Die US-Filmakademie hat am Donnerstag die Nominierungen für die Oscarverleihung bekannt gegeben. Die spannendste Frage aus deutscher Sicht war natürlich, ob die deutsche Einreichung es unter die Endauswahl der fünf Kandidaten in der Kategorie bester internationaler Film schafft: Mascha Schilinskis Drama „In die Sonne schauen“ hatte seine Weltpremiere beim Festival von Cannes, wo es gerade von der US-Presse sehr positiv aufgenommen wurde. Weshalb dem Film vorab durchaus mehr als Außenseiterchancen eingeräumt wurden. Geklappt hat es leider nicht. Die Berliner Regisseurin ist raus aus dem Rennen um den wichtigsten Filmpreis der Welt.
Das braucht sie sich aber nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen. Denn so hart wie diesmal war die Konkurrenz in dieser Kategorie selten. In die Endauswahl geschafft haben es der brasilianische Thriller „The Secret Agent“ mit „Narcos“-Star Wagner Moura, die iranische Tragikomödie „Ein einfacher Unfall“ (die durch Frankreich eingereicht wurde, weil der Regisseur Jafar Panahi in seiner Heimat politisch verfolgt wird), das gefeierte spanisch-französische Drama „Sirāt“, das Gaza-Drama „Die Stimme von Hind Rajab“ und die norwegische Familientragikomödie „Sentimental Value“. Darüber werden sich nicht nur die jeweiligen Nominierten freuen, sondern auch die Verantwortlichen des Festivals von Cannes: Bis auf „Hind Rajab“ hatten diese Filme allesamt dort ihre Weltpremiere und unterstreichen mal wieder mehr als deutlich den Ruf der Croisette als bedeutendstes Filmfestival der Welt.

:Der schönste Film des Jahres
Jeden Abend im Schein des Netflix-Logos einzudösen, ist auch keine Lösung. Die Tragikomödie „Sentimental Value“ ist der perfekte Grund, mal wieder ins Kino zu gehen.
Die große Überraschung ist allerdings, wie sehr die Mitglieder der US-Academy den norwegischen Beitrag „Sentimental Value“ zu lieben scheinen. Er ist zusätzlich in nahezu allen anderen wichtigen Kategorien dabei. Joachim Trier ist als bester Regisseur nominiert sowie fürs beste Originaldrehbuch, Renate Reinsve als beste Hauptdarstellerin, Stellan Skarsgård als bester Nebendarsteller und Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas als beste Nebendarstellerinnen.
Außerdem ist das Werk nicht nur als bester internationaler Film im Rennen, sondern auch in der Königskategorie bester Film. Insgesamt hat die norwegische Einreichung neun Nominierungen bekommen. Das gibt es für Filme, die nicht aus Hollywood stammen, nur sehr selten, und ist absolut verdient: „Sentimental Value“ ist einer der schönsten Filme der letzten Jahre.

:Jetzt neu: Oscars mit Sichtungspflicht
Die US-Filmakademie will künftig streng kontrollieren, ob ihre Mitglieder die nominierten Filme auch gesehen haben, über die sie abstimmen. Das ist doch mal eine gute Idee.
Einen Rekord hat der Film „Blood & Sinners“ von Regisseur Ryan Coogler aufgestellt, halb Vampir-Horror, halb Rassismus-Drama: Er hat insgesamt 16 Nominierungen bekommen, so viel wie noch kein Film zuvor in der Geschichte der Oscars. Damit gilt er in Hollywood jetzt natürlich als Frontrunner für einen größeren Preisregen. Aber schon oft sind Filme mit vielen Nominierungen dann in der Oscarnacht vergleichsweise leer ausgegangen, und die Konkurrenz ist auch hier groß. Die Thriller-Komödie „One Battle After Another“ ist 13 Mal nominiert, unter anderem Leonardo DiCaprio als bester Hauptdarsteller, Paul Thomas Anderson als bester Regisseur und Benicio del Toro und Sean Penn als beste Nebendarsteller. Und auch dem Tischtennisdrama „Marty Supreme“ (neun Nominierungen) sowie dem Shakespeare-Liebesfilm „Hamnet“ (acht Nominierungen) werden weiterhin beste Chancen eingeräumt.
Erstmals verkündet wurden die fünf Nominierten in der neu geschaffenen Kategorie fürs beste Casting, die von vielen Filmschaffenden schon lange gefordert wurde und nun endlich kommt. Die Finalisten sind die Besetzungsverantwortlichen von „Hamnet“, „Marty Supreme“, „Blood & Sinners“, „The Secret Agent“ und „One Battle After Another“.
Für die mehr als 10 000 stimmberechtigten Mitglieder der US-Filmakademie steht nun erst mal viel Arbeit an. Denn seit diesem Jahr soll es laut der Academy erstmals eine Art Sichtungspflicht geben. Bislang wurde einfach darauf vertraut, dass Mitglieder nur dann abstimmten, wenn sie auch alle nominierten Filme einer Kategorie wirklich gesehen haben. Da das in der Praxis aber anscheinend nicht immer der Fall war, soll jetzt über den digitalen Screening Room, der für die Oscar-Filme bereitgestellt wird, genau nachverfolgt werden, ob die Juroren sich die Filme auch ansehen. Dazu, sowie zur Stimmabgabe, haben sie jetzt bis zum 5. März Zeit.
Die 98. Oscar-Verleihung findet am 15. März statt, wie gewohnt im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard in Los Angeles. Moderiert wird sie wie schon im letzten Jahr von Conan O’Brien, dessen Auftritt sehr gut aufgenommen wurde und den Verantwortlichen die besten Einschaltquoten seit Jahren beschert hatte.
