Besser als der Westen? Mark Carney skizziert eine neue Weltordnung

Die Häme, mit der in den vergangenen Monaten der Zerfall der sogenannten wertebasierten Ordnung begleitet wurde, konnte leicht irritieren, selbst wenn man die Doppelstandards, auf denen sie beruhte, längst erkannt hatte. „Westen hat fertig“, hieß es immer wieder in den Un­tergangs­feiern, die sich in den sozialen Medien abspielten. Man hätte gern gewusst, wie die alternativen Weltordnungsphantasien jener Leute aussehen. In­teressant war dabei, dass selbst in der Ablehnung des Westens dieser weiterhin als kohärente Einheit vorausgesetzt wurde, anstatt ihn als Konstrukt zu sehen oder wenigstens die normativen, institutionellen und prak­tischen Heterogenitäten dieser Ordnung zu erkennen, die ja spätestens seit dem Abdriften einiger Staaten ins Autoritäre und Illiberale offenbar geworden sind.

Der Westen – jene Ordnung aus Li­beralismus, Markt und Menschenrechten – konnte sich lange als die letzte große Erzählung nach dem vorschnell verkündeten Ende der Ideologien be­haupten. Nüchtern betrachtet, handelt es sich um ein historisch gewachsenes System von Überzeugungen, aus dem eine Welt­ordnung hervorging, deren Institutionen, Normen und Praktiken seine Wirkung in der Realität durchsetzten – ein System, das seine Macht wahlweise als Wahrheit oder Sachzwang darzustellen wusste.

Die alte Weltordnung

Der immense Erfolg der Rede des ­kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos am Mittwoch zeigt, wie wenig dieser Wahrheit noch geglaubt wird. Selbst den größten Verteidigern der Idee des Westens waren die Doppelstandards und Lügen, die man zwecks Wohlstands­sicherung in Kauf genommen hatte, nicht verborgen geblieben. Dass nun ei­ner auf großer Bühne eben dies – und damit nur allzu Bekanntes – aussprach und dennoch als ­Aufklärer gefeiert wurde, kann eigentlich nur bedeuten, dass der Effekt des Wahrsprechens nur deshalb eintrat, weil seine Aussagen an den Maßstäben der alten Ordnung abgeglichen und an deren Normen rückgebunden wurden. Diese Ordnung aber gehört der Vergangenheit an.

Heute, da autoritäre Nationalismen und neofaschistische Bewegungen zunehmend die Weltbühne beherrschen, scheint es weniger um das Ende der Ideologien zu gehen, sondern eher um das Ende von Politik selbst. Wo man sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Willen zur Gestaltung kollektiver Ordnung, was immer man von ihr halten mag, ei­nigen kann, herrscht nur noch Theater. Zumindest immer dann, wenn Trump und seine Adepten sprechen.

Vielleicht wurde auch deshalb die zentrale Aussage in Carneys Rede, die geopolitische Neujustierung betreffend, überhört. Carney sprach von einem „wertorientierten Realismus“, der die alte wertebasierte Ordnung ablösen würde. In seinem Zentrum steht die Selbstbehauptung. Zu diesem Realismus gehört, dass man jüngst „neue strategische Partnerschaften“ mit China und Qatar geschlossen hat. Zu diesem Realismus gehört auch der Pragmatismus, zu erkennen, „dass nicht jeder Partner unsere Werte teilt“.

Neue Handelskriege stehen bevor

Nun wird man einwenden, die wertebasierte Ordnung habe sich doch ohnehin schon längst als Chimäre entlarvt, und Geschäfte mit Diktaturen seien längst übliche Praxis, schließlich wollte man auch in Deutschland nicht frieren, als Putin das Gas abdrehte und Habeck in Qatar einen Knicks für Gas machen musste (von dem man noch immer nicht weiß, ob es fließen wird).

Dennoch ist hier der Grundsatz einer neuen sogenannten multipolaren Weltordnung formuliert worden. In ihr geht es um die Reorganisation des Weltmarkts, die nicht ohne Deregulierung und neue Handelskriege vonstatten ­ge­hen wird und von der man schon jetzt eines ziemlich sicher behaupten kann: Es gibt keinen Anlass, zu glauben, dass die kommende Ordnung freund­licher sein wird als die alte.