
Vorhofflimmern ist die weltweit häufigste Herzrhythmusstörung. Eine neue Studie zeigt, dass es eine Möglichkeit gibt, Symptome frühzeitiger als bisher zu erkennen und damit lebensgefährliche Folgen zu verhindern.
Oft gelten sie mehr als Gadgets denn ernsthaftes medizinisches Equipment. Doch eine handelsübliche Smartwatch kann gefährliche Herzrhythmusstörungen offensichtlich häufiger und zuverlässiger erkennen als herkömmliche medizinische Standarduntersuchungen. Das berichten Forscher der Amsterdamer Universitätsklinik im Fachmagazin „Journal of the American College of Cardiology“.
Die Forscher hatten sich in ihrer Analyse vor allem auf das Vorhofflimmern konzentriert, die weltweit häufigste Herzrhythmusstörung. Sie tritt oft unregelmäßig auf und viele Betroffene spüren nichts davon. Das Team um den Kardiologen Michiel Winter hat nun untersucht, ob tragbare Geräte, sogenannte „Wearables“, wie eine Smartwatch dabei helfen können, solche Störungen früher zu entdecken als bisherige Methoden.
Beim Vorhofflimmern schlagen die Vorhöfe des Herzens unregelmäßig. Dies kann dazu führen, dass sich Blutgerinnsel im Herzen bilden. „Wenn diese Gerinnsel in das Gehirn wandern, können sie einen Schlaganfall verursachen“, erklärte Winter. Da das Flimmern oft nur zeitweise auftritt oder der Patient keine Beschwerden hat, bleibt es bei Routineuntersuchungen beim Arzt oft unentdeckt.
Für die Studie, an der insgesamt 437 Patienten über 65 Jahre mit erhöhtem Schlaganfallrisiko teilnahmen, nutzte das Team Smartwatches. Die Hälfte der Teilnehmer trug sie sechs Monate lang täglich mindestens zwölf Stunden, die andere Hälfte erhielt die medizinische Standardversorgung ohne digitale Überwachung.
Zwei Funktionen der Smartwatch wurden verwendet: die optische Pulsmessung PPG (Photoplethysmographie) und ein einfaches EKG (Elektrokardiogramm) zur Aufzeichnung der elektrischen Herzströme. Während die Pulsmessung die Unregelmäßigkeiten nur vermuten lässt, ist das EKG notwendig, um die Diagnose Vorhofflimmern medizinisch zu bestätigen. Smartwatches mehrerer Hersteller bieten diese Funktionen.
In der Gruppe mit Smartwatch wurde Vorhofflimmern viermal häufiger entdeckt als in der Kontrollgruppe. Konkret wurde bei 21 Patienten mit Smartwatch eine Erkrankung diagnostiziert und behandelt. In der Vergleichsgruppe ohne Uhr waren es fünf.
Es gibt aber auch Fehlalarme
In der Gruppe ohne Uhr hatten alle fünf Patienten, bei denen ein Vorhofflimmern diagnostiziert wurde, bereits spürbare Symptome. Sie gingen also zum Arzt, weil sie sich unwohl fühlten. In der Smartwatch-Gruppe war gut die Hälfte der Patienten, genauer 57 Prozent, asymptomatisch – sie hatten keine Beschwerden und hätten ohne den Alarm, den ihre Smartwatch ausgelöst hatte, vermutlich nicht erfahren, dass ihr Herz aus dem Takt geraten ist.
Die Technik erwies sich in der Studie allerdings als nicht unfehlbar. Es habe auch eine Reihe von Fehlalarmen gegeben, berichten die Forscher. Von den 72 Patienten, bei denen die Uhr anschlug, hatte sich nur bei etwa der Hälfte der Verdacht auf Vorhofflimmern bei weiteren Untersuchungen auch tatsächlich bestätigt.
Dennoch zeigte sich Studienleiter Winter optimistisch. Vor dem Hintergrund eines zunehmend überlasteten Gesundheitssystems ermöglichten solche tragbaren Geräte, große Bevölkerungsgruppen medizinisch zu überwachen, ohne dass diese ständig zum Facharzt oder ins Krankenhaus müssten.
„Wir erwarten, dass wir definitiv weniger Schlaganfälle aufgrund von Vorhofflimmern sehen werden, wenn wir auf diese Weise in großem Stil untersuchen, da wir Patienten in einem sehr frühen Stadium ihrer Krankheit behandeln können“, sagte Winter.
dpa, dia
