Stan Wawrinka bei den Australian Open: Spektakel bei Abschiedstour

Stan Wawrinka bei seinem Zweitrunden-Match

Stand: 22.01.2026 11:35 Uhr

Stan Wawrinka hat noch mal die Zeit zurückgedreht. In der zweiten Runde der Australian Open bietet er den Fans noch einmal eine großartige Show. Ende 2026 soll Schluss sein. Doch der Schweizer tut alles dafür, dass der Abschied allen schwer fallen wird.

Noch mal hatte Stan Wawrinka alles aus seinem inzwischen 40-jährigen Körper herausgeholt. Noch einmal breitete er bei spektakulären Punkten die Arme, um die Liebe der Zuschauerinnen und Zuschauer einzufangen. Noch einmal versetzte er das Publikum mit seiner gleichzeitig wuchtigen, gleichzeitig so eleganten Rückhand in Verzücken. Außerhalb der 5000 Zuschauer Platz bietenden KIA Arena bildeten sich im Laufe des Matches an allen Eingängen mehrere hundert Meter lange Schlangen. Niemand wollte den vielleicht letzten Auftritt Wawrinkas in Melbourne verpassen.

Doch der Schweizer lieferte noch einmal eine der ganz großen Geschichten dieses Turniers. Er besiegte den französischen Qualifikanten Arthur Gea, mit 21 Jahren halb so alt, nach mehr als viereinhalb Stunden im Tiebreak des fünften Satzes und verlängerte damit die letzten Australian Open seiner Karriere um mindestens zwei Tage. Sein französischer Gegner wurde am Ende von Oberschenkelkrämpfen geplagt. Wawrinka hielt durch.

Stan Wawrinka (l.) nach seinem Sieg gegen Arthur Gea

„The Last Dance“

Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr hatte der Schweizer angekündigt, dass die jetzige seine letzte Saison sein würde. „Jedes Buch braucht ein Ende. Es ist Zeit, das letzte Kapitel meiner Karriere als Tennisprofi zu schreiben“, schrieb er auf Instagram. Die Australian Open vergeudeten keine Zeit und gaben dem Sieger von 2014 bereitwillig eine der Wild Cards für das Hauptfeld.

Mit „The Last Dance“, dem letzten Tanz, überschrieben die Organisatoren seinen und Gael Monfils‘ letzten Auftritt. Auch der Franzose beendet Ende des Jahres seine Laufbahn. Sportlich gesehen hätte sich Wawrinka durch die Qualifikation kämpfen müssen. Sie war eine Verbeugung des Turniers vor den Großtaten Wawrinkas in der Vergangenheit. Dass die Wild Card berechtigt war, sah man an diesem Donnerstagabend.

„Stan the Man“ – Teil der „Big 5“?

Die Karriere von Wawrinka und die Australian Open sind untrennbar miteinander verbunden. Im Januar 2014 gewann der heute 40-jährige, der seit Jahren hier liebevoll „Stan the Man“ genannt wird, seinen ersten Titel bei einem der vier Major-Turniere. Siege gegen Novak Djokovic im Viertelfinale und Rafael Nadal im Finale krönten eine Leistung, die kaum jemand für möglich gehalten hatte.

Wawrinka gewann drei Majors. Zu einer Zeit, in der Djokovic, Nadal und Roger Federer noch auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft standen. Bei jedem seiner drei Siege, 2014 in Australien, 2015 in Paris und 2016 in New York, besiegte er die amtierende Nummer 1 der Weltrangliste. Nur Andy Murray, der auch drei Grand Slams gewann, brach regelmäßiger in diese Phalanx ein.

„Stan the Man“ – Wawrinkas Spitzname

Djokovic, Nadal und Federer wurden die „Big 3“ getauft, in Murrays bester Zeit wurden daraus die „Big 4“. Wawrinka, der die gleiche Anzahl an Majors wie Murray gewann, zählte sich jedoch nie dazu. Eine „Big 5“? Nein, das wäre vermessen. „Sie sind Meilen von mir entfernt. Es ist ein bisschen respektlos ihnen gegenüber und vor allem gegenüber Andy (Murray). Er hat 46 Titel gewonnen und stand 20 Jahre in den Top 10“, wie er dem „Nothing Major“-Podcast 2025 verriet.

Die rot karierte Hose war sein einziger Anflug von Extravaganz

Wawrinka hat in die Riege der drei bestimmenden Spieler der letzten 20 Jahre auch nie richtig hineingepasst. Das Charisma von Djokovic, Nadal und Federer geht ihm ab, er spricht leise und ist auch sonst kein Mann für die großen Auftritte. Extravaganz leistete er sich wohl nur 2015 bei den French Open: Seine rot karierte Hose fand auch in der Knopfleiste seiner Shirts in diesem Jahr eine Reminiszenz.

Stan Wawrinka in seiner berühmten roten Hose während der French Open 2015

Eine Bilanz der Karriere von Stanislas, genannt Stan Wawrinka, kommt natürlich nicht ohne die Würdigung des Schlages aus, der die Karriere und zum Teil auch die Beliebtheit des in Lausanne geborenen Schweizers erklärt. Die Rückhand, einhändig. In alten Zeiten ein Standardschlag ist die einhändige Rückhand in den vergangenen Jahren zu einer Seltenheit geworden. Von den Topprofis wird sie bis auf wenige Ausnahmen – Lorenzo Musetti zum Beispiel – nicht mehr gespielt. Wawrinka erhob sie zur Kunstform.

„Tennis ist immer noch mein Hauptfokus“

Das kompetitive Feuer ist im Schweizer noch immer nicht erloschen. Auch wenn er weiß, dass er kein Grand Slam mehr gewinnen wird. „Ich empfinde immer noch Leidenschaft für dieses Spiel. Tennis ist immer noch mein Hauptfokus“ hatte er schon nach seinem Erstrundensieg gesagt. Er freut sich auf das Jahr 2026. „Ein Jahr ist lang und ich werde nicht jünger, ich bin aber glücklich, noch wettbewerbsfähig zu sein und gut spielen zu können.“ Dass er es immer noch draufhat, zeigte er am Anfang des Jahres beim United Cup. Er gewann zwar nur eins von fünf Matches, bot seinen deutlich jüngeren Gegnern aber durch die Bank die Stirn und zeigte bemerkenswert gutes Tennis.

Der Schweizer wird nicht mehr häufig auf der großen Bühne zu sehen sein. Sicher: Viele Turniere werden ihm eine Wild Card anbieten, eine automatische Spielberechtigung, aber man kann sich sicher sein, dass man ihn auch auf den kleineren Events unterhalb der ATP-Tour sehen wird. Dafür liebt er das Spiel zu sehr.

Stan Wawrinka bei seinem Zweitrunden-Match

Die Karriere wird Ende 2026 zu Ende gehen. Wawrinka hat während seiner aktiven Zeit sichergestellt, dass man sich auch weit über dieses Jahr hinaus an ihn erinnern wird. Mit drei Grand Slams, einer Olympia-Goldmedaille im Doppel, dem Sieg im Davis Cup an der Seite von Roger Federer. Ganz sicher auch mit diesem Sieg am Donnerstag im Melbourne Park. Und mit dieser wunderschönen Rückhand.