IOC-Präsidentin Kirsty Coventry schaut weg bei toten Iran-Sportlern

Die Schwimmerin Kirsty Coventry aus Harare in Simbabwe war 15 Jahre alt, als sie am 14. September 1999 ihre erste Goldmedaille bei Afrikaspielen gewann. Mit 19 wurde sie Olympiasiegerin in Athen, mit 23 gewann sie Gold in Peking, wurde mehrmals Weltmeisterin, Sportministerin ihres Landes und ist, seit dem Juni 2024, Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Sie ist 42 Jahre alt.

Wie alt die Schwimmerin Arnika Dabbagh aus Gorgan nahe der iranischen Küste des Kaspischen Meers wurde, ist nicht klar. 15 Jahre, heißt es in manchen Berichten, 19 in anderen. Fest steht: Arnika Dabbagh wird nie Olympiasiegerin werden. Nie Ministerin. Nie IOC-Präsidentin. Sie wird nie wieder schwimmen.

Arnika Dabbagh Opfer eines staatlichen Massakers

Arnika Dabbagh wurde in Gorgans Straßen erschossen von Schergen der Islamischen Republik Iran. Weil sie auf die Straße gegangen war gegen die Herrschaft derjenigen, die iranischen Schwimmerinnen verbieten, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Weil die Mächtigen in der Islamischen Republik Iran reagiert haben, wie sie seit 1979 reagieren, wenn Mädchen, Jungen, Frauen und Männer sich gegen den menschenfeindlichen Missbrauch der Macht erheben: mit tödlicher Gewalt.

Arnika Dabbagh, Teenagerin aus Gorgan, die von der Teilnahme an Olympischen Spielen geträumt haben mag, ist das Opfer eines staatlichen Massakers. Tausende, womöglich Zehntausende Menschen in Irans Straßen wurden umgebracht. Hunderttausende sind verletzt. Sportler werden verhaftet.

So denkt eine Sportministerin, die IOC-Präsidentin wurde

Das IOC teilt mit, man konzentriere sich darauf, iranischen Sportlerinnen und Sportlern die Teilnahme an den Winterspielen zu ermöglichen. Erst auf die dritte Anfrage der F.A.Z. binnen acht Tagen – zu Sportlerinnen und Sportlern, die am Volksaufstand beteiligt waren und konkret nach Arnika Dabbagh – schreibt ein IOC-Sprecher: „Falls das Leben einer unschuldigen Person irgendwo auf der Welt verloren geht, sind wir immer extrem traurig, besonders wenn es eine Person aus der Welt des Sports ist.“ Man könne zum konkreten Fall jedoch nichts sagen, wenn man die Details nicht einschätzen könne. Mehr Mitgefühl gibt es nicht aus Lausanne für die von der Islamischen Republik getöteten Sportler.

„Die Politik ist nicht unser Aufgabengebiet“, hat Kirsty Coventry, gefragt nach Donald Trump, Gastgeber der Sommerspiele 2028, am Mittwoch gesagt. Und dann angekündigt, sie werde sich während der Winterspiele in Mailand mit dessen Vize J.D. Vance treffen: So denkt eine Sportministerin, die zur IOC-Präsidentin wurde.

Aussichten auf Coventrys IOC-Präsidentschaft düster

Setzt man auch Scheuklappen auf, lässt man sich ein auf Kirsty Coventrys Logik, wird es nicht besser, im Gegenteil. Es ist das IOC, das seit jeher die Rahmenbedingungen hinnimmt, die von den Mächtigen der Islamischen Republik Iran gesetzt werden. Nie hat das IOC, hat der Internationale Schwimmverband ein Machtwort gesprochen, obgleich Mädchen wie Arnika Dabbagh seit Jahrzehnten diskriminiert werden. Stets wurde das staatlich gelenkte nationale olympische Komitee Irans zu den Spielen geladen.

„Unermüdlich“ arbeite man mit allen nationalen olympischen Komitees, um Barrieren für Frauen im Sport zu durchbrechen, schreibt ein IOC-Sprecher. Mit den Iranern und auf dem gesamten Erdball. Es habe Fortschritte gegeben, es bleibe noch Arbeit zu tun. Ob sich das auf Iran bezieht? Oder den Erdball? Die Auskunft ist so vage wie der Ausdruck von Mitgefühl.

Arbeit bleibt jedenfalls, das stimmt. Irans Olympiamannschaften durften stets ohne Schwimmerinnen kommen. Ein öffentliches Wort, verstärkter Einsatz gar von Kirsty Coventry für durch ihren Staat benachteiligte iranische Sportlerinnen? Nicht erinnerlich. Sollte sich die schon als Athletensprecherin vom damaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach Protegierte doch starkgemacht haben für die Benachteiligten, dann verzichtet das IOC auf einen Verweis darauf.

Kirsty Coventry behauptet, die Spiele seien ein wundersames Fest der Gleichberechtigten, ein Reigen der sich gegenseitig respektierenden Anschauungen, eine bessere Welt. Für Mädchen wie Arnika Dabbagh sind sie genau das nicht. Für sie sind die Olympischen Spiele der Ort, an dem sich die Diskriminierung von Mädchen durch die Islamische Republik manifestiert.

Ein durch und durch politischer Ort. Ein ungerechter Ort. Dass Kirsty Coventry öffentlich vorgibt, es sei möglich, diese Realität zu ignorieren, sie mit bekannter, schlichter PR zu überdecken, ist ein schlechtes Zeichen: Die Aussichten auf ihre IOC-Präsidentschaft sind düster. Vor allem für iranische Schwimmerinnen, die den Mördern bislang entgangen sind.