
Der Januar ist noch nicht mal vorbei, und doch können wir schon aufatmen: Wir haben den ersten Social-Media-Trend des Jahres überstanden. Wer auf Instagram aktiv oder passiv unterwegs ist, kam in den vergangenen Wochen vermutlich nicht darum herum, sich durch zehn Jahre alte Bilder von Bekannten und weniger Bekannten zu klicken.
Denn, falls Sie es noch nicht wussten: 2026 ist das neue 2016. So proklamierte es zumindest die Internetgemeinschaft in den vergangenen Wochen. Eine 2016er-Nostalgie erfasste die Sozialen Medien und spülte Fotos minderer Qualität mit milchig-warmen Kamerafiltern in die Timelines, die eine vergessen geglaubte Ästhetik wieder hervorholten. Selfies mit Snapchat-Hundefiltern, wie aufgesprüht enge Skinny Jeans, rosa gefärbte Haare, Smokey Eyes zum matt gepuderten Make-up, Holzfällerhemd als Hüftaccessoire, bunte Açai-Bowls, Sonnenuntergänge und Palmen. Plötzlich erinnerte man sich daran, dass die Chainsmokers und Drake im Radio rauf und runter liefen, dass Leonardo DiCaprio „endlich“ seinen Oscar gewann und das Handyspiel Pokémon Go die Innenstädte lahmlegte.
Um es im Internetjargon zu sagen: iykyk. Das ist nicht, wie man zunächst denken könnte, das isländische Wort für Nostalgie, sondern die Abkürzung des englischen Ausdrucks „If you know, you know“. Frei ins Deutsche übersetzt: Man muss dabei gewesen sein.
Jeden Tag neue Absurditäten und Hiobsbotschaften
Dass Menschen gerade jetzt zu Nostalgie neigen, ist nicht verwunderlich. Die Weltordnung, wie wir sie kennen, droht auseinanderzufallen, die Grenzen des Mach- und Sagbaren verschieben sich stetig. Menschen fühlen sich zusehends orientierungslos und unsicher, angesichts einer Nachrichtenlage, die jeden Tag neue Absurditäten und Hiobsbotschaften bereithält. Schon der Beginn des neuen Jahres war von Unglücken und politischer Instabilität geprägt. Das stimmt nicht sonderlich positiv.

Es scheint: Je schlimmer die Aussicht auf die Zukunft, desto nostalgischer werden wir. Es ist eine Form der Ausflucht, die uns daran hindert, im dystopisch-lähmenden Gedankenkarussell zu verharren.
Natürlich wird das Jahr 2016 durch den Trend ein Stück weit verklärt. Idealisierung liegt in der Natur der Nostalgie. Wenn es heißt, 2026 sei das neue 2016, liegt das auf der Hand, schließlich kann sich doch niemand für das frisch begonnene Jahr einen ähnlichen Verlauf wünschen. Denn 2016 war allein politisch kein gutes Jahr. Die islamistischen Terroranschläge in Nizza und am Berliner Breitscheidplatz, das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA sind nur einige Ereignisse, die das Jahr für eine auf Träumerei ausgerichtete mentale Zeitreise disqualifizieren.
Sind wir wahllos geworden?
Seien wir ehrlich: Dieser Instagram-Trend ist ziemlich deprimierend. Denn es sagt viel über unseren aktuellen Gemütszustand aus, dass sich so viele Menschen trotz allem genau in dieses Jahr zurückträumen. Womöglich sind wir wahllos geworden in unseren Tagtraumzielen. Obwohl vielen bewusst sein mag, dass es kein sorgloses Jahr war, lädt sogar das chaotische 2016 zum Träumen ein. Hauptsache, wir müssen uns für einen Moment nicht mit der Gegenwart auseinandersetzen. Alles ist besser als das Jetzt.

Denn, so glaubt man zumindest, „damals“ hatten wir noch Hoffnung auf eine bessere Welt. Ob das ein Rückschaufehler ist, sei mal dahingestellt. Und eigentlich spielt es auch keine Rolle, denn es geht um die Hoffnung selbst. Diese scheinen viele mittlerweile verloren zu haben. So wirkt das Rückbesinnen auf 2016 wie ein Hoffen auf die Hoffnung selbst, wie ein Suchen nach dem eigenen Glauben an eine bessere Welt. Der Trend suggeriert: Guck mal, 2016 war das Leben auch schon schwierig, und trotzdem hatten wir noch Optimismus und Schaffenskraft.
Interessant an dem Trend ist auch, dass es für junge Millennials und Menschen an der Schwelle zur Gen Z einer der ersten Anflüge von Nostalgie ist, der sie erfasst. Sie werden dadurch schon jetzt wie ihre eigenen Großeltern, wenn diese von der „guten alten Zeit“ erzählten. Der Trend hat uns vor Augen geführt, wie sehr wir schon jetzt wehmütig auf das Früher blicken.
Ein komischer Beigeschmack
Die Frage ist: Kommt das nicht ein bisschen zu früh? Im Alter von 85 auf die eigene Jugend zurückzublicken und sich nostalgisch zu erinnern, ist verständlich. Aber zwischen 25 und 40, fit und mitten im Leben stehend, fast resigniert in die Vergangenheit zu schauen, hat einen komischen Beigeschmack.
Wenn Sie sich jetzt immer noch fragen: Und warum dreht sich dieser Trend genau um das Jahr 2016? Hätte es nicht auch ein anderes getan? Tja, da kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Weil Trump das erste Mal gewählt wurde, was, aus heutiger Sicht, den Beginn einer neuen Ära der Weltpolitik markierte? Oder weil es schlicht und einfach zehn Jahre her ist und sich 2016 damit einfach angeboten hat? Oder weil sich Instagram im Jahr 2016 durch die Einführung von Business-Accounts grundlegend änderte und das Geschäft mit Influencern so richtig an Fahrt aufnahm? Weil der Trend eventuell sogar, wer weiß das schon, von Instagram selbst angestoßen wurde, um den Traffic zu steigern?
Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Instagram ist in den Jahren von seiner Gründung 2010 bis zum Jahr 2016 von einer Million Nutzern schrittweise auf 500 Millionen Nutzer gewachsen. Es gibt also viele aktuelle User, die nicht nur in der privaten Bildergalerie auf dem Handy durch Fotos schauen, sondern auch auf gepostetes Bildmaterial aus jenem Jahr zurückgreifen können. Wie praktisch.
Der Trend wirkt wie Selbstvermarktung
Das Geschäft in und mit den Sozialen Medien hat in den vergangenen Jahren nicht nur richtig an Fahrt aufgenommen, es hat auch die Art verändert, wie wir uns präsentieren und um uns selbst kreisen. Und so war dieser Trend am Ende eben auch einfach wieder ein Mittel der Selbstdarstellung.
Das mag auf den ersten Blick womöglich nicht so wirken, weil einige unter dem Hashtag 2016 nicht nur verklärende Rückblicke und ästhetische Erinnerungen posteten, sondern auch Rückschauen auf private schwierige Momente aus jenem Jahr: die erste Panikattacke, den schlimmsten Liebeskummer ihres Lebens, die Orientierungslosigkeit nach dem Abitur oder die erfolglosen Jobbewerbungen, die sie in eine tiefe Krise stürzten.
Trotzdem wirkt der Trend auch in diesen Fällen häufig leicht unauthentisch und wie Selbstvermarktung. Natürlich sollen niemandem diese Erfahrungen abgesprochen werden. Doch viele dieser Posts wirken wie klassische Selbstbeweihräucherungsmomente, wie angetäuschte Introspektionen, wie zur Schau gestellte Erfolgsgeschichten. Als stünden zwischen den Bildern die Sätze: „Ich bin durch die Scheiße gegangen. Und schau, wie weit ich gekommen bin.“ Und dann ein aufforderndes: „Und du?“
