

Zu den seltsamen Wortschöpfungen, die das Zeitalter des neuen Ost-West-Konflikts prägen, gehört der „Wegwerf-Agent“. Während die Ermittler im Fall der großen Berliner Stromsabotage, die einen Teil der Hauptstadt in eine viertägige Dunkelheit stürzte, bei der Tätersuche immer noch im Dunklen tappten, wurde schon der Verdacht geäußert, bei den angeblich linksradikalen Tätern könne es sich in Wirklichkeit um „Wegwerf-Agenten“ handeln.
Fragen stellen sich. Wer stellt Wegwerf-Agenten her, wer wirft sie wann weg, und wohin? Sind Wegwerf-Agenten Einweg-Agenten, oder kann man Wegwerf-Agenten recyceln? Gehören linksradikale und biodeutsche Wegwerfagenten in die Bio-Tonne? Und was genau sind bitte Wegwerf-Agenten überhaupt? Wegwerf-Agenten, klärt das Internet auf, sind „geheimdienstlich gesteuerte Amateure, die mit finanziellen Versprechen zu einer Aktion“ angestiftet werden, und zwar von professionellen Agenten eines anderen Landes, die den angeworbenen Amateur über den wahren Auftraggeber oder das Ziel einer Tat im Unklaren lassen; wenn der Wegwerf-Agent geschnappt wird, kann er diese Ziele und Auftraggeber nicht verraten.
Das Bundeskriminalamt warnt vor Anwerbeversuchen
Ein denkbares Beispiele wäre: Ein ausländischer Geheimdienstler, der in Deutschland Chaos verursachen will, spricht eine linke Gruppe an, die mit der Klimapolitik der Bundesregierung nicht einverstanden ist. Ob sie nicht ein Zeichen setzen, den Klimasündern einen Denkzettel verpassen wolle? Man verfolge die gleichen Ziele, habe technische Informationen und ein bisschen Geld: Schon wird aus der linken Gruppe ein Haufen Wegwerf-Agenten, der, vielleicht ohne es zu wissen, im Auftrag eines feindlichen Landes Chaos verursacht.
Waren es auch Wegwerf-Agenten, die dem Berliner Regierenden Bürgermeister eingeflüstert haben, sich eine weiße Hose anzuziehen und erst mal eine Runde Tennis zu spielen, um sich auf eine Welt vorzubereiten, die ihre Probleme wie eine Tennisballmaschine abfeuert? Hinter dem etwas ulkigen Begriff tauchen ernste Fragen auf: Wenn schon linke Splittergruppen auf eigene Faust oder auf Einladung ausländischer Geheimdienste als Wegwerf-Agenten einen solchen Schaden anrichten können: was ist dann erst, wenn echte, von Geheimdiensten nach traditioneller Art handgefertigte Manufactum-Agenten in Deutschland zuschlagen?
Das Bundeskriminalamt warnt jedenfalls im Internet unter dem Stichwort „Wegwerf-Agenten“ vor Anwerbeversuchen; sogar ein eigenes, etwas seltsames Piktogramm gibt es auf der Website des BKA für den Wegwerf-Agenten – ein Mann schmeißt seinen Hut in den Mülleimer, wobei nicht klar ist, ob der Hut selbst den Wegwerf-Agenten darstellt oder hier gerade ein Einweg-Agent seinen Hut an den Nagel hängt.
Das alles ist lustig, was damit gemeint ist weniger: Muss man sich auf ein Zeitalter der Sabotage einstellen, in der Wegwerf-Agenten den sogenannten hybriden Krieg in Europas Städte tragen? Schon jetzt bringt jedes Unglück, zuletzt die Schnellzug-Katastrophe in Spanien, als Erstes die Befürchtung mit sich, keines zu sein, sondern Folge einer fatalen Sabotage. Diese Angst wird sich nicht mehr so leicht wegwerfen lassen wie der Hut beim BKA.
