
Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Aber er bleibt ruhig. Fast versteinert sitzt Egisto Ott da, ganz in Schwarz, randlose Brille. Keine Regung. Nicht, als ihm der Staatsanwalt vorwirft, sensible Personendaten „ohne dienstlichen Auftrag“ abgerufen zu haben. Nicht, als er ihn des „Landesverrats“ bezichtigt. Oder als er sagt, Ott habe den russischen Geheimdienst „über Jahre hinweg“ mit Informationen versorgt.
Nur manchmal schweift Otts Blick durch den Raum, hinüber zu den Geschworenen, dem Bundesadler über ihnen, oder zu den Sitzreihen mit den Journalisten. Nur wenig Licht fällt durch die schmalen Fenster hinter ihm, Neonröhren erhellen den Raum. Die Akustik ist schlecht. „Bitte sprechen Sie ins Mikrofon, man versteht Sie sonst kaum!“, mahnt die Schriftführerin. „Es hallt.“
Es ist eine kleine Bühne für eine große Sache: den größten Spionageprozess, den Österreich seit Jahrzehnten gesehen hat. Im Zentrum steht Egisto Ott, 63, ein ehemaliger Verfassungsschützer aus Kärnten. Er ist wegen Missbrauchs der Amtsgewalt, geheimdienstlicher Tätigkeit zugunsten Russlands, Bestechlichkeit und anderer Delikte angeklagt. Neben ihm: ein weiterer Ex-Mitarbeiter des BVT. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.
Der Fall führt weit über Wien hinaus
Eines ist schon jetzt klar: Es wird ein riesiger und langer Prozess. Die Anklageschrift umfasst 172 Seiten, allein die Staatsanwaltschaft hat 89 Zeugen nominiert. Mindestens zehn Verhandlungstage sind geplant. Und der Prozess führt einerseits mitten hinein in das Herz der inneren Sicherheitsarchitektur des Landes, den österreichischen Verfassungsschutz. Den BVT, das inzwischen aufgelöste Bundesamt für Verfassung und Terrorismusbekämpfung.
Aber andererseits führt der Fall weit über Wien hinaus: Es geht nämlich auch um mögliche Verbindungen Otts zu Jan Marsalek, den international gesuchten ehemaligen Wirecard-Manager, der laut Recherchen von Spiegel und Standard inzwischen für den russischen Geheimdienst arbeiten soll.
Die Vorwürfe gegen Ott sind zahlreich: Er soll Kremlgegner und abtrünnige Geheimdienstler ausspioniert haben sowie rechtswidrig sensible Informationen und Datenträger, wie die Diensthandys von Spitzenbeamten im Innenministerium, gesammelt und weitergegeben haben – möglicherweise an russische Dienste. Das alles „zum Zwecke der Übermittlung an Jan Marsalek und unbekannte Vertreter des russischen Nachrichtendienstes“. Und: Der Angeklagte soll „zum Nachteil der Republik Österreich einen geheimen Nachrichtendienst der Russischen Föderation unterstützt haben“, so sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft Wien.
Ott soll für seine Dienste laut Anklage finanzielle Gegenleistungen erhalten haben.
Vor Gericht hat er – wie schon zuvor in Interviews – alle Vorwürfe zurückgewiesen und bekennt sich „nicht schuldig“. Und je länger der erste Prozesstag dauerte, desto launiger wurde der Angeklagte. Über die Vorwürfe des Staatsanwalts sagt er: „Er sollte eher Märchenerzähler werden.“
Sollte ein Journalist entführt werden?
Um den Fall Ott besser zu verstehen, lohnt ein Blick auf den Fall Christo Grozev. 2021 fragte Ott die Meldeadresse des Investigativjournalisten ab. Grozev, gebürtiger Bulgare, lebte damals in Wien und wurde durch seine Enthüllungen über den russischen Geheimdienst weltbekannt.
Dass Grozevs Meldeadresse nur „im alleinigen Interesse des russischen Nachrichtendienstes“ gewesen sein könnte, davon geht die Staatsanwaltschaft Wien aus – Ott bestreitet das vor Gericht. Wozu brauchte er dann Grozevs Meldeadresse? Er habe sich – gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Martin Weiss – mit dem Investigativjournalisten nur über seine Recherchen austauschen wollen, sagt Ott, ihm „unsere Sichtweise“ präsentieren und gegen die „Medienhetze“ vorgehen, „damit ein anderes Narrativ erreicht wird“. Weiss war nämlich schon damals wegen seiner Nähe zu Marsalek ins Visier geraten, Grozev hatte dazu recherchiert.
„Wäre es nicht einfacher gewesen, ihn online zu kontaktieren?“, fragt der Richter. Hätte er gleich ein Plakat schreiben sollen: „Bitte lieber Grozev, melde dich?“, antwortet Ott. „So was macht man nicht.“
„Putin hasst mich“
Ein Jahr, nachdem Ott die Meldeadresse von Grozev abgefragt hatte, brachen Mitglieder eines bulgarischen Spionagerings in dessen Wiener Wohnung ein. Sie stahlen einen Laptop und USB-Sticks. Der mutmaßliche Auftraggeber, so urteilte im Vorjahr ein Londoner
Gericht: Jan Marsalek. In Chats hatte sich Marsalek mit seinen
Handlangern darüber ausgetauscht, ob sie Grozev nach Moskau entführen
sollten – oder gleich töten.
In Österreich kann der Journalist mittlerweile nicht mehr leben, weil hier seine Sicherheit nicht mehr garantiert werden kann. „Putin hasst mich“, sagte er vor einem Jahr in einem Interview mit der ZEIT. Ott habe durch die Abfrage der Adresse „die nationale Sicherheit, aber auch die körperliche Sicherheit von Christo Grozev verletzt“, so der Staatsanwalt.
Und Martin Weiss, der, gemeinsam mit Ott, mit Grozev nur ein bisschen über seine Recherchen plaudern wollte? Der ist nach Dubai geflohen, wo er sich dem Zugriff der österreichischen Justiz entzieht.
Überhaupt – Martin Weiss: Er gilt als Schlüsselfigur in der Causa. Er gilt laut Staatsanwaltschaft als Mittelsmann: Über ihn sollen Aufträge von Jan Marsalek zu Egisto Ott gelangt sein. Weiss war im BVT Abteilungsleiter, heuerte aber zwischenzeitlich bei Marsalek an, als dieser noch bei Wirecard war. Er soll Marsalek auch bei seiner Flucht geholfen haben, als das Unternehmen Wirecard zusammenbrach. Arbeitete ausgerechnet er, einer der hochrangigen Verfassungsschützer des Landes, den russischen Diensten zu? Man wird es ihn in diesem Prozess nicht fragen können.
„Ich lasse mir meine Seele nicht zersetzen“
Für die österreichische Justiz ist nur Egisto Ott greifbar. Seine Verteidigerin mahnt hingegen, man dürfe nicht vergessen, dass man sich „im Geheimdienstmilieu“ bewege. „Wir reden von Leuten, die geheimdienstlich ausgebildet sind.“ Der Hausverstand greife hier manchmal nicht, sagt sie. „Hätte der russische Geheimdienst wirklich Egisto Ott gebraucht?“ Und gibt die Antwort gleich selbst: „Nein.“
Anders sieht das freilich die Staatsanwaltschaft. Ott sei „kein Russland-Romantiker, der eine alte KGB-Uniform im Keller hat“. Er habe den russischen Nachrichtendienst nicht unterstützt, weil er das Putin-Regime bewundere, sondern aus Frust. Nach seiner Rückkehr aus dem Ausland habe er ein „verletztes Ego“ gehabt und „dringend Geld“ gebraucht, sagt der Staatsanwalt. Das habe ihn „anfällig“ gemacht. Ott widerspricht: Er sei weder pleite noch hasserfüllt. „Hass zerfrisst die Seele“, sagt er. „Ich lasse mir meine Seele nicht zersetzen.“
Acht Jahre wurde nun ermittelt. Nun sollen die Geschworenen entscheiden, ob Ott ein Verräter war – oder ein frustrierter Beamter, der zu weit ging. Der Prozess fällt in eine Zeit wachsender Spannungen mit Russland. Ob er Russland als Bedrohung sehe, wurde Egisto Ott im Vorjahr in einem Podcast der Financial Times gefragt. „Nein, nein, nein“, sagte er. Es gebe nur „einige Falken im Westen“, die einen „Dritten Weltkrieg“ wollten.
