Urlaubstipps und Geheimtipps: Bloß nicht weitersagen – Reise

Es soll Menschen geben, die sich geehrt fühlen, wenn jemand sie um Urlaubstipps bittet. „Du hattest doch mal von diesem tollen Agriturismo erzählt. Wir würden ja dieses Jahr gerne an Ostern …“ Für andere beginnen so Albträume. Möchte man ausgerechnet den Ort preisgeben, an dem man sich besonders wohlfühlt? Der an miesen Tagen Trost spendet mit der Aussicht, dass man – zumindest theoretisch – jederzeit an ihn zurückkehren könnte, sich dort zurückziehen, von allem und allen unbehelligt?

Einmal verraten, wo sich ein solcher „Geheimtipp“ befindet, bekommt diese Vorstellung gefährliche Risse. Was, wenn das Lieblingsferienhäuschen beim nächsten Buchungsversuch nicht mehr verfügbar wäre – womöglich wegen genau der Kollegin, die sich neulich scheinbar beiläufig danach erkundigt hat? Oder wenn es um eine hübsche Badebucht oder das ach so authentische Alpendörflein geht: Wenig verlockend, dort das nächste Mal ausgerechnet der Familie in die Arme zu laufen, der man in einem Moment geistiger Umnachtung unnötigerweise davon vorgeschwärmt hat nach dem zweiten Glühwein beim Grundschul-Basar.

Ja, Ausplaudern führt zu Kontrollverlust, das gilt für private Indiskretionen ebenso wie für professionelle Tourismuskommunikation. Wer Aufmerksamkeit erregt, bekommt sie halt auch. In Dubrovnik ist mutmaßlich immer noch ein internationaler Haftbefehl anhängig gegen den Unglücklichen, der einst die Drehgenehmigung für „Game of Thrones“ unterschrieb und so einen jahrelangen Ansturm kreuzfahrender Serienfans entfesselte. Manch schöne Metropole richtet ihr Marketing mittlerweile weitgehend darauf aus, Touristen von sich weg ins Umland zu lotsen, um Einheimische vom drohenden Volksaufstand abzuhalten.

Hoch gehandelt werden in diesem Kontext Hinweise auf Ziele, die eben angeblich noch nicht völlig überrannt sind. Österreich treibt diesen „Geheimtipp“-Hype derzeit gekonnt auf die nächste Stufe. Geworben wird nun unter anderem mit verpixelten Bildern, die erst freigeschaltet werden, nachdem Interessierte digital eine „Geheimhaltungsvereinbarung“ unterzeichnet haben.

Wo könnte das wohl sein? Die neue Tourismuskampagne aus Österreich gibt bewusst Rätsel auf.
Wo könnte das wohl sein? Die neue Tourismuskampagne aus Österreich gibt bewusst Rätsel auf. (Foto: ÖW/Kaiserschnitt Film)

Die Aktion ist natürlich ironisch gemeint, aber muss das so bleiben? Privatreisende, die um den unschätzbaren Wert eigener Urlaubsentdeckungen wissen, sollten sich von den Österreichern inspirieren lassen. Ab sofort alle, die einen Urlaubstipp haben wollen, selbstverfasste Knebelverträge unterschreiben zu lassen, kann da nur ein erster Schritt sein. Vielleicht auch angemessene Tauschgeschäfte einfädeln, zum Beispiel ein bezahlbares Boutiquehotel in Florenz gegen fünf gute Restaurants in Rom. Die Vermieterin der bevorzugten Unterkunft dazu bringen, ihr Kleinod von sämtlichen Buchungsplattformen zu nehmen, wäre schon herausfordernder. Ablenkungsmanöver durch gezieltes öffentliches Schlechtreden eigener Lieblingsorte dürfte grundsätzlich funktionieren, jedoch unglaubwürdig werden, wenn man nachweislich doch immer wieder hinreist.

Echte „Non Disclosure“ könnte aber auch bedeuten, sämtliche Reisen einfach konsequent zu verschleiern und zu leugnen. „Ach, wir bleiben eigentlich immer auf Balkonien.“ Unerwünschten Nachforschungen also jede Grundlage zu entziehen, indem man gar keine Angriffsflächen mehr bietet. Das würde natürlich auch ein totales Embargo bedeuten für Postkarten, Foto-Angeberei in Chats und Social Media sowie für Mitbringsel aller Art. Wie gesagt: ein sehr vielversprechender Ansatz.

Die Autorin hat mal gehört, dass es am Meer ganz schön sein soll. In den Bergen aber auch.
Die Autorin hat mal gehört, dass es am Meer ganz schön sein soll. In den Bergen aber auch. (Foto: Bernd Schifferdecker)