An einer Wäscheleine hängen, unweit dreier Holzhäuser, einige Stücke Stoff im Freien einer verschneiten, felsigen Landschaft. Rot und weiß gestreift. Die Landesfarben von Grönland, auch wenn der Farbton nicht exakt getroffen ist. Man ist in diesen Tagen jedoch geneigt, etwas hineinzulesen in diese Fotografie, aufgenommen in der ostgrönländischen Siedlung Kulusuk: eine Widerständigkeit nämlich gegen die schamlose Ambition Donald Trumps, sich Grönland unter den Nagel zu reißen.
Dieses Selbstbewusstsein kann sich freilich in nicht mehr als einem Symbol ausdrücken – die Insel und ihre Bewohner haben der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht der USA nichts entgegenzusetzen. Und ob Europa den Willen dazu aufbringt, falls doch einmal zum Schwur kommen sollte, wird man sehen. Aber hier, in Kulusuk, weht auf der undatierten Aufnahme immerhin vorerst kein weißes Tuch im Wind, nichts, was sich als Kapitulation interpretieren ließe.

Der französische Fotograf Christophe Jacrot lädt in seinem Bildband „Winterland“ explizit dazu ein: eine Geschichte, wie er auf jeder seiner Aufnahmen eine andeutet, weiterzudenken. Wobei es beileibe nicht dieselbe sein muss, die in seinem eigenen Kopf entsteht, wenn er den Auslöser drückt.
Obwohl die Bilder allesamt in bitterer Kälte aufgenommen sind, oftmals bei Wind und Schneetreiben, frieren sie nichts ein, dokumentieren nicht einen bestimmten Augenblick. Sondern die Motive sind auf eigenwillige Weise in Bewegung. Es gibt stets die Andeutung eines Vorher und eines Nachher. Außerdem ist auf vielen von ihnen etwas zu sehen, das einen Akzent setzt in den dunkelgrün-braun-grau-weißen Einöden und auf eine zweite Wirklichkeit hinweist, die hinter den Fassaden und Fenstern existiert. In seinem Nachwort nennt der Journalist und Autor Christian Malessa die Arbeiten Jacrots „Ein-Bild-Filme“.

Man muss sich Christophe Jacrot als einen Menschen vorstellen, der der Sonne nicht viel abgewinnen kann. Frühere Bildbände von ihm tragen Titel wie „Paris sous la pluie“ (Paris unter dem Regen), „New York in Black“ und „Lost in the Beauty of Bad Weather“. Nun also „Winterland“, mit Fotografien aus 15 Ländern respektive Territorien, die den Winter in seiner ganzen Härte und Unbarmherzigkeit zeigen. Jacrot ist sogar nach Norilsk in Sibirien gereist, der am nördlichsten gelegenen Großstadt der Erde. Erbaut unter Stalin auf Permafrostboden, überwiegend von Gulag-Häftlingen, um die dort reichhaltigen Nickel- und Kupfervorkommen abzubauen.

Die Bewohner, schreibt Jacrot in einem kurzen Begleittext, nutzen selbst für kurze Wege ein Fahrzeug, „weil der Wind so unerträglich ist“. Fünf Monate im Jahr liegt die Durchschnittstemperatur unter minus zwanzig Grad. Er selbst indessen freut sich, dass er für sein Fotoprojekt perfekte Bedingungen vorgefunden hat: „Ich hatte das Glück, einen der Schneestürme zu erleben, wie sie nur Sibirien hervorbringt. Manchmal musste ich auf allen Vieren kriechen, um nicht hinzufallen.“
Es geht Jacrot aber nicht darum, die Lebensfeindlichkeit der Szenerien zu betonen. Sondern vielmehr dort, wo sich die meisten anderen Menschen aus solchen Szenerien zurückziehen, nach Wärme, Bewegung, Licht zu suchen, nach Spuren des Lebens also. In Norilsk zum Beispiel sind etliche Häuser so farbenfroh angestrichen, wie man das eigentlich nur von manchen Karibikinseln kennt. Jacrots Fotografien sind, so abweisend die Natur- wie die Stadtlandschaften auf den ersten Blick auch sein mögen, oftmals dennoch erstaunlich behaglich.

Das Buch versammelt etliche Großstadtszenerien, aus Chicago, Amsterdam, Stockholm, Paris und Montréal, wo der nächste geschützte Innenraum nicht weit ist – oder ohnehin aus einem heraus fotografiert worden ist. Die alpinen Szenerien aus Frankreich, der Schweiz und Italien zeigen immer auch ein Stück Infrastruktur, eine Straße, einen Tunnel. Einen Weg also hin zu einem anderen, wohligeren Ort. Das ist die große Qualität dieser Fotografien, dieses Buches: Christophe Jacrot präsentiert keine Winterwunderland-Idyllen wie aus der Tourismuswerbung. Sondern eine sehr vitale Stille. Bilder einer Hoffnung trotz der sie umgebenden Trostlosigkeit.
