Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert eine nationale Adipositas-Strategie. „Wir sprechen mittlerweile von einer Epidemie“, sagte der Sprecher der Leopoldina-Arbeitsgruppe zu Adipositas, Alexander Pfeifer, am Mittwoch bei der Vorstellung eines Strategiepapiers in Halle (Saale). Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland litten an Übergewicht. Zudem sei bereits jedes sechste Kind betroffen, sagte Pfeifer. Fachleute sprechen ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 von Adipositas.
In ihrer Strategie schlagen die Experten der Leopoldina eine Kombination aus Prävention und neuen Therapien wie Abnehmspritzen vor. Adipositas sei nicht nur eine weitverbreitete chronische Erkrankung, sondern auch sehr komplex. „Oft reicht eine kalorienarme Diät allein nicht aus, um das Gewicht zu reduzieren“, ergänzte Pfeifer. So habe Adipositas zum Teil auch genetische Ursachen oder werde durch psychosoziale Faktoren forciert.
Zugleich fördert Adipositas schwere Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs. „Hinzu kommt, dass Adipositas große soziale Auswirkungen hat, mit Diskriminierung verbunden ist und gesellschaftliche Teilhabe erschwert“, ergänzte die Leopoldina in ihrem Strategiepapier. Die volkswirtschaftlichen Kosten in Deutschland summierten sich insgesamt auf etwa 113 Milliarden Euro im Jahr, was etwa 2,6 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts ausmache.
Prävention muss im Kindesalter beginnen
Die Mitautorin und Direktorin des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, Iris Pigeot, verwies auf die Notwendigkeit einer langfristigen Strategie mit zielgerichteten „Präventionsmaßnahmen, die bereits in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren der Kinder“ ansetzen. Die Kinder müssten bereits frühzeitig eine gesunde Lebensweise erleben und erlernen, um Gesundheits- und Bewegungskompetenzen zu erwerben.
Neben zielgerichteten Bewegungs- und Beratungsangeboten forderte sie aber auch „regulatorische Maßnahmen“ wie die steuerliche Belastung „von stark zucker- oder fetthaltigen Lebensmitteln“. Im Gegenzug sollten gesunde Lebensmittel billiger werden, beispielsweise durch die Senkung der Mehrwertsteuer für Obst, Gemüse und Vollkornprodukte.
Um Patientinnen und Patienten effektiv zu behandeln, fordert die Leopoldina, dass verschiedene Therapieformen individuell aufeinander abgestimmt werden. Dazu zählen auch die Verschreibung von Abnehm-Medikamenten, psychologische Unterstützung oder – wenn nötig – chirurgische Eingriffe wie Magen-Bypässe.

:Was nach dem Absetzen der Abnehmspritzen passiert
Wer die Mittel nicht mehr nutzt, nimmt meist deutlich schneller wieder zu als Menschen nach klassischen Abnehmprogrammen. Was bedeutet das für Betroffene?
Pharmakologe Pfeifer verwies darauf, dass moderne Medikamente wie Abnehmspritzen beim Gewichtsverlust unterstützen und Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Nieren- und Lebererkrankungen reduzieren könnten. Doch aktuell verhindere der Gesetzgeber die Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Hier sei eine Anpassung notwendig, um moderne Adipositas-Medikamente für alle betroffenen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen. Als Nationale Akademie der Wissenschaften leistet die Leopoldina seit 2008 unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung zu gesellschaftlich relevanten Fragen.
