aktion der EM-Partie Spaniens gegen Norwegen. Die Iberer hatten im letzten Angriff Sekunden vor Schluss den Vorteil der doppelten Überzahl, eigentlich eine sichere Angelegenheit – wenn man es nicht zu kompliziert machen will.
Denn in August Pedersen hatte Norwegens überragender Akteur aufgepasst, war mit Gomez in den Wurfkreis gesprungen und verhinderte so den Torwurf: Norwegen gewann mit 35:34 Toren und bleibt mit dem ersten Sieg in der engen Hauptrundengruppe 1 im Geschäft. Die Spanier dagegen müssen sich wohl mit dem Aus abfinden, wenngleich man in der „Todesgruppe“, wie sie der deutsche Nationalteam-Manager Benjamin Chatton getauft hat, keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte.

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24 Mannschaften kämpfen bei der Handball-EM 2026 um den Titel. Deutschland steht in der Hauptrunde und gewann das erste Spiel gegen Portugal. Alle Gruppen, Termine und Spiele im Überblick.
Der Blick auf die Tabelle ist aus Sicht des Deutschen Handballbunds (DHB) indes ansehnlich: Deutschland führt mit vier Punkten, gefolgt von Europameister Frankreich, Olympiasieger und Weltmeister Dänemark, Dänemark-Bezwinger Portugal und den Norwegern, die allesamt zwei Pluspunkte haben. Spanien ist punktloser Letzter, könnte theoretisch aber noch drei Siege einfahren und das Tableau auf den Kopf stellen.
Chatton bediente sich bei der Frage nach den Aussichten seines Teams der Ur-Floskel, dass nur das nächste Spiel zähle. Was nicht so falsch ist, ein Sieg gegen Norwegen am Samstag (20.30 Uhr, ZDF) würde die Ausgangslage weiter verbessern, zumal es für die DHB-Auswahl „hinten raus noch steil bergauf geht“, wie Julian Köster die folgenden Partien gegen die Turnierfavoriten Dänemark (Montag, 20.30 Uhr, ARD) und Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr, ZDF) einordnete.
Man kennt sich: Die besten Schützen der Norweger spielen in der Bundesliga
Ein Sieg gegen Norwegen, den vermeintlich schwächsten Gegner im Restprogramm, ist also Pflicht, um die Möglichkeit des Halbfinaleinzugs in der eigenen Hand zu behalten. Schwer genug, wie Abwehrspezialist Matthes Langhoff weiß: „Eine wirklich gute Mannschaft mit Weltklassespielern und einer kompakten Abwehr.“ Ein Name ploppt sofort auf, wenn man an Norwegens Handballer denkt: Sander Sagosen, mittlerweile 30 Jahre alt, ist nach wie vor das Gesicht des Teams, spielt seit vergangener Saison zusammen mit Juri Knorr in Aalborg und nötigt allen Gegnern Respekt ab. „Er ist schwer zu stoppen, hat einen starken Distanzwurf, ein gutes Kreisanspiel und ist stark im Eins-gegen-eins“, sagte Langhoff.
Gleichwohl sind Sagosens Zeiten als Alleinunterhalter in der Mannschaft vorbei. Zwar hat sich in Magnus Röd ein wichtiger Rückraumwerfer einmal mehr vor einem großen Turnier verletzt, aber gegen Spanien waren Spielmacher Tobias Gröndahl und Linksaußen August Pedersen die überragenden Akteure. Die beiden lediglich 1,80 Meter großen Norweger flitzten wie Rennmäuse zwischen den Reihen der wuchtigen spanischen Abwehrriesen hindurch, Pedersen traf elfmal, darunter einige Siebenmeter; Gröndahl steuerte in der engen Schlussphase vier seiner fünf Treffer bei. Den flinken Spielmacher zeichnet ein gutes Auge aus, dank seiner Anspiele kam Kreisläufer Thomas Solstad ebenfalls zu fünf Treffern.
Die drei genannten Spieler sind aus der Bundesliga bestens bekannt, Pedersen spielt wie Solstad in Hannover, Gröndahl in Berlin, ist also Teamkollege von Langhoff: „Ich freue mich schon auf das Duell mit Tobi, er ist gut im Eins-gegen-eins-Spiel, das wird nicht einfach.“
